Beim Begriff Mobbing hat man ja normalerweise immer diese typische Schulhofkonstellation im Hinterkopf: Mehrere Kinder hacken auf ein einzelnes ein, und die Gründe dafür werden klar benannt. "Brillenschlange", "fette Sau", "Spasti", "Streber", etc
Kinder sind bei sowas wenig subtil.
Je älter man wird, desto komplexer wird die Sache. Ein Erwachsener mobbt normalerweise niemanden, weil er eine Brille trägt. Dafür ist man mit den Jahren zu gut sozialisiert und weiß, dass man sich solche Angriffe nicht leisten kann. Man hat auch nicht mehr das Bedürfnis dazu. Sowas haben eher Kinder.
Erwachsene mobben strategischer. Was stört, sind Menschen, die nicht in die Gruppe passen und auf irgendeine Art und Weise Ärger bereiten. ‘Ärger’, das bedeutet in diesem Kontext: Man legt irgendein Verhalten an den Tag, das der Gruppe nicht gefällt. Zum Beispiel versteht man sich zu gut mit dem verhassten Chef, oder man geht lieber allein zum Mittagessen, oder man übt Kritik am Verhalten von Kollegen.
Solche Aktionen sind oftmals nicht mit Schwäche, sondern mit Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein verbunden. Allerdings mit einem Selbstbewusstsein, das eben nicht in die Gruppe passt.
Dann beginnt die Spirale. Die Gruppe bemerkt dieses Verhalten. Sie spricht darüber. Dadurch wird die betroffene Person dann noch genauer beobachtet. Der Gruppe fallen noch mehr Eigenheiten auf. Auch darüber wird gesprochen. Man steigert sich rein. Man legt einen Filter an und interpretiert dadurch alles, was das Gegenüber tut, mit negativer Voreingenommenheit. Man analysiert, man interpretiert, man macht Witze darüber. Und dann sind die Fronten geklärt.
Jetzt braucht es nur noch eine Person in dieser Gruppe, die sich besonders gestört fühlt oder sich profilieren will, und schon kann das Mobbing beginnen.
Für einen Betroffenen ist es in meinen Augen fast unmöglich, allein aus dieser Nummer wieder rauszukommen. Wenn er passiv bleibt, stachelt er die Kollegen an, deutlicher zu werden. Wenn er sich wehrt, bestätigt er damit nur das negative Bild, das die Leute von ihm haben.
Im günstigsten Fall braucht es da eine weitere hierarchisch gleichgestellte Person, die diese Probleme durchblickt und Partei ergreift. Ein Vorgesetzter kann sowas in der Regel nicht übernehmen, weil sein Einschreiten zu weiteren unterschwelligen Aversionen führt. Zu einem Wir-wurden-verpetzt-Gefühl, das die Atmosphäre unwiderruflich vergiftet.
Aber was, wenn niemand da ist, der Partei ergreifen will?
Dann könnte man vielleicht noch versuchen, Einzelgespräche zu führen. Die Gruppe aufbrechen. Sich jemanden raussuchen, der verständig erscheint, und mal in einer ruhigen Minute unter vier Augen über die Vorfälle reden. Möglichst vorwurfslos. Nicht: »Ihr macht das und das«, sondern eher: »Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«
Nicht anklagen, sondern um Rat fragen.
Dadurch wird diese Person den nächsten Angriff, der stattfindet, wesentlich leichter als solchen erkennen und sich automatisch unterschwellig moralisch verpflichtet fühlen, dafür zu sorgen, dass die Sache nicht ausartet. Zumindest glaube ich das. Hoffe ich das.
Kein Mensch sieht sich selbst gerne als Mobber und Mitläufer. Wenn es einem Opfer gelingt, in einer einzigen Person der mobbenden Gruppen einen rudimentären Ansatz von Selbstreflexion zu erzeugen, dann stehen die Chancen gut, diese Spirale nicht weiter eskalieren zu lassen.
Das entbindet den Gemobbten allerdings nicht von der Pflicht, ebenfalls Selbstreflexion zu betreiben. Es kann auch sein, dass man sich selbst, ohne es zu bemerken, daneben benimmt, und die kritischen Reaktionen der Mitmenschen als Mobbing überinterpretiert.
Gerade jemand, der bereits schlechte Erfahrungen gemacht hat, reagiert auf sowas sehr sensibel. Wenn man bei jeder Form von Kritik automatisch davon ausgeht, dass andere Menschen bösartig, unreflektiert und dumm sind und einen nur fertigmachen wollen, verbaut man sich selbst die Chance auf ein respektvolles Miteinander.
Wer ein schlechtes Menschenbild hat, projiziert das nach außen. Da ist man auch selbst gefragt, den eigenen Negativfilter abzulegen.