Hallo Maya,
ich kann schon irgendwie verstehen, dass es dir wehtut, wenn du das Gefühl hast, die Eltern deines Freundes haben überhaupt keine Wertschätzung für die übrig. Aber weißt du, die Menschen sind unterschiedlich und sie drücken auch ihre Wertschätzung oft sehr unterschiedlich aus. Du kennst es offensichtlich aus deiner Familie und deinem Umfeld so, dass man Wertschätzung durch Interesse am Leben des anderen ausdrückt und dass man das durch häufiges und direktes Nachfragen umsetzt. Aber es gibt eben auch Menschen, die ihre Wertschätzung genau andersrum ausdrücken, nämlich indem sie sich in höflicher Zurückhaltung üben, keine tiefergehenden Fragen stellen, lieber freundlichen Smalltalk betreiben etc.
Deine Beispiele deuten für mich sogar darauf hin, dass sie dich sehr gerne mögen, dir vertrauen und dich als Familienmitglied betrachten. Ich glaube, dass du deren Verhalten einfach aus deiner Erfahrung heraus bisher völlig falsch interpretiert hast. Du schreibst (ganz enttäuscht), dass es beim gemeinsamen Essen immer nur um ihre Themen, Bekannten etc. geht. Und ich denke, dass ist ein Vertrauensbeweis. Ein Beweis dafür, dass du in ihren Augen ganz selbstverständlich dazugehörst und deshalb über "das Übliche" gesprochen werden kann.
Du weißt sicher selber, dass du die Eltern deines Freundes nicht ändern kannst, aber du kannst lernen, ihr Verhalten anders (positiv!) zu bewerten. Ich bin sicher, das würde euer Verhältnis verbessern.
Ich möchte noch ein Beispiel von dir aufgreifen:
Mit der Mutter habe ich schon gekocht, es war wie immer, ich habe immer nur interessiert Fragen gestellt, sie hat mir ausführlich von ihrer Kindheit erzählt, usw. aber zurück kam nichts...
Wow! Mal ehrlich, welche "Schwiegermutter", erzählt ihrer "Schwiegertochter" (in spe), ausführlich von ihrer Kindheit, wenn sie sie nicht leiden kann? Das ist doch total schön und ich hätte mich gefreut über diese Offenheit und dieses Vertrauen, statt enttäuscht über fehlende Fragen zu sein.
Es könnte im Grunde auch ganz anders sein... Auf Menschen, für die solche Zurückhaltung zur selbstverständlichen Höflichkeit gehört, wirken Menschen wie du, die aus Höflichkeit viele Fragen stellen und Interesse zeigen oft eher unangenehm aufdringlich. Logischerweise ziehen sie sich vor so einem Menschen dann eher zurück und verschließen sich. Dass die Eltern deines Freundes das nicht tun, sondern im Gegenteil viel von sich erzählen, zeigt mir noch mehr, dass sie dich wirklich gern haben. Aber sie sind wie sie sind und drücken ihre Wertschätzung eben auf ihre Weise aus. Und ich glaube auch, dass du ganz ohne blödes Gefühl ruhig von dir erzählen darfst, auch wenn sie nicht fragen
Als ich aber ankam, fragte der Vater: Und wieder gut angekommen von der langen Reise? Ich habe dann gesagt, ja und es war so schön und hab dann ein paar Sätze zu meiner Reise gesagt und daraufhin hat er sich wieder abgewandt und ist seiner Arbeit nachgegangen.
Du hast ein paar Sätze gesagt und dann hättest du eine Frage erwartet, richtig? Es wäre dir unangenehm gewesen, so ganz ohne Nachfrage noch mehr zu sagen, weil du befürchtest, ihn sonst damit zu langweilen, stimmts? Sein Verhalten hat dich in der Annahme, ihn womöglich zu langweilen noch bestätigt. Sonst wäre er ja nicht direkt wieder gegangen, oder? Vielleicht kannst du es mit meinen obigen Erklärungen anders verstehen. Seine höfliche Zurückhaltung würde es ihm in so einer Situation einfach nicht erlauben, mehr wissen zu wollen, als du bereit bist, von selber zu erzählen. Er hat also deine paar Sätze, die du gesagt hast, so interpretiert, dass das alles ist, was du dazu erzählen möchtest. Und vielleicht hat er sogar extra um dich nicht in Bedrängnis zu bringen, weitererzählen zu müssen, direkt weitergearbeitet, als er gemerkt hat, dass du fertig bist.
Hättest du dagegen einfach weitererzählt und es wäre nur so aus dir rausgesprudelt, vor lauter Begeisterung, was du alles erlebt hast, glaube ich, dass er dir gerne noch weiter zugehört hätte. Ich glaube nicht, dass ihm seine Arbeit mit der er dann gleich weitermachte, wichtiger war, als das, was du zu erzählen hast, aber er konnte nicht über seinen Schatten springen und dir mit Nachfragen und deutlichem Interesse mehr entlocken, als das, was du von selber erzählst.
Was meint ihr? Ich finde das total komisch und kalt und frage mich die ganze Zeit was das soll.
Meinem Freund scheint das nicht aufzufallen, ich weiß auch nicht ob ich ihm das sagen soll? Es ist mir so unangenehm und da ich auch weiß dass er so ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern hat.
Ehrlich gesagt finde ich das an deiner ganzen Geschichte am besorgniserregendsten. Ich glaube, du hast geschrieben, dass ihr bereits seit 4 Jahren zusammen seid? Und trotzdem ist zwischen euch nicht genug Vertrauen, um über sowas zu sprechen? Ich glaube, es würde viel helfen, wenn du ihm deine Gedanken hierzu anvertraust!
Was wäre so schlimm daran, wenn du ihn um ein Gespräch bittest und ihm erzählst, dass es dir immer noch schwer fällt, seine Eltern richtig einzuschätzen. Das du überhaupt nicht recht weißt, ob sie dich überhaupt mögen und wie du dich in ihrer Gegenwart verhalten sollst. Dass du das Gefühl hast, sie interessieren sich gar nicht für dich und dich das irgendwie traurig macht. Vermutlich wird er erstmal ein bisschen entrüstet reagieren und das gar nicht verstehen können. Das ist ja auch ganz logisch, wenn er sich aus ganz anderen Gründen sicher ist, dass sie dich mögen. Wenn du es ihm aber so erklärst, wie du es uns erklärt hast, dass du es einfach so kennst, dass die Menschen einem ihre Wertschätzung zeigen, indem sie interessiert nachfragen etc. und du darum einfach nicht weißt, wie du dieses fehlende Nachfragen seiner Eltern interpretieren musst, bin ich sicher, dass er dir gerne erklärt, wie das aus seiner Sicht zu bewerten ist. Und er muss das doch viel besser wissen, als wir. Er kennt seine Eltern bestimmt gut genug. Ich würde ihn dann an deiner Stelle auch unbedingt noch fragen, wieso er so sicher ist, dass sie dich mögen. Woran er das erkennt. Ich glaube, dass dir so ein Gespräch mit ihm sehr helfen könnte, das Verhalten seiner Eltern anders zu bewerten.
Du schreibst, du möchtest nicht, dass er ihnen sagt, sie sollen mehr mit dir reden oder sowas. Das versteh ich gut. Das würde ich auch nicht wollen. Deshalb sollte es in eurem Gespräch eben nicht darum gehen, dass seine Eltern ihr Verhalten ändern, sondern ausschließlich darum, dass du es besser verstehst.
Alles Gute euch
M.