Nordrheiner
Sehr aktives Mitglied
Die Grundfrage lautet doch zuerst, will ich diese Beziehung zu anderen Menschen überhaupt?
Deine Grundfrage finde ich spannend - aber auch undifferenziert und daher bin ich nicht ganz mit Dir einverstanden.
Zunächst haben wir Beziehungen zu Menschen, ob wir dies wollen oder nicht. Es ist z.B. der Bruder, den wir seit Jahren nicht mehr trafen und zu dem auch sonst kein Kontakt besteht. Es ist der Nachbar, der neu nebenan einzieht. Dies sind in meinen Augen möglicherweise ausbaufähige Beziehungen.
Und hier stellen sich nach meiner Ansicht 2 Fragen: 1) will ich die Beziehung ausbauen? 2) kann ich die Beziehung – bis zu welchem Punkt – ausbauen?
Die Antwort zu ersten Frage hängt wohl von meiner grundsätzlichen Einstellung zu Menschen ab.
Die Antwort zur zweiten Frage hängt von meiner Kompetenz (Fähigkeiten zum Aufbau einer Beziehung, Zeit) sowie davon ab, inwieweit der andere „mitspielt“.
Du schreibst: „…was einem wert ist daran zu arbeiten“. Mit dieser Bemerkung knüpfst Du an Deine Formulierung Deiner Grundsatzfrage an. Wir können nicht die ganze Welt umarmen. Aber es ist auch nicht erforderlich, dass wir uns Menschen verweigern. Der Begriff des Wertes, den Du richtigerweise einbringst, zeigt uns doch, dass wir schnell auch Menschen bewerten. Den einen Menschen erachten wir als wertvoll und bemühen uns um eine gute Beziehung – den anderen Menschen erachten wir eben nicht als wertvoll genug, als dass wir uns um eine Verbesserung der Beziehung bemühen wollen.
Diese Beziehungsverbesserung muß keine große Sache sein. Es kann sein, dass wir zusätzlich zu dem „guten Morgen“ auch bewusst ein Lächeln aufsetzen, damit der andere erkennen kann, dass ich ihm wirklich einen guten Morgen wünsche. Auch wenn ich ihn nicht näher kenne, er ist es mir wert. Danach könnte mir der Mensch wertvoll genug erscheinen, dass ich ihn frage "wie geht es Dir?" und diese Frage tatsächlich ernst meine. Im Zweifelsfall bin ich bereit, wenn der andere "schlecht" antwortet, weiter nachzufragen und zu überlegen, ob ich helfen kann.
Mir ist wichtig mir deutlich vor Augen zu halten, dass der andere Mensch wertvoll ist. Ich muß nicht alle seine Werte unbedingt kennen. Auch habe ich nicht bei jedem Menschen die Zeit, alle seine guten Seiten in Erfahrung zu bringen. Aber ob ich meine Möglichkeiten realistisch einschätzen will und dann auch entsprechend wahrnehme, hängt nur von meiner Einstellung ab.
Das Unglück, was in meinen Augen in der Welt, in unserer Gesellschaft, in unserer näheren Umgebung, in unserer Familie und in unserem Kollegenkreis besteht, hat nicht seine Wurzeln in dem „Nicht- können“ sondern in dem Nicht-Wollen.
Trotz sozialer und zeitlicher Kompetenzen wollen viele Menschen ihre Möglichkeiten zur Verbesserung bestehender Beziehungen nicht nutzen und erst recht nicht ausschöpfen. Zum Teil mag es Bequemlichkeit sein, zum anderen Teil ist es Unwille. Da entsteht in meinen Augen Schuld.
LG, Nordrheiner