über Geschmack lässt sich nicht streiten. Das gilt auch für Gefühle.
Schon interessant, wie unterschiedlich Menschen die Welt sehen können. Lässt sich über Geschmack und Gefühle wirklich nicht streiten? Wenn man sich anschaut, wie viele Differenzen und Konflikte sich auf Geschmack und Gefühle zurückführen lassen, dann lässt sich über Geschmack und Gefühle durchaus streiten. Das kann beispielsweise die Kleidungswahl, das Empfinden von Familienmitgliedern oder Beziehungspartnern, die Wahl einer Religion oder politischen Ausrichtung sein, etc.
Ein Masochist wird sich mit einem Sadisten niemals einig werden, wie eine Situation gefühlsmässig erlebt wird.
Ob ihrer unterschiedlichen Empfindungswelt mögen beide die Situation bzw. Beziehung (im weitesten Sinne) als befriedigend empfinden. "Sado-Maso-Beziehungen" (im weitesten Sinne) gibt es gar nicht so wenige.
Und ein Empathie armer Mensch wird beide nicht verstehen. Es gibt auf der Ebene von Gefühlen keine Annäherung – bzw. nur dann, wenn beide Gesprächspartner a) ähnlich fühlen oder b) die Auswirkung von in die Tat umgesetzten Gefühlen ähnlich beurteilen.
Auch das sehe ich anders. Aus meiner Sicht gibt es ein sehr breites und tiefes Gefühlsspektrum. Je nach dem, wie man seinen Fokus verändert, wird es sehr einfach oder sehr komplex.
Dieses Gefühlsspektrum ist technisch gesehen ein Rahmen bzw. Gerüst, in dem bzw. mit welchem wir uns durchs Leben bewegen. Ohne Gefühle sind wir wohl erst dann, wenn wir tot sind, oder wenn wir "willenlos" bzw. "in unserer Mitte" sind, wobei ich selbst "Neutralität" als ein Gefühl sehe. En masse Gefühl, grob und in feinsten Nuancen, überall.
Manche haben sich schon intensiver mit diesem Gefühlsspektrum befasst, andere weniger, was teils bestimmten Lebensereignissen geschuldet ist, teils persönlichen Anlagen und teils dem persönlichen Willen. Wenn man dieses Gefühlsspektrum außerordentlich gut kennt, dann kann man sich selbst und andere in diesem Spektrum präzise verorten und Einfluss darauf nehmen, wie und wo man sich innerhalb des Spektrums bewegt. Es ist zwar nur ein Behelfsmittel, um es zu sehen, wie ich es sehe, aber ja: Man stelle sich das Gefühlsspektrum als einen unbegrenzten, dreidimensionalen Raum vor und einzelne Gefühlszustände als Koordinaten innerhalb dieses Raumes.
Mit Schuld ist es ähnlich. Schuld ist kein Konstrukt, wie Du annimmst. Schuld beschreibt eine Wertung für falsches, fehlerhaftes oder sogar böses Handeln, dessen Ursprung oft im Denken liegt. Als Außenstehender erkennt man Schuld erst dann, wenn sie bereits zu einem negativen Ergebnis geführt hat bzw. für andere sicht- oder hörbar wird.
Auch hier sehe ich es ander als du. Es gibt Wörter/Begriffe und deren mögliche Bedeutung, welche niemals Eingang in mein Lebensverständnis und Lebensalltag gefunden haben. Der Begriff "Schuld" ist so ein Begriff für mich. Ein Begriff, mit dem ich nichts verknüpfen kann. Außer hier im Faden finde ich dafür keinerlei Anwendungsgebiete, weder im Alltag, noch in meiner Denkwelt. Ich kann nur versuchen zu verstehen, was andere darunter verstehen und welche Bedeutung es für sie hat. Also, ich müsste für mich die Bedeutung des Begriffes Schuld oder eine Schuld a priori konstruieren. Was anderen klar ist, ist mir nicht so besonders klar.
Nur ein empathieloser Mensch würde Gefühle als Konstrukt beschreiben, weil er Gefühle nicht empfinden kann, sie daher an sich nicht wahrnimmt. Und mit einem gewissenlosen Menschen kann man kaum zu einer Einigung über Schuld gelangen.
Jetzt verwechselst du etwas. Ich schrieb nicht, dass Gefühle ein Konstrukt sind, sondern dieses für mich konfuse "Schulddingens". Gefühle sind für mich überaus real, keinesfalls ein Konstrukt (siehe meine winzige Ausführung weiter oben).
Was Schuld betrifft, ist das für mich schon irgendwie diffus. Unklar ist mir ehrlich gesagt auch, was ein "gewissenloser Mensch" ist. Ein gewissenloser Mensch = ein Mensch ohne Gewissen, ohne Gefühle, ohne Moral und Ethik?