Weil ich es will.
Zweckorientierung ist an ein Ziel, ein Ergebnis gebunden. Das ist berechnend, Freundschaft wird wie ein Handelsgut gesehen. Sobald die Investition als zu hoch angesetzt wird oder das Ziel nicht erreicht wird, geht man raus aus diesem "Handel".
Mir ist diese Denke einfach fremd. Wenn ich Menschen begegne, dann offen, ohne dass es zu etwas führen muss oder etwas zur Entwicklung beitragen muss. Ich bin da und mache etwas mit anderen, weil ich es will. Als ich vor vielen Jahren meine jetzt engste Freundin kennengelernt habe, war das während des Studiums, als wir uns zusammen mit anderen zu Spieleabenden getroffen haben. Es war überhaupt nicht in unseren Köpfen, dass wir jetzt an einer Freundschaft arbeiten. Wir haben Zeit miteinander verbracht, uns besser kennengelernt, gemeinsam viel unternommen, Höhen und Tiefen miteinander erlebt. Dabei gab und gibt es auch Zeiten, in denen wir uns nicht so nahe waren, wo nichts passierte. So what? Das ist Leben. Ich bin froh, dass es diesen Menschen in meinem Leben gibt, aber ich habe nicht "investiert", sondern einfach das gemacht, was ich sowieso wollte. Und aus dieser Spielerunde war und bin ich ja bei weitem nicht mit jedem befreundet.
Du nimmst Beziehungen jede Chance, sich zu entwickeln und zu wachsen, wenn du von vorneherein ein Ziel und einen Zweck festlegst, worauf das hinaus laufen soll. Oder dass eine Beziehung nur gut ist, wenn sie dir etwas "nützt".
Ich weiß nicht, ob du das nachvollziehen kannst. Wir scheinen da unterschiedliche Denkweisen zu haben. Aber meine Theorie ist, dass neben der in deinem Nicknamen anklingenden Schüchternheit auch diese Berechnung dazu beiträgt, dass es dir schwer fällt, Freunde zu finden. Menschen spüren es, wenn sie Mittel zum Zweck wurden. Als Jugendliche habe ich es mal erlebt, dass die Bekannte eines Bekannten versucht hat, mich für eine religiöse Gruppierung zu gewinnen. Es war deutlich, dass sie nicht mich meinte und sich - übertrieben gesagt - um
mein Seelenheil sorgte. Es ging darum, dass ich ihre Gruppe verstärken und ihre Sicht der Dinge bestätigen sollte. Ich war verdammt flott weg. Keiner kommt auf die Welt, um
deinem Glück zuträglich zu sein. Das musst du schon selbst tun. Freundschaft ist, genau wie Liebe, ein Geschenk. Sie kann nicht eingefordert, erarbeitet oder erbracht werden. Freundschaft bleibt flach, wenn sie nur aus der Relation zwischen Geben und Nehmen besteht. Die eigentliche Freundschaft ist viel mehr. Ich empfinde es als tiefe Verbundenheit zu einem Menschen. Das ist das, was mich glücklich macht. Es ist das, was
ich ERLEBE, nicht, was der andere mir GIBT.
Besser kann ich es nicht erklären, und wie gesagt, ich habe den Eindruck, dass du mich nicht verstehst, verstehen kannst. Literaturtipp: "Haben oder Sein" von Erich Fromm, immer noch brandaktuell, vom selben Autor "Die Kunst des Liebens" (--> es geht nicht nur um die erotische Liebe).