mir gefiel der text... aus
http://www.flexibles.ch/Nachhaltigkeit/Ralf Winkler/Zu_kleinen_Fragen_Nr6.pdf
" Z u k l e i n e n F r a g e n u n d g r o s s e r R e s i g n a t i o n
ICH SUCHE AUF DER ERDE EINEN PLATZ, WO ICH ALS FREIER MENSCH, MEINEM EIGENSTEN WESEN GEMÄSS, LEBEN UND ARBEITEN KANN.
Ich bin der schönen Welt der Ideologien müde, worin bei allem Gerede von Freiheit, Selbstbestimmung, Frieden, Nächstenliebe, Menschlichkeit, Solidarität, Fortschritt etc. ich doch nur als Sklave oder Nummer der bestehenden Systeme mir und meiner Mitwelt das eigene Grab zu schaufeln habe.
WER VERHILFT MIR UND WEITEREN MENSCHEN ZUM GESUCHTEN PLATZ ?
BIN ICH EIN WACHER, LEBENDIGER, FREIER MENSCH, DER BLICK, HERZ UND HAND FÜR NÖTE MEINER MITKREATUR HAT ? ODER BIN ICH EIN FAULES AAS, EIN TOTES BLATT, DAS NUR UMHERBEWEGT WIRD DURCH ANGST UND DURCH JAGD NACH GELD UND MACHT ? FRISTE ICH AUF KOSTEN MEINER MITWELT EIN UNFRUCHTBARES DASEIN UND TÄUSCHE MICH MIT SCHÖNEN IDEOLOGIEN UND ANDEREN ILLUSIONEN DARÜBER HINWEG ? WER VERHILFT MIR UND WEITEREN MENSCHEN ZU SELBSTERKENNTNIS ?
ICH BIN DER GRÖSSTE LUMP, DEN ICH GENAU BETRACHTEN KANN.
Ich habe an der Beschaffung oder Herstellung von Mord- oder Selbstmordgeräten direkt und indirekt mitgewirkt.
Ich habe mich an Notleidenden bereichert. Ich habe mich schönen Idealen und Organisationen angehängt und
mich dabei besser und menschlicher als alle anderen gefühlt. Dies und manches dazu habe ich auf dem Kerbholz.
WARUM WERDE ICH DAFÜR NOCH NICHT BESTRAFT ?
Lieber Mitmensch,
Du hast einen der obigen Plakat-Texte gelesen und meinst nun dazu: ja, ich hätte schon recht, so sehe es in unserer Welt aus, ein kleines Körnchen Wahrheit sei schon dabei usw. darauf stellst du mir die Frage, was ich
eigentlich damit bezwecke, ob ich schon Erfolg damit hatte, oder hast sonst noch irgendwelche Fragen, die du vielleicht besser dir selber stelltest und beantwortetest. Schliesslich äusserst du dich resignierend, dies alles
hätte keinen Sinn und keinen Wert, der Einzelne könne nun einmal nichts machen und ändern an dieser Welt, sowie noch dergleichen Worte mehr.
Muss denn alles geschehen von Zweckmässigkeitserwägungen, von der Frage nach dem Erfolg abhängig gemacht werden ? Hältst du es nicht für möglich, dass Dinge nur aus Freude, aus Verantwortung, aus schöpferischer Lebenskraft heraus getan werden, ohne dass eine Frage nach Erfolg dabei auftaucht ? Wenn alle Lebewesen sich nur nach dem Erfolg ausrichten wollten, so müsste z.B. der Apfelbaum, dessen Früchte du geniessest, sein Wachstum und seine Tätigkeit gleich einstellen mit der Begründung: „Einmal verdiene ich nichts dabei, und überhaupt, was hat schon mein Weiterleben für einen Zweck, wenn ich ja doch damit rechnen muss, dass vielleicht morgen schon ein Sturm mir meine Äpfel und Blätter von den Ästen reisst oder mich gar entwurzelt ?“ Glaubst du nicht, dass z.B. ein echter Künstler aus Lebendigkeit und Schaffensdrang heraus etwas tun und gestalten kann – sei es nun als Maler ein Bild, als Architekt ein Haus, als Mensch etwas Menschliches (von Unmenschlichem hören und erleben wir genug) usw.? Wenn du es aber nicht glaubst, so lass mir bitte trotzdem die Freiheit, Dinge zu tun, die „verrückt“ und „zwecklos“ sind wenn, es mich dazu drängt, wenn es mir Freude
macht und ich sie v e r a n t w o r t e n kann. Lass mir diese Freiheit, wo doch die ganze übrige Welt nur gerade das macht, was „normal“, zweckmässig und sinnvoll ist, was „etwas nützt“, „Wert hat“, rentiert und Erfolg verspricht.
Lass mich ruhig Ausnahme von der Regel sein in solcher Welt. Was deine Resignation betrifft, du als Einzelner könntest an der Welt doch nichts ändern, so befürchte ich, du blickest nur auf eine Welt, die ausserhalb dir liegt, und übersähest dabei deinen eigensten Lebensbereich. Doch gerade in dieser deiner eigenen und w i c h t i g e n Welt hast d u es in der Hand, sie zu beherrschen und sie in Gang und Ordnung zu halten. Ob du in ihr die Dinge mit Mut und Einsicht gestaltest oder auch da kraftlos den Dingen den Lauf lässest und sie dem Zerfall preisgibst, darüber hast doch du zu bestimmen – solange du l e b e n d i g bist – und es ist meines Erachtens d o c h ein kleiner Unterschied, ob du so oder so handelst. Es ist wesentlich, wie es in deiner auch noch so kleinen Welt aussieht. Bedenke, dass ohne das Vorhandensein der kleinen Tropfen der grosse See nicht besteht. Bedenke, dass auch ein grosser Baum sich aus einzelnen kleinen Zellen aufbaut und dass er, um ein gesunder Baum zu sein, der gesunden Zellen bedarf. Bedenke, was du bist: ob nur ein Teil einer toten trägen Masse, ob nur ebenfalls einer der geistig – moralischen Blindgänger wie sie heute in Mengen anzutreffen sind, oder ob du wirklich Mensch bist ? Ob ein Mensch, der (ähnlich dem Samen in der dunkeln Erde) die Keim- und Lebenskraft besitzt, um aus der Finsternis ans Licht durchzustossen ? Frage dich einmal, ob du nicht aus allerlei Angst – V o r s t e l l u n g e n und belastet von totem „Wissen“ (mit dem das stets Neue, Einmalige und Unberechenbare des Lebens nicht zu erfassen ist), ob nicht aus Furcht (in einer Umwelt von ohnmächtigen, herzkalten, unfreien, geist- und verständnislosen Roboter - „Menschen“ dich lächerlich zu machen), ob nicht aus Flucht vor dir selbst in ein Kollektiv mit all seinen Täuschungen und Enttäus chungen, ob nicht aus Herzensträgheit unter Zuhilfenahme von verschiedensten Vorwänden und Entschuldigungen, ob nicht von alledem und weiterem du dich bisher jeweils abhalten liessest von e i g e n e n , unmittelbaren, lebensgestaltenden und lebenserhaltenden T U N ? Überlege dir, ob du nicht zum Gefangenen von Denkschablonen und Parteikäfigen geworden bist, die du dir selber erwähltest und schufest und womit du dich gründlich aus der Freiheit des echten, intakten Lebens in eine sehr kranke, unfreie, gespaltene und zerfallsreife Welt hineinmanövriert hast ?
Mit Gruss
Ralf Winkler, Bassersdorf (ZH).
Dieses Flugblatt war Teil einer Aktion von Ralf Winkler, der sich selbst als „Misswirtschafts-Austeiger“ bezeichnet. Die Aktion führte er eigenständig über mehr als zwei Jahre 1957 – 1959 an öffentlichen Plätzen in Zürich durch. Er stand dabei neben seinem Plakat (siehe gerahmte Texte auf der Vorderseite) und kam darüber ins Gespräch mit Passanten. Die teilweise heftigen Vorwürfe und häufigen Fragen der Menschen verdichtete er mit der Zeit zu Flugblättern wie diesem.
Weitere Informationen dazu auf
Flexibles, Verein zur Förderung neuer Arbeitsformen, Projektzentrum, Mobbing, Mobbingberatung, Mobbing-Erstberatungsstelle für Frauen und Männer, Nachhaltigkeit in der Wirtschaft, Projektmanagement, Alternative Geldsysteme, Flecü, nachhaltige Entwick. © Ralf Winkler 1959 – Reproduktion Verein FleXibles 2008 (Flugblatt Nr.6)"