Nur wer das Leben wirklich kennt, kennt und weiß, was Vereinsamung zu bedeuten hat, weiß auch, daß die Bedürfnisse des Gemüts, die Notdurft des Herzens ebenso gebieterisch eine Befriedigung erheischen wie die physiologischen Bedürfnisse des Organismus, und daß die menschliche Seele nur in der Gemeinschaft, ja in der Vereinigung mit verwandten Seelen ihr Glück findet. Es gibt eine Nahrungsnot der Seele. Wehe dem, dessen Seele Hunger und Durst leidet! Wehe demjenigen , dem es nicht gelingt, sich einen lebendigen Wirkungskreis zu gründen, für welchen er lebt und schafft! Sein Leben ist verfallen, der Zweck seines Daseins verfehlt. Für wenn soll er sich bemühen und arbeiten? Für die Menschheit? Dergleichen Worte haben für ihn längst ihre Bedeutung verloren. Für einen Beruf oder eine Idee? Aber es genügt nicht, für irgend etwas, und sei es das Höchste, zu leben; man muß für jemanden leben, wenn man das Dasein ertragen will! Darum ist es unerläßlich, daß wir uns schon hier auf Erden ein Himmelreich erschaffen, eine eigene Welt, in der unsere Seele das ganze Glück besitzt - eine Familie, das Heiligtum des Lebens. In ihr findet das Rätsel des Daseins seine Auflösung durch die Liebe, in ihr empfangen wir in unseren Kindern die Bürgschaft für die Unsterblichkeit der Seele, in ihr bewahrheitet sich durch die Erschaffung neuer Wesen die Verheißung eines ewigen Lebens.
Quelle : »Sonntags-Zeitung für Deutschlands Frauen«, Jahrgang 1904/1905, Heft, Verfasser: Unbekannt