Das chinesische Denken und Fühlen wurzelt in dem Prinzip der Polarität, das nicht zu verwechseln ist mit dem Begriff des Gegensatzes oder Konflikts. In den Sinnbildern anderer Kulturen kämpft das Licht mit der Finsternis, das Leben mit dem Tod, das Gute mit dem Bösen, und so konnte sich in weiten Teilen der Welt die Vorstellung verbreiten, dass das eine zu bejahen, das andere zu verneinen sei. Dem traditionellen chinesischen Denken wäre das so unverständlich wie ein elektrischer Strom ohne den positiven und den negativen Pol, denn die Polarität ist das Prinzip, dass + und -, Nord und Süd, verschiedene Aspekte ein und desselben Systems sind und dass das Verschwinden des einen das Verschwinden des anderen Systems bedeuten würde.
Menschen, die in der Aura christlicher und hebräischer Entelechie aufgewachsen sind, finden dieses Prinzip beklemmend, weil es scheinbar jede Möglichkeit des Fortschritts verneint, ein Ideal, das von ihrer linearen (im Unterschied zur zyklischen) Auffassung von Zeit und Geschichte herrührt. In der Tat ist die westliche Technologie ganz darauf abgestellt, “die Welt zu verbessern”, Freude zu haben ohne Leid, Reichtum ohne Armut und Gesundheit ohne Krankheit. Doch wie jetzt zutage tritt, haben unsere gewaltigen Anstrengungen, dieses Ziel mit Mitteln wie DDT, Penizillin, Kernenergie, Autotransport, Computer, industrieller Landwirtschaft und Kraftwerken zu erreichen und jeden gesetzlich zu zwingen, oberflächlich “brav und gesund” zu sein, mehr Probleme geschaffen, als sie zu lösen. Wir haben ein komplexes System von Beziehungen gestört, das wir nicht verstehen, und je mehr wir zu seinen Details vordringen, desto mehr entzieht es sich uns, indem es immer mehr Details enthüllt.