Hi Ryuzaki
diesmal ein etwas philosophisches Thema, über das ich oft nachgedacht habe und immernoch keine Lösung gefunden habe.
Woran erkenne ich, dass ich existiere und woran erkenne ich, dass andere Menschen existieren?
Deine Frage gehört zur Erkenntnistheorie. Damit beschäftigen sich die Philosophen seit 2000 Jahren. Eine Lösung gibt es nicht, aber es gibt eine Menge Ansätze.
Schon die alten Griechen haben sich deine Frage gestellt. Ihre Erklärung war, dass es eine wirkliche Welt gibt und eine Wahrnehmund der Menschen: Die wirkliche Welt ist die "Welt der Ideale". Das was die Menschen wahrnehmen, sind "Schatten" oder "Abbilder" aus dieser wirklichen Welt.
Das war damals zwar noch keine exakte wissenschaftliche Heransgehensweise, interessant ist aber, dass die alten Griechen garnicht mal so weit von den modernen Erkenntnissen weg waren.
Descarte war dann so ziemlich der erste, der sich streng logisch mit dem Problem befasst hat. Er hat sich, so wie du, gefragt, was von seinem Wissen und seinen Meinungen er eigentlich als sicher annehmen kann. Woher er überhaupt weiss, ob es z.B. ihn selbst gibt, oder ob er in Wirklichkeit jemand anders ist, der gerade träumt.
Um herauszufinden, was er wirklich sicher wissen kann, hat er Stück für Stück alles was er weiss und wahrnimmt angezweifelt. Er ist dabei zu dem Erbegnis gekommen, dass es eigentlich nichts gibt, was er nicht anzweifeln kann. Das Einzige, das er nicht anzweifeln konnte, war: Das er zweifelt.
Auf Grundlage von dieser Erkenntnis hat er dann überlegt, ob es Zweifel geben kann, ohne jemanden, der zweifelt. Das war für ihn unvorstellbar, also konnte er davon ausgehen, dass er selbst esistiert.
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Die nächste Frage war, ob die Dinge um ihn herum existieren - also das was er mit seinen Sinnen wahrnimmt. Er folgerte, dass wenn seine Gedanken existieren und darum er selbst als Denkender existiert und er eine Vorstellung von Dingen ausserhalb von sich selbst hat - dass dann auch irgendetwas von aussen auf seine Sinne einwirkt - dass es also auch Dinge um ihn herum geben muss. So hat er sich Stück für Stück seine Existenz und die Existenz der Welt um ihn herum bewiesen.
Die Beweise der Existens der Welt, die Descarts gefürht hat, sind auch nicht sehr konsequent, aber sein Grundsatz: "Ich denke, also bin ich." ist Wesentlich. So wie Darkside schon geschrieben hat: Auch wenn du gerade im Koma liegst und träumst - dass du träumst steht fest.
Woher wisst ihr eigentlich, dass ihr existiert, wenn ihr denn wirklich existiert?
Die moderne Erkenntnistheorie sagt, dass man diese Frage nicht beantworten kann. Aus dem einfachen Grund, dass du nicht über dein eigenes Denken hinaus denken kannst.
Das du denkst ist evident - aber dein Denken beruht auf gewissen logischen Prinzipien. Eines dieser Prinzipien ist z.B. Ursache und Wirkung. Das Prinzip wendest du z.B. an, wenn du Billard spielst: Du hast zwei Billardkugeln. Die 1. rollt auf die 2. zu und stösst diese an, so dass die 2. weiterrollt. Was wir denken ist: Die 2. Kugel rollt, weil sie von der 1. angestossen wurde. Die Frage ist, warum denken wir so ? Denn im Grunde sehen wir nur, dass die 2. Kugel rollt, nachdem die 1. sie angestossen hat.
Wir können ohne dieses Prinzip Ursache-Wirkung nicht denken - und weil wir diese Prinzipien zum Denken brauchen, können wir auch nicht logisch darüber urteilen, ob diese Prinzipen richtig oder falsch sind.
Ein anderes Prinzip wäre z.B. Raum und Zeit. Wir können uns nichts vorstellen, was nicht eine dreisimensionale Ausdehnung hat. Die Physik geht aber davon aus, dass es 15 Dimensionen gibt (...oder waren es 16 ?). Eine Welt in 15 Dimensionen können wir uns aber nicht vorstellen.
Wir können also nicht beurteilen, ob es wirklich z.B. das Naturgesetz Ursache und Wirkung gibt - oder ob das nur ein Prinzip in unserem Verstand ist.
Die Frage, ob du wirklich existierst, macht darum nur Sinn, wenn man berücksichtig, wie und in welchen Grenzen wir darüber nachdenken können.
Über diese Frage haben sich eine Menge schlauer Köpfe Gedanken gemacht. Google mal nach Kant, Hegel, Spinoza, Locke, Wittgenstein, Hume oder Leibniz.
Ein vieleicht ganz sinnvoller Ansatz kommt von Richard Rorthy, der einen Gedanken von Wittgenstein fortsetzt und vorschlägt, Begriffe wie "Existenz" oder "Wahrheit" als Abschlussvokablen (oder Totschlagargumente) anzusehen, die nur eine vernünftige Diskussion beeinden würden. Er schlägt vor, auf Fragen wie "Existiere ich wirklich?" nicht eine abschließende Antwort, sondern eine sinnvolle Diskussion zu suchen, mit der man bestehende Erkenntnisse detailieren kann.