S
schuldenschwer_1981
Gast
Hallo ihr Lieben!
Ich bin auf dieses Forum gekommen, weil ich nicht weiß, wo ich mich sonst hinwenden kann. Leider kenne ich hier noch keinen und weiß auch nicht wie die Abläufe hier so sind - ich schreib deshalb Mal einfach drauf los und warte, was passiert. Wenn jemand mit einer ähnlichen Geschichte hier ist, der das verstehen kann und Antworten hat, bitte ich dringend um Hilfe.
Um den springenden Punkt zu erklären, muss ich ganz schön weit ausholen - ich hoffe, das ist ok…
Nunja… Alles fing an, als ich gerade mit der Schule fertig wurde und meine Matura machte. Mein Dad hatte eine psychische Erkrankung, die wir als Familie damals noch nicht erkannten – später (2002) hat er sich infolgedessen das Leben genommen.
Davor hatten wir zu Hause (wie gesagt) sein Verhalten noch nicht als "krank" erkannt, sondern wir hatten eher Angst vor ihm, weil er uns häufig Gewalt androhte und man deutlich spürte, dass ständig etwas Bedrohliches in der Atmosphäre unserer Familie lag. Er hatte so heftige Gewalt-Ausbrüche, dass man ein starkes Gemüt hätte sein müssen, um rechtzeitig zu erkennen, dass man Angst UM ihn statt VOR ihm haben sollte.
Das Schlimmste daran war dieser ewige psychische Druck, den wir alle dermaßen hatten, dass man nie wirklich durchatmen oder ruhig einschlafen konnte, geschweige denn "ausgehen" oder irgendetwas einfach „unbeschwert“ tun. Man musste einfach ständig Angst vor einem neuerlichen Ausbruch haben – und diese Ausbrüche überschritten von Mal zu Mal schlimmere Grenzen.
Ich selbst war leider genau wie mein Dad nervlich nie die Stärkste und darum hatten wir in Spannungs-Situationen häufig Streit. Man musste einfach immer Angst haben – nie ist irgendetwas „normal“ abgelaufen, alles musste tragisch enden. Das hat mich einfach fertig gemacht. Ich wünschte mir darum nichts mehr, als einfach einmal „normale“ Dinge tun zu dürfen und entwickelte einen derartigen Freiheitsdrang, dass ich eine zeitlang nichts anderes mehr sehen konnte, als die Hoffnung, dort bald wegzukommen. (Ich weiß, das klingt furchtbar, wenn man so mit sich selbst beschäftigt ist – obwohl alle Menschen um einen herum ebenfalls so leiden…leider ist es aber so gewesen)
Dazu kam noch, dass meine kleine Schwester, die im Rollstuhl sitzt, zu der Zeit auch des Öfteren auf der Intensiv-Station um ihr Leben zu kämpfen hatte, weil ihre Lungen nicht immer mitspielten. Für sie war die familiäre Belastung natürlich am Schlimmsten zu ertragen - ihr Zustand hat sich vor allem in den familiären Krisenzeiten auch körperlich massiv verschlechtert. Man kann sich vielleicht vorstellen, dass es für alle Beteiligten eine Qual war, andauernd mit einem derartigen Gewissens-Konflikt zu leben: Mein eigenes Leben leben, oder Krisenvermeidung in der Familie. Es war einfach nie "Ruhe" - ich meine keine Minute Pause von all dem, kein Tag ohne Tragödie, kein Tag ohne Katastrophe...
Das war eben die Situation, bis ich ca. 18 war. Immer nur ewiger Horror, und keine Chance, da jemals rauszukommen, und unser Dad wollte, dass seine Töchter auch nach der Matura zu Hause bleiben. Ich durfte (sogar noch mit 18!) abends kaum weggehen, ich sollte keinen Freund haben, nicht die Dinge tun, die mir Spaß machten (ich wollte Musikerin werden) - ich sollte im Betrieb meines Vaters arbeiten, der schwer verschuldet war und NULL Gewinn machte (das hätte geheißen: ewig arbeiten, und niemals auf eigenen Beinen stehen. Ich meine übrigens wirklich NULL Gewinn – die Behörden haben uns unsere Situation oft nicht abgekauft, wenn wir z.B. beim Anfordern von Pflegegeld etc. KEIN Einkommen für 5 Menschen angeben mussten. Die sagten alle „wie haben Sie dann bis heute überlebt? Sie unterschlagen doch was…“). Dabei haben uns nur Bekannte und Verwandte finanziell immer wieder mit dem Notwendigsten unter die Arme gegriffen und uns notdürftig unterstützt, damit wir eben nicht ganz durch das soziale Netz fallen.
Mein Dad hielt es für egoistisch von mir, dass ich wo anders arbeiten und mir eine eigene Existenz aufbauen wollte (von wo aus ich auch freilich zu Hause besser hätte helfen können…) Naja, jedenfalls wurde mir immer das Gefühl gegeben, dass alles, was ich für mich selbst tue, jemandem anderen fehlt, dass alles, was ich mache, falsch ist und alles was ich will egoistisch. Eine zeitlang wollte ich einfach ausbrechen und mit Menschen zusammen sein, die mir sagen: es ist ok, so wie Du bist – und so kam es zu meinem heutigen Dilemma:
Ich lernte knapp vor meiner Matura eine Band kennen, bei der ich dann auch einsteigen durfte. Der Schlagzeuger dieser Band hätte vom Alter her mein Vater sein können – ihm gehörte das ganze Gelände, auf dem geprobt wurde. Diese Proben waren das Einzige, was ich damals sozusagen „für mich selbst“ hatte und wo ich von anderen auch ein wenig Anerkennung für etwas, das ich kann, erfahren habe – und nach jeder Probe setzte sich dieser Typ vom Schlagzeug zu mir und „kümmerte“ sich sozusagen um mich. Ich meine damit, dass er mir zuhörte und mit mir redete. Es kam einfach nicht sehr oft vor, dass damals jemand derartiges Interesse daran gezeigt hätte, wie ich mich fühlte, wie es mir wirklich ging. Er suchte immer mehr Nähe zu mir, und als ihn dann noch seine (sehr viel jüngere) Freundin verlassen hat, „hängte“ er schon regelrecht an mir. Da ich mit Männern generell keine Erfahrung hatte, nachdem ich ja zu Hause immer von allem ferngehalten wurde, habe ich die Dinge, die dann geschahen, trotz meiner (damals fast) 18 Jahre nicht rechtzeitig durchschaut.
Er redete immer mehr auf mich ein, er kannte meine Schwachpunkte, er sagte, meine Familie würde mich nicht lieben und nur blockieren. Er sagte, dass weder meine Familie, noch ein anderer Mann (er wusste auch von meiner ersten großen Liebe – die nie etwas von ihrem „Glück“ erfahren hat…) mich jemals wirklich lieben würden, dass ich das akzeptieren solle. Er würde mir ein Zimmer bei sich zu Hause geben – es wohnten ja viele andere Künstler (oder besser gesagt Obdachlose…) bei ihm.
Ich war damals so dumm und bin wirklich nach dem nächsten Ausbruch meines Vaters zu diesem Mann gezogen – ich dachte ernsthaft, das würde mir helfen, „frei“ zu werden, und ich dachte ernsthaft, er machte das ausschließlich, um mir zu helfen. Und dann kam eines zum anderen: ich hatte kein „eigenes“ Zimmer – sondern sollte in seinem Bett schlafen. Was anderes stand für ihn nie zur Debatte. Nachdem wir dann in den ersten Nächten einfach nur weiter viel geredet haben, wie vorher auch, fing er immer mehr an, dass er sich neben mir herumwälzte und weinte. „Seine Freundin hatte ihn verlassen, vom „System“ fühlte er sich verlassen […] und ich lag da neben ihm und hatte eine Mauer aufgestellt.“ (ungefähr darauf kann man alles reduzieren, was er von sich gab). Lange hat es nicht gedauert, bis ich das Gefühl hatte, dass ich gar nichts mehr weiß und den ersten großen Fehler machte: ich ließ ihn an mich ran, wenn ich auch keine Ahnung hatte, was ich da tat. Er wusste, dass ich auf die Art niemand anders kannte außer ihn – und immer, wenn mir etwas an meinen Gefühlen in Bezug auf die Nähe zu ihm „nicht normal“ erschien, sagte er, das sei völlig normal. Dass ich ihn nie küssen konnte, dass ich es hasste, wenn er meine Brust berührt, … das alles war – seiner Meinung nach – ganz normal. Ich hätte eben eine Körperflüssigkeiten-Phobie und außerdem kein gesundes Körpergefühl… es sei aber nicht weiter bedenklich, das war seine Art, diese Dinge zu erklären. Also quasi „an mir stimmt was nicht – die Situation ist aber völlig normal…“
Er erzählte mir immer von den „Buschvölkern“, wo alle so „friedlich“ und „lieb“ zu einander sind, weil sich die jungen Frauen dort jedem Mann freiwillig hingeben, wenn Unruhe aufkommt – so wäre alles viel friedlicher. Ob „das Recht des Stärkeren“ wirklich „frei“ macht, wage ich heute zu bezweifeln, damals habe ich ihm jedes Wort geglaubt – ich kannte solche Gedankengänge einfach nicht.
Am Morgen nach der ersten „intimen“ Nacht mit ihm war ich verstört und fühle mich absolut nicht wohl. Ich wollte wieder nach Hause – ich habe ihm gesagt, dass ich es für einen Fehler halte, dass ich das zugelassen habe. Ich schämte mich auch irgendwo. Doch er machte mir schreckliche Vorwürfe, er sagte, dass man so nicht mit Menschen umgeht – so, als ob ich das für mich getan hätte und jetzt nicht mehr dazu stehen könnte. (das hat mich verwirrt – ich meine, er war ein sehr ungepflegter, übergewichtiger, viel, viel älterer Mann – ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass Intimität mit ihm für MICH eine Bereicherung sein sollte!) Er gab mir das Gefühl, als wäre ich voll für dieses Geschehnis zur Verantwortung zu ziehen – und er selbst keineswegs. Er benahm sich regelrecht, als ob unser Altersunterschied umgekehrt wäre. Ich war zuerst geschockt, dann verwirrt und dann fühlte ich mich irgendwann unglaublich verantwortlich ihm gegenüber. Ich dachte, er gibt mir nun zu essen und ein Dach über den Kopf und würde auch sonst alles für mich tun, und ich gebe ihm nichts zurück. Ich hatte die ganze Aktion mit „bei ihm bleiben“ weder durchdacht, noch durchschaut. Ich hatte anfangs ernsthaft geglaubt, er würde mir dieses Angebot machen, weil er mir selbstlos helfen will, weil er mir Starthilfe für ein eigenes Leben geben will oder so. Er hat es auch so aussehen lassen, bevor ich bei ihm eingezogen bin. Nachdem er sein Angebot offensichtlich gar nicht so „umsonst“ gemeint hatte, hat es mich beschämt, dass ich es so aufgefasst hatte. Und da er jedes Mal, wenn ich von ihm weg wollte, so reagierte, als GÄBE es gar keinen anderen Standpunkt als seinen – als wären meine „komischen“ Gefühle ganz und gar unberechtigt, redete ich mir ein: „Ok! Jetzt hast Du dies und das getan, also übernimm die Verantwortung. Steh zu ihm als Dein Freund, fallen lassen wäre unfair.“
Ich habe dann insgesamt 5 Jahre lang bei ihm gelebt und ein Leben geführt, dass ich gehasst habe. Anfangs drückte sich mein Unwohlsein in meinen Träumen aus, ich hatte die ärgsten sexuellen Albträume – ich fühlte mich ja unglaublich widernatürlich in der Situation. Nach ein paar Wochen/Monaten fing aber alles in mir an, abzusterben – ich fand mich ab, ließ sexuell immer alles geschehen, auf fast immer dieselbe Weise und stand sogar in der Öffentlichkeit dazu, dass er nun mein Freund sei. Ich wollte nie ein Mensch sein, der aus Oberflächlichkeit einen „lieben“ Menschen von sich weist. Heute weiß ich, dass es nicht Oberflächlichkeit war, sondern der Hass auf ihn, warum ich mich an seiner Seite nicht wohl fühlte. Die Tatsache, dass ich – so gut es auch verdrängt war – immer wusste, dass es keine Entscheidung von Herzen war, bei ihm zu bleiben, sondern, dass ich mich immer überrollt fühlte von der Art, wie er mich dazu gebracht hat, bei ihm zu sein. Ich konnte einfach nicht damit umgehen, dass er mich für einen schlechten Menschen halten würde, wenn ich ihn verlasse – das er ernsthaft glauben würde ICH hätte IHN ausgenutzt. Wo ich mich doch selber ausgenutzt fühlte. Der Mann, der mir jeden Tag sagt, dass er ALLES aus Liebe zu mir tun würde, sagt genau das Gegenteil, wenn er nicht mehr kriegt, was er fordert. Wenn ich nicht mehr sage „ich hab dich lieb“ und nicht mehr mit ihm schlafe. Ich bin immer so langsam beim Verarbeiten solcher Dinge… und offenbar viel zu dämlich für diese Welt. Ich kann nichts mehr ungeschehen machen, nichts mehr zurücknehmen und in der Zwischenzeit ist mein Vater tot. Er hat leider nicht mehr erlebt, dass ich verstehe, was er damals gemeint hat, als er sagte, dass mir das ein Leben lang bleiben würde, dass ich das nie vergessen würde. Er ist tot und ich bin in seiner schwersten Zeit nicht für ihn da gewesen, ich habe es vorgezogen, in noch schlimmeren Verhältnissen zu leben, nur weil ich zu stolz war, zuzugeben, dass ich anderswo und aus eigener Kraft keineswegs „freier“ war als zu Hause.
Jetzt erst, nachdem ich andere Männer kennen gelernt habe, in die ich wirklich verliebt war, habe ich viele Dinge, die er sagte, als Lüge erkannt. Erst, seit ich weiß, wie es sich anfühlen soll, weiß ich, wie es sich nicht anfühlen darf.
Ich dachte damals, dass er seine Fehler mir gegenüber wenigstens aus einer Mischung von Liebe, Unwissenheit und Unbeholfenheit gemacht hat – jetzt weiß ich es besser: Er hat mich nie geliebt, er hat mich gebraucht. Er lebt nicht FÜR die Jugend, sondern VON ihr. Er hat genau gewusst, was er sagen und tun muss, dass er den Zeitpunkt verzögert, an dem ich gehe und mich in Gedanken bindet – es war nicht „Interesse“ an mir und meinen Gefühlen, warum er mir zugehört hat, sondern Interesse daran, wie er meine Gefühle gegen mich und zu seinem Nutzen verwenden kann.
Das Schlimme ist nur, dass ich erst vor kurzem langsam aufgewacht bin, noch vor kurzem alles verteidigt habe, was er getan und gesagt hat – vor meiner Familie, vor allen Freunden usw. Je mehr mir bewusst wird, wie hoch der Preis ist, den ich und jeder, der mir nahe steht, für meine Fehler bezahlt haben… desto mehr verliere ich die Lust am Leben.
Ich fühle immer weniger, alles ist so vernebelt. Meine letzte Beziehung ist vor allem daran zerbrochen, dass die Bilder aus der Vergangenheit bei jeder Berührung wieder zum Leben erwachen, ich kann – je stärker alles heraufdämmert – gar nicht mehr „normal“ meine Liebe zu einem Mann leben – vor allem nicht in der Sexualität; aber nicht nur da, sondern auch, wenn ich liebe Worte höre, wenn es um Vertrauen geht… Es ist mir einfach nicht möglich, irgendjemandem ernsthaft zu glauben, dass ihm etwas an mir liegt, dass ich wertvoll für ihn bin. Ich habe das Gefühl, als ob ich meinen Wert verloren hätte.
Wenn ich den Menschen auf der Straße oder sonst irgendwo im Alltag beim Reden zuhöre, höre ich im Grunde nur noch Todesurteile gegen mich, denn die Menschen urteilen ständig aufs Neue: „wie kann man nur“ und „nie im Leben würde ich sowas“ und „sowas kann man nie wieder gut machen“ und „so etwas ist unentschuldbar“ – so sprechen die Menschen über die kleinsten Winzigkeiten im Leben. Es ist oft „unentschuldbar“, wenn zwei sich unterhalten, ob eine andere ihre Anti-Baby-Pille zu nehmen vergessen hat…
Mit solchen Kleinigkeiten und so schnell abgehandelten Urteilen sagen Menschen viel mehr zu mir und über mich, als ihnen klar ist. Ich muss dann nicht mehr konkret fragen, was sie wohl zu all dem zu sagen hätten, was ich mit mir rumschleppe. Sie geben mir die Antwort ja schon mit ihrer Grundhaltung.
Ich weiß, dass man für sein Handeln selbst verantwortlich ist, ich weiß, dass ich selbst schuld bin an meiner Situation und daran, dass es meine Familie durch alles, was ich getan habe noch schwerer hat, als ohnehin schon. Ich weiß nur nicht, wie es weitergehen soll. Ich werde mit Allem, was durch mein Verschulden geschehen ist, einfach nicht fertig. Wenn ich jemandem von denen davon erzählen würde, würde man vermutlich sagen: „mit dem Alter hättest Du es aber schon wissen müssen…“ Sogar ich selbst sage mir das immer wieder. Trotzdem habe ich es nicht gewusst, und ich hasse mich dafür, dass ich nie so schnell und so weit bin, wie die anderen und dass ich immer solche Fehler mache, die wahrscheinlich von allen Fehlern die man machen kann, am Dümmsten sind.
Ich weiß, dass derjenige, von dem ich nun so eingehend gesprochen habe, mir beim Sterben helfen würde, wenn ich es drauf anlege. Er hat es versprochen. Ich würde ihn ganz leicht dazu bringen, denn für eine bestimmte Sache würde er alles tun. Ich frage mich dabei nur die ganze Zeit: Würde es ihm irgendetwas sagen, dass ich mich damit ausgerechnet an ihn wende? Würde es ihn zum Nachdenken bringen, wenn ich direkt in seinen Armen und durch seine Hand sterbe? Wenn ich das wirklich durchziehe?
So oder so – tot oder lebendig: meine Würde gibt mir niemals wieder jemand zurück. Ich weiß nicht, wie lange ich das Leben so noch ertrage; ohne meine Selbstachtung fühle ich mich so leer, so wert- und kraftlos. Ich nehme gar nicht mehr wirklich am Leben teil, immer, wenn ich was zu sagen hätte, dann denke ich mir selbst gegenüber nur noch (bevor ich etwas aussprechen kann) „was willst DU schon sagen? Was willst DU irgendwem erklären, so wie Du bist?“ Wenn ich anderen Menschen gegenüberstehe, fühle ich mich immer so, als ob ich nichts an hätte, oder als ob ich unglaublich entstellt wäre.
Ich kann nicht einfach sterben, denn – so wertlos mein Leben auch ist – meine Mum und meine Schwestern würden sich die Schuld geben, wenn in ihrer Familie einer nach dem anderen durchdreht. Was soll ich also tun? Oft habe ich Ess-Störungen, oft verletze ich mich absichtlich selbst, weil ich nicht mehr weiß, wohin mit der ganzen Schuld; wenn ich gar nicht mehr existieren möchte und trotzdem weiß, dass ich nicht noch mehr Schuld an mir oder meinem Andenken ertragen kann: Wohin dann mit mir? Wohin mit der ganzen Schuld?
Ich bin auf dieses Forum gekommen, weil ich nicht weiß, wo ich mich sonst hinwenden kann. Leider kenne ich hier noch keinen und weiß auch nicht wie die Abläufe hier so sind - ich schreib deshalb Mal einfach drauf los und warte, was passiert. Wenn jemand mit einer ähnlichen Geschichte hier ist, der das verstehen kann und Antworten hat, bitte ich dringend um Hilfe.
Um den springenden Punkt zu erklären, muss ich ganz schön weit ausholen - ich hoffe, das ist ok…
Nunja… Alles fing an, als ich gerade mit der Schule fertig wurde und meine Matura machte. Mein Dad hatte eine psychische Erkrankung, die wir als Familie damals noch nicht erkannten – später (2002) hat er sich infolgedessen das Leben genommen.
Davor hatten wir zu Hause (wie gesagt) sein Verhalten noch nicht als "krank" erkannt, sondern wir hatten eher Angst vor ihm, weil er uns häufig Gewalt androhte und man deutlich spürte, dass ständig etwas Bedrohliches in der Atmosphäre unserer Familie lag. Er hatte so heftige Gewalt-Ausbrüche, dass man ein starkes Gemüt hätte sein müssen, um rechtzeitig zu erkennen, dass man Angst UM ihn statt VOR ihm haben sollte.
Das Schlimmste daran war dieser ewige psychische Druck, den wir alle dermaßen hatten, dass man nie wirklich durchatmen oder ruhig einschlafen konnte, geschweige denn "ausgehen" oder irgendetwas einfach „unbeschwert“ tun. Man musste einfach ständig Angst vor einem neuerlichen Ausbruch haben – und diese Ausbrüche überschritten von Mal zu Mal schlimmere Grenzen.
Ich selbst war leider genau wie mein Dad nervlich nie die Stärkste und darum hatten wir in Spannungs-Situationen häufig Streit. Man musste einfach immer Angst haben – nie ist irgendetwas „normal“ abgelaufen, alles musste tragisch enden. Das hat mich einfach fertig gemacht. Ich wünschte mir darum nichts mehr, als einfach einmal „normale“ Dinge tun zu dürfen und entwickelte einen derartigen Freiheitsdrang, dass ich eine zeitlang nichts anderes mehr sehen konnte, als die Hoffnung, dort bald wegzukommen. (Ich weiß, das klingt furchtbar, wenn man so mit sich selbst beschäftigt ist – obwohl alle Menschen um einen herum ebenfalls so leiden…leider ist es aber so gewesen)
Dazu kam noch, dass meine kleine Schwester, die im Rollstuhl sitzt, zu der Zeit auch des Öfteren auf der Intensiv-Station um ihr Leben zu kämpfen hatte, weil ihre Lungen nicht immer mitspielten. Für sie war die familiäre Belastung natürlich am Schlimmsten zu ertragen - ihr Zustand hat sich vor allem in den familiären Krisenzeiten auch körperlich massiv verschlechtert. Man kann sich vielleicht vorstellen, dass es für alle Beteiligten eine Qual war, andauernd mit einem derartigen Gewissens-Konflikt zu leben: Mein eigenes Leben leben, oder Krisenvermeidung in der Familie. Es war einfach nie "Ruhe" - ich meine keine Minute Pause von all dem, kein Tag ohne Tragödie, kein Tag ohne Katastrophe...
Das war eben die Situation, bis ich ca. 18 war. Immer nur ewiger Horror, und keine Chance, da jemals rauszukommen, und unser Dad wollte, dass seine Töchter auch nach der Matura zu Hause bleiben. Ich durfte (sogar noch mit 18!) abends kaum weggehen, ich sollte keinen Freund haben, nicht die Dinge tun, die mir Spaß machten (ich wollte Musikerin werden) - ich sollte im Betrieb meines Vaters arbeiten, der schwer verschuldet war und NULL Gewinn machte (das hätte geheißen: ewig arbeiten, und niemals auf eigenen Beinen stehen. Ich meine übrigens wirklich NULL Gewinn – die Behörden haben uns unsere Situation oft nicht abgekauft, wenn wir z.B. beim Anfordern von Pflegegeld etc. KEIN Einkommen für 5 Menschen angeben mussten. Die sagten alle „wie haben Sie dann bis heute überlebt? Sie unterschlagen doch was…“). Dabei haben uns nur Bekannte und Verwandte finanziell immer wieder mit dem Notwendigsten unter die Arme gegriffen und uns notdürftig unterstützt, damit wir eben nicht ganz durch das soziale Netz fallen.
Mein Dad hielt es für egoistisch von mir, dass ich wo anders arbeiten und mir eine eigene Existenz aufbauen wollte (von wo aus ich auch freilich zu Hause besser hätte helfen können…) Naja, jedenfalls wurde mir immer das Gefühl gegeben, dass alles, was ich für mich selbst tue, jemandem anderen fehlt, dass alles, was ich mache, falsch ist und alles was ich will egoistisch. Eine zeitlang wollte ich einfach ausbrechen und mit Menschen zusammen sein, die mir sagen: es ist ok, so wie Du bist – und so kam es zu meinem heutigen Dilemma:
Ich lernte knapp vor meiner Matura eine Band kennen, bei der ich dann auch einsteigen durfte. Der Schlagzeuger dieser Band hätte vom Alter her mein Vater sein können – ihm gehörte das ganze Gelände, auf dem geprobt wurde. Diese Proben waren das Einzige, was ich damals sozusagen „für mich selbst“ hatte und wo ich von anderen auch ein wenig Anerkennung für etwas, das ich kann, erfahren habe – und nach jeder Probe setzte sich dieser Typ vom Schlagzeug zu mir und „kümmerte“ sich sozusagen um mich. Ich meine damit, dass er mir zuhörte und mit mir redete. Es kam einfach nicht sehr oft vor, dass damals jemand derartiges Interesse daran gezeigt hätte, wie ich mich fühlte, wie es mir wirklich ging. Er suchte immer mehr Nähe zu mir, und als ihn dann noch seine (sehr viel jüngere) Freundin verlassen hat, „hängte“ er schon regelrecht an mir. Da ich mit Männern generell keine Erfahrung hatte, nachdem ich ja zu Hause immer von allem ferngehalten wurde, habe ich die Dinge, die dann geschahen, trotz meiner (damals fast) 18 Jahre nicht rechtzeitig durchschaut.
Er redete immer mehr auf mich ein, er kannte meine Schwachpunkte, er sagte, meine Familie würde mich nicht lieben und nur blockieren. Er sagte, dass weder meine Familie, noch ein anderer Mann (er wusste auch von meiner ersten großen Liebe – die nie etwas von ihrem „Glück“ erfahren hat…) mich jemals wirklich lieben würden, dass ich das akzeptieren solle. Er würde mir ein Zimmer bei sich zu Hause geben – es wohnten ja viele andere Künstler (oder besser gesagt Obdachlose…) bei ihm.
Ich war damals so dumm und bin wirklich nach dem nächsten Ausbruch meines Vaters zu diesem Mann gezogen – ich dachte ernsthaft, das würde mir helfen, „frei“ zu werden, und ich dachte ernsthaft, er machte das ausschließlich, um mir zu helfen. Und dann kam eines zum anderen: ich hatte kein „eigenes“ Zimmer – sondern sollte in seinem Bett schlafen. Was anderes stand für ihn nie zur Debatte. Nachdem wir dann in den ersten Nächten einfach nur weiter viel geredet haben, wie vorher auch, fing er immer mehr an, dass er sich neben mir herumwälzte und weinte. „Seine Freundin hatte ihn verlassen, vom „System“ fühlte er sich verlassen […] und ich lag da neben ihm und hatte eine Mauer aufgestellt.“ (ungefähr darauf kann man alles reduzieren, was er von sich gab). Lange hat es nicht gedauert, bis ich das Gefühl hatte, dass ich gar nichts mehr weiß und den ersten großen Fehler machte: ich ließ ihn an mich ran, wenn ich auch keine Ahnung hatte, was ich da tat. Er wusste, dass ich auf die Art niemand anders kannte außer ihn – und immer, wenn mir etwas an meinen Gefühlen in Bezug auf die Nähe zu ihm „nicht normal“ erschien, sagte er, das sei völlig normal. Dass ich ihn nie küssen konnte, dass ich es hasste, wenn er meine Brust berührt, … das alles war – seiner Meinung nach – ganz normal. Ich hätte eben eine Körperflüssigkeiten-Phobie und außerdem kein gesundes Körpergefühl… es sei aber nicht weiter bedenklich, das war seine Art, diese Dinge zu erklären. Also quasi „an mir stimmt was nicht – die Situation ist aber völlig normal…“
Er erzählte mir immer von den „Buschvölkern“, wo alle so „friedlich“ und „lieb“ zu einander sind, weil sich die jungen Frauen dort jedem Mann freiwillig hingeben, wenn Unruhe aufkommt – so wäre alles viel friedlicher. Ob „das Recht des Stärkeren“ wirklich „frei“ macht, wage ich heute zu bezweifeln, damals habe ich ihm jedes Wort geglaubt – ich kannte solche Gedankengänge einfach nicht.
Am Morgen nach der ersten „intimen“ Nacht mit ihm war ich verstört und fühle mich absolut nicht wohl. Ich wollte wieder nach Hause – ich habe ihm gesagt, dass ich es für einen Fehler halte, dass ich das zugelassen habe. Ich schämte mich auch irgendwo. Doch er machte mir schreckliche Vorwürfe, er sagte, dass man so nicht mit Menschen umgeht – so, als ob ich das für mich getan hätte und jetzt nicht mehr dazu stehen könnte. (das hat mich verwirrt – ich meine, er war ein sehr ungepflegter, übergewichtiger, viel, viel älterer Mann – ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass Intimität mit ihm für MICH eine Bereicherung sein sollte!) Er gab mir das Gefühl, als wäre ich voll für dieses Geschehnis zur Verantwortung zu ziehen – und er selbst keineswegs. Er benahm sich regelrecht, als ob unser Altersunterschied umgekehrt wäre. Ich war zuerst geschockt, dann verwirrt und dann fühlte ich mich irgendwann unglaublich verantwortlich ihm gegenüber. Ich dachte, er gibt mir nun zu essen und ein Dach über den Kopf und würde auch sonst alles für mich tun, und ich gebe ihm nichts zurück. Ich hatte die ganze Aktion mit „bei ihm bleiben“ weder durchdacht, noch durchschaut. Ich hatte anfangs ernsthaft geglaubt, er würde mir dieses Angebot machen, weil er mir selbstlos helfen will, weil er mir Starthilfe für ein eigenes Leben geben will oder so. Er hat es auch so aussehen lassen, bevor ich bei ihm eingezogen bin. Nachdem er sein Angebot offensichtlich gar nicht so „umsonst“ gemeint hatte, hat es mich beschämt, dass ich es so aufgefasst hatte. Und da er jedes Mal, wenn ich von ihm weg wollte, so reagierte, als GÄBE es gar keinen anderen Standpunkt als seinen – als wären meine „komischen“ Gefühle ganz und gar unberechtigt, redete ich mir ein: „Ok! Jetzt hast Du dies und das getan, also übernimm die Verantwortung. Steh zu ihm als Dein Freund, fallen lassen wäre unfair.“
Ich habe dann insgesamt 5 Jahre lang bei ihm gelebt und ein Leben geführt, dass ich gehasst habe. Anfangs drückte sich mein Unwohlsein in meinen Träumen aus, ich hatte die ärgsten sexuellen Albträume – ich fühlte mich ja unglaublich widernatürlich in der Situation. Nach ein paar Wochen/Monaten fing aber alles in mir an, abzusterben – ich fand mich ab, ließ sexuell immer alles geschehen, auf fast immer dieselbe Weise und stand sogar in der Öffentlichkeit dazu, dass er nun mein Freund sei. Ich wollte nie ein Mensch sein, der aus Oberflächlichkeit einen „lieben“ Menschen von sich weist. Heute weiß ich, dass es nicht Oberflächlichkeit war, sondern der Hass auf ihn, warum ich mich an seiner Seite nicht wohl fühlte. Die Tatsache, dass ich – so gut es auch verdrängt war – immer wusste, dass es keine Entscheidung von Herzen war, bei ihm zu bleiben, sondern, dass ich mich immer überrollt fühlte von der Art, wie er mich dazu gebracht hat, bei ihm zu sein. Ich konnte einfach nicht damit umgehen, dass er mich für einen schlechten Menschen halten würde, wenn ich ihn verlasse – das er ernsthaft glauben würde ICH hätte IHN ausgenutzt. Wo ich mich doch selber ausgenutzt fühlte. Der Mann, der mir jeden Tag sagt, dass er ALLES aus Liebe zu mir tun würde, sagt genau das Gegenteil, wenn er nicht mehr kriegt, was er fordert. Wenn ich nicht mehr sage „ich hab dich lieb“ und nicht mehr mit ihm schlafe. Ich bin immer so langsam beim Verarbeiten solcher Dinge… und offenbar viel zu dämlich für diese Welt. Ich kann nichts mehr ungeschehen machen, nichts mehr zurücknehmen und in der Zwischenzeit ist mein Vater tot. Er hat leider nicht mehr erlebt, dass ich verstehe, was er damals gemeint hat, als er sagte, dass mir das ein Leben lang bleiben würde, dass ich das nie vergessen würde. Er ist tot und ich bin in seiner schwersten Zeit nicht für ihn da gewesen, ich habe es vorgezogen, in noch schlimmeren Verhältnissen zu leben, nur weil ich zu stolz war, zuzugeben, dass ich anderswo und aus eigener Kraft keineswegs „freier“ war als zu Hause.
Jetzt erst, nachdem ich andere Männer kennen gelernt habe, in die ich wirklich verliebt war, habe ich viele Dinge, die er sagte, als Lüge erkannt. Erst, seit ich weiß, wie es sich anfühlen soll, weiß ich, wie es sich nicht anfühlen darf.
Ich dachte damals, dass er seine Fehler mir gegenüber wenigstens aus einer Mischung von Liebe, Unwissenheit und Unbeholfenheit gemacht hat – jetzt weiß ich es besser: Er hat mich nie geliebt, er hat mich gebraucht. Er lebt nicht FÜR die Jugend, sondern VON ihr. Er hat genau gewusst, was er sagen und tun muss, dass er den Zeitpunkt verzögert, an dem ich gehe und mich in Gedanken bindet – es war nicht „Interesse“ an mir und meinen Gefühlen, warum er mir zugehört hat, sondern Interesse daran, wie er meine Gefühle gegen mich und zu seinem Nutzen verwenden kann.
Das Schlimme ist nur, dass ich erst vor kurzem langsam aufgewacht bin, noch vor kurzem alles verteidigt habe, was er getan und gesagt hat – vor meiner Familie, vor allen Freunden usw. Je mehr mir bewusst wird, wie hoch der Preis ist, den ich und jeder, der mir nahe steht, für meine Fehler bezahlt haben… desto mehr verliere ich die Lust am Leben.
Ich fühle immer weniger, alles ist so vernebelt. Meine letzte Beziehung ist vor allem daran zerbrochen, dass die Bilder aus der Vergangenheit bei jeder Berührung wieder zum Leben erwachen, ich kann – je stärker alles heraufdämmert – gar nicht mehr „normal“ meine Liebe zu einem Mann leben – vor allem nicht in der Sexualität; aber nicht nur da, sondern auch, wenn ich liebe Worte höre, wenn es um Vertrauen geht… Es ist mir einfach nicht möglich, irgendjemandem ernsthaft zu glauben, dass ihm etwas an mir liegt, dass ich wertvoll für ihn bin. Ich habe das Gefühl, als ob ich meinen Wert verloren hätte.
Wenn ich den Menschen auf der Straße oder sonst irgendwo im Alltag beim Reden zuhöre, höre ich im Grunde nur noch Todesurteile gegen mich, denn die Menschen urteilen ständig aufs Neue: „wie kann man nur“ und „nie im Leben würde ich sowas“ und „sowas kann man nie wieder gut machen“ und „so etwas ist unentschuldbar“ – so sprechen die Menschen über die kleinsten Winzigkeiten im Leben. Es ist oft „unentschuldbar“, wenn zwei sich unterhalten, ob eine andere ihre Anti-Baby-Pille zu nehmen vergessen hat…
Mit solchen Kleinigkeiten und so schnell abgehandelten Urteilen sagen Menschen viel mehr zu mir und über mich, als ihnen klar ist. Ich muss dann nicht mehr konkret fragen, was sie wohl zu all dem zu sagen hätten, was ich mit mir rumschleppe. Sie geben mir die Antwort ja schon mit ihrer Grundhaltung.
Ich weiß, dass man für sein Handeln selbst verantwortlich ist, ich weiß, dass ich selbst schuld bin an meiner Situation und daran, dass es meine Familie durch alles, was ich getan habe noch schwerer hat, als ohnehin schon. Ich weiß nur nicht, wie es weitergehen soll. Ich werde mit Allem, was durch mein Verschulden geschehen ist, einfach nicht fertig. Wenn ich jemandem von denen davon erzählen würde, würde man vermutlich sagen: „mit dem Alter hättest Du es aber schon wissen müssen…“ Sogar ich selbst sage mir das immer wieder. Trotzdem habe ich es nicht gewusst, und ich hasse mich dafür, dass ich nie so schnell und so weit bin, wie die anderen und dass ich immer solche Fehler mache, die wahrscheinlich von allen Fehlern die man machen kann, am Dümmsten sind.
Ich weiß, dass derjenige, von dem ich nun so eingehend gesprochen habe, mir beim Sterben helfen würde, wenn ich es drauf anlege. Er hat es versprochen. Ich würde ihn ganz leicht dazu bringen, denn für eine bestimmte Sache würde er alles tun. Ich frage mich dabei nur die ganze Zeit: Würde es ihm irgendetwas sagen, dass ich mich damit ausgerechnet an ihn wende? Würde es ihn zum Nachdenken bringen, wenn ich direkt in seinen Armen und durch seine Hand sterbe? Wenn ich das wirklich durchziehe?
So oder so – tot oder lebendig: meine Würde gibt mir niemals wieder jemand zurück. Ich weiß nicht, wie lange ich das Leben so noch ertrage; ohne meine Selbstachtung fühle ich mich so leer, so wert- und kraftlos. Ich nehme gar nicht mehr wirklich am Leben teil, immer, wenn ich was zu sagen hätte, dann denke ich mir selbst gegenüber nur noch (bevor ich etwas aussprechen kann) „was willst DU schon sagen? Was willst DU irgendwem erklären, so wie Du bist?“ Wenn ich anderen Menschen gegenüberstehe, fühle ich mich immer so, als ob ich nichts an hätte, oder als ob ich unglaublich entstellt wäre.
Ich kann nicht einfach sterben, denn – so wertlos mein Leben auch ist – meine Mum und meine Schwestern würden sich die Schuld geben, wenn in ihrer Familie einer nach dem anderen durchdreht. Was soll ich also tun? Oft habe ich Ess-Störungen, oft verletze ich mich absichtlich selbst, weil ich nicht mehr weiß, wohin mit der ganzen Schuld; wenn ich gar nicht mehr existieren möchte und trotzdem weiß, dass ich nicht noch mehr Schuld an mir oder meinem Andenken ertragen kann: Wohin dann mit mir? Wohin mit der ganzen Schuld?