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Winter

S

SevillaValencia

Gast
Dunkelheit.
Es wird Winter - das erinnert mich an Weihnachten.
Das Gefühl, dass da draußen - hinter den Fenstern - etwas ist, die Sehnsucht, dass innerhalb der Fenstern etwas ist. Einsamkeit und Langeweile.

Ich war vor ca. einem viertel Jahr in einer sehr guten Psychotherapeuthischen Einrichtung. Dort erlebte ich „roborierende“ (also stärkende Maßnahmen) wie Qi-Gong, Tagesstruktur, eine sinnvolle Tätigkeit, gutes Sozialleben, Verhaltens-, Körper und als Kernstück die gesprächsbasierte Gruppentherapie.
Aber lasst mich kurz erklären warum ich dort Hilfe suchte.

Ich bin eines von drei Kindern – ein Sohn mit zwei Halbschwestern – das Nesthäkchen, geboren nach vielen abgetriebenen Vorgängern als „Kleber der die Familie zusammenhalten sollte“. Ich erlebte in meinen ersten Lebensjahren eine große Bevorzugung durch meine Mutter – hatte sie denn Lust sich mit jemandem zu beschäftigen – während die anderen Beiden nicht so geherzt wurden. Mein Vater... ja der hat sich wirklich nie mit uns oder der Familie beschäftigt. Unberechenbarkeit, Schmutz, Gewalt (physischer und psychischer Natur) und große Bedrohung waren sehr offensichtlich, aber auch subtil dauerhaft in unserem Familienumfeld vorhanden. Der Nachbar verprügelte seine Frau, meine Mutter verprügelte uns Kinder, mein Vater ebenso. „Du wirst nie 'was“ kam erst später – als ich begann in die Schule zu gehen.

Ich konnte vor der Einschulung lesen, schnell rechnen und war insgesamt maßlos unterfordert – aber ein braver, oder besser von der Welt sehr verängstigter Junge. Ich war ein Opfer-Typ und wurde so behandelt. Zuhause vom Vater nur unter Druck gesetzt, von der Mutter nicht mehr um meiner selbst Willen geliebt. Billige Klamotten, vergammeltes Essen in der Schule und seit der ersten Klasse den Schulweg allein zu gehen, dass ist das was ich mit Schule verband.

Entsprechend sahen meine Noten aus – ich war intelligent, dennoch war ich ein Assi-Kind – und so wurde ich bewertet. Manchmal, wenn ich an Orten nahe meiner alten Grundschule spazieren gehe, sehe ich meine alte Grundschullehrerin. Sie schaut mich immer sehr schockiert an, sehr schuldbewusst, sehr empathisch. Vielleicht, weil ich ihr gegenüber fallen ließ, dass ich mit einem Kleiderbügel verprügelt worden war. Und das, obwohl wir in der zweiten Klasse wegzogen, als ich erste Freunde fand.

Dort fing das Mobbing an. Zweieinhalb Jahre war ich Dreck. Ein Boxsack. Bespuckt, erniedrigt, geschlagen.
Dann fing ich an, eben jene zu beeindrucken die mich vorher gepeinigt hatten. Ich zündete Mülleimer an, stahl, erniedrigte andere und prügelte mich. Mein Gewissen, mein Herz, mein Bedürfnis nach Liebe brannte in diesen Situationen – doch ich tat es, weil ich die Position satt hatte. Weil ich meinen Hass auf die Welt nach außen tragen musste, weil mich jemand sehen und letztlich retten sollte.
Doch es passierte nur Gegenwehr. Ich war für meine Eltern nicht liebebedürftig oder unterversorgt – ich war eine Kraft der man nur mit Gegenwehr begegnete. Da war ich 12.

Wenn ich von meinen Eltern spreche, mag man das Bild totaler Asozialer im Kopf haben – doch mein Vater ist ein Akademiker, Künstler und philosophisch/psychologisch sehr gebildet. Meine Mutter hingegen ist ungebildet, aber keineswegs dumm. Heute würde ich sagen, menschlcih spielt das keine Rolle; er hat mindestens einen depressiven Grundkonflikt, während sie schizophrene Züge zeigt.

Meinen emotionalen Hunger konnten Sie nie sehen, denn diesen zu stillen, hätte ihre eigenen Wunden zu schmerzlich aufgedeckt. Wie konnten sie etwas geben, was sie nie bekommen hatten? Wie sollten sie es ertragen zu lieben, ohne je geliebt worden zu sein?

So verdrängten sie meine Bedürfnisse und nahmen uns alle drei nur als zu Züchtigende, zu Maßregelnde wahr. Sie waren nicht wirklich Tyrannen, sie versuchten es gut zu machen, aber es war Ihnen innerlich nicht möglich.
Dennoch spüre ich heute das Loch, die Ungerechtigkeit, den Hass.
Eine Erklärung macht nur bewusster, dass es nichts anderes zu tun gibt, als den Schmerz zu akzeptieren.

Nach meinem guten Abitur, dem Auszug mit 17, meiner ersten sechsjährigen Beziehung, zahlreichen Nebenjobs, Bildung, Wegfindung, Subkulturen und politischen Extrema begann ich einen Neustart.
Ich zog in eine andere Stadt, verlaß meine erste Freundin und begann zu studieren. Es war furchtbar beängstigend so frei zu sein – schließlich kannte ich niemanden und war absolut einsam.
Ich machte weiter, studierte mehr schlecht als Recht Lehramt und wechselte nach 2 Jahren des Herumhängens auf Informatik. Ich schaffte es länger BaföG zu erhalten und gründete im Jahr des Wechsels mein eigenes Unternehmen.
Ich versuchte mir Wissen, Attitüde, Verhalten, Existenz und Handeln eines Unternehmers anzueignen und feierte viele Erfolge. Und viele Rückschläge.

Mein ganzes Leben suchte ich nach einem Grund, dem goldenen Schlüssel der alles wieder gut macht, der wenigstens eine Antwort ist. Ich suchte nach dem „guten Leben“, nur um Festzustellen, dass das gute Leben ohne Suche geschieht. Dass es die ganze Zeit da ist – das konnte ich nicht ertragen, ich sabotierte mich. Obwohl ich soviel erreicht hatte, von dem viele mir sagten sie seien neidisch, wollte ich es nicht. Ich brauchte das Leben des Suchenden, des Kämpfers. Ich brauchte den Kampf.
Ich war mit meiner Freundin zusammen, offene Beziehung, sie liebte und liebt mich abgöttisch – sie (und ich) waren frei genug miteinander gemeinsam Affären zu haben; wir führten eine Beziehung meiner Ideale. Sie war frei und ich war frei. Dennoch waren wir miteinander innig verbunden und wohnen schon länger zusammen.
Mein Unternehmen lief und warf soviel Geld ab, dass ich nicht wusste wohin damit (das klingt nach mehr als es war, aber für mich war es viel). Ich war fähig Menschen zu beeindrucken, war und bin attraktiv und es gab wenig um mich zu schlagen.
Für meine Ansprüche hatte ich genug erreicht. Also wollte ich „mich finden“ und begab mich auf eine achtwöchige Reise durch den Süden. Ich lernte sehr viele Leute kennen und hatte viele Affären – ich hatte Erfolg und das Leben war leicht.
Bis ich zurückkam und merkte, ja merken musste, dass die Leere nicht von Außen kam. Im Außen war nicht viel zu finden, es war keine große Herausforderung da, die mich reizte.
Die Erfahrung von Erfolg war die größte Krise meines Lebens.

Ich sprach mit meiner Freundin sehr oft über Suizid, Depressionen und über meine Kindheit. Ich blieb zuhause, über Silvester, über Ostern. Ich verließ das Haus nicht und meine Freundin war das pure Leben, gegenüber mir. Non-Stop Kreislauf aus Verdrängung, Krise, Isolation, Tränen. Abwehr, war meine größte Lösung.
Hatte ich sonst ein Ziel und alles unter Kontrolle, war jetzt die immer anklopfende Depression hereingetreten und machte es sich so sehr gemütlich, dass spürbar wurde, dass es für mich einfacher war zu versinken, als dieses Scheißleben zu leben. Abstrus, dass ich das obige Leben als Scheißleben bezeichne.Aber...
Wie würdest du dich fühlen, wenn du aus der Scheiße gekrochen kommst, mit dem immer währenden Gefühl der Sehnsucht und dem was aus diesem Mangel entsteht, wenn du alle Verantwortung für dein Handeln übernimmst und daraus Kraft schöpfst und dann spürst, dass du dir Schlösser, Burgen und Paläste bauen kannst, doch dein Gefühl, dein Mangel niemals weg gehen wird?
Ist das nicht ungerecht? Mich macht das wütend und hasserfüllt.

Ich musste in Therapie, ich brauchte Hilfe – ich wanderte von Therapeuth zu Therapeuth und von einer Diagnose zur nächsten. Bipolare Störung oder doch lieber eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung? Kommen Sie, nehmen Sie noch die Depressionen obendrauf und sparen Sie die Sozialphobie gleich mit ein.
Wie dem auch sei, alle Psychologen empfohlen mir eine stationäre Therapie.

Ich lernte dort im Prinzip wenig Neues über meine Vergangenheit, doch ich erfuhr so wunderschöne Dinge. Die Sehnsucht, die ich am liebsten mein ganzes Leben lang ausgelebt hätte – die Welt zu umarmen und zu verbessern - wurde dort ein bisschen erfüllt. Dort waren so wunderbare Menschen, so viel Liebe und Stabilität.
Alle meine Mängel, wurden dort umarmt. Ich war dort... und durfte nocheinmal Kind sein – mit einer liebevollen Familie. Ich durfte weinen, liebebedürftig sein, aber eben auch hasserfüllt und missgünstig... und wurde gehalten. Ich vermisse das.

Die Therapie hatte keine Antworten, weil es sie nicht gibt. Das Loch in mir, wird niemals weggehen, das frühkindliche Bedürfnis niemals anders sein. Die Therapie zeigt einem nur auf, dass in dieser Erkenntnis Stärke liegt.
Ich weiß jetzt, dass ich mich nicht dafür abmühen muss, Dingen hinterherjagen oder die „Wahrheit finden“ muss. Die Erwartung an die Außenwelt brauche ich nicht zu haben – so entsteht Raum für das, was sonst noch da ist.

Und damit lebe ich nun. Ich habe keine Frage, ich habe kein Problem, dass einer Lösung bedarf – ich sitze hier nur mit meinem Bedürfnis, die Welt lieb zu haben und.. naja das was eben ein zweijähriger fühlen würde, dem seine Eltern fehlen; mit dem Wunsch etwas zu finden, wenn ich da aus den dunklen Fenstern sehe – und der traurigen Gewissheit, dass ich eben jetzt ein erwachsener Mann bin.
Was ich mit dem Post bezwecke ist ein Gehör zu finden. Mich zu versichern, dass es einige offene Gefäße gibt...

Danke
 

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Einen Rat habe ich nicht für dich, aber dein Post hat mich sehr berührt.

Was ist heute mit deinen Eltern. Hast du ihnen, das was du hier geschrieben hast, alles mal so gesagt?
 

SevillaValencia

Neues Mitglied
Einen Rat habe ich nicht für dich, aber dein Post hat mich sehr berührt.

Was ist heute mit deinen Eltern. Hast du ihnen, das was du hier geschrieben hast, alles mal so gesagt?
Schön, dass dich das berührt.

Natürlich habe ich Ihnen das gesagt, mehrfach, mal sanft, mal vergebend, mal hasserfüllt; Geändert hat dies und der Kontaktabbruch wenig.

Lieben Gruß
 

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