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Wind aus den Segeln seit Corona

  • Starter*in Starter*in Jadelina
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J

Jadelina

Gast
Halli hallo,

ich möchte hier einmal meinem Unmut über meine derzeitige Situation kundtun. Zu mir: In der Schule immer gut gewesen, nach dem Abi 1 Jahr Ausland, in Mindeststudienzeit den Bachelor in Molekularbiologie gemacht. Ich wollte aber immer Medizin machen, habe danach ein Jahr mit einer Fotografieausbildung überbrückt und für die Aufnahme in Ö gelernt, die ich dann geschafft habe. Das erste Jahr verlief gut, dann ging aber meine 9-jährige Beziehung in die Brüche, was mich etwas aus der Bahn warf. Habe Prüfungen verschoben und wollte sie im nächsten Sommer nachholen - dann kam die Pandemie. Reguläre Prüfungen fanden im Sommer statt und die nachzuholenden, die verschoben sich ins nächste Studienjahr, somit "verlor" ich Studienzeit. Ich fühlte mich isoliert in der Pandemie und ohne Struktur fehlte mir der Antrieb und ich sah mich einfach nicht täglich vom Bett zum Schreibtisch gehen, außerdem fühlte sich alles nach Stillstand an. Ich ging arbeiten, fing einen Nebenjob im Krankenhaus an - gut für den Lebenslauf und Struktur im Alltag. Jedoch gefiel es mir, selbst Geld zu verdienen und nach der Arbeit zufrieden zu sein, etwas "geschafft" zu haben und nicht wie beim Studieren das Gefühl zu haben, nie fertig zu sein mit dem Lernen. Die letzten zwei Jahre versuchte ich es immer wieder, aber machte keine/schaffte keine Prüfung. Die Pandemie hat nicht nur das Gefühl von Stillstand in mir ausgelöst sondern auch meinen Unsicherheiten und Selbstzweifel im Studium Raum gegeben, die sich breit gemacht haben. Und jetzt steh ich da und fühl mich, am gefühlten Ende der Pandemie wie eine Versagerin, wie jemand, der die letzten Jahre verschlafen hat und sich zurück ins Studium kämpfen muss und es fühlt sich sehr schwer und belastend an. Es wird wieder besser, dadurch, dass wieder Bibliotheken offen haben und ich ein paar kenne, denen es gleich ging wie mir.
Trotzdem bekomm ich das Gefühl der Selbstvorwürfe nicht weg. Ich wünsch mir immer wieder alles hinzuschmeißen oder schon fertig zu sein. Das, wo ich jetzt stehe, passt nicht zu meiner früheren Identität, zu der Person, die immer alles geschafft hat. Am meisten nerv ich mich selbst, weil ich weiß, dass ich selbst verantwortlich für mein Leben bin und die Entscheidung bewusst getroffen habe, die letzten Jahre "anders", also mehr in studentischem Stillstand und arbeitend zu leben.

Geht es jemanden ähnlich? Wie habt ihr die letzten Jahre erlebt? Würde mich freuen, wenn ich mich nicht ganz wie ein Alien fühlen muss. 🙂
Jadelina
 
Ich habe auch festgestellt, dass sich die Corona-Pandemie sehr negativ auf mein Lernen ausgewirkt hat, wodurch ich nicht mal ansatzweise an frühere Lernerfolge anknüpfen konnte. Entsprechend sind die Noten auch deutlich schlechter als früher ausgefallen.
Die meisten, mit denen ich über dieses Thema gesprochen habe, sind in ihrem Lernen ebenfalls durch die Corona-Pandemie eingeschränkt worden. Du bist da also keineswegs ein Einzelfall.

Und jetzt steh ich da und fühl mich, am gefühlten Ende der Pandemie wie eine Versagerin, wie jemand, der die letzten Jahre verschlafen hat
Du hast einen Bachelor, hast die Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium bestanden und hast während der Pandemie einen Nebenjob im Krankenhaus gehabt. Du bist keine Versagerin, sondern kannst ordentlich was vorweisen!

Trotzdem bekomm ich das Gefühl der Selbstvorwürfe nicht weg. [...] Das, wo ich jetzt stehe, passt nicht zu meiner früheren Identität, zu der Person, die immer alles geschafft hat.
Ein gewisses Scheitern gehört leider zum Leben dazu. Das muss jeder (!) irgendwann lernen. Niemand schafft immer alles, auch wenn manche jedoch gut den (täuschenden) Eindruck erwecken können, sie würden immer alles schaffen.
Ich finde es hilft in solchen Momenten sich klar zu machen, was die eigenen großen Ziele sind. Du wolltest immer Medizin studieren (und danach wohl Ärztin werden?). Bist du damit gescheitert? Nein! Du studierst noch Medizin und wirst das Studium später abschließen. Hinsichtlich deines großen Ziels "Medizinstudium abschließen" bist du also nicht gescheitert, sondern noch dabei es zu erreichen.
Dein Scheitern bezieht sich nicht auf das Wichtigste, das Erstrangige, in deinem Leben, sondern auf das Zweitrangige. Du bist damit gescheitert, dass Medizinstudium in Mindeststudienzeit mit Bestnoten abzuschließen. Das fühlt sich jetzt blöde an. Aber später in deinem Leben, wenn du das Medizinstudium abgeschlossen hast und im Berufsleben stehst, werden weder du selbst noch andere sich dafür interessieren, ob du während der Corona-Pandemie super Studienleistungen erbracht hast.

Also versuch dich auf das Wichtige zu konzentrieren und dich nicht unnötig selbst fertig zu machen. Du hast bereits viel geleistet und wirst deine großen Ziele auch später noch erreichen.

Am meisten nerv ich mich selbst, weil ich weiß, dass ich selbst verantwortlich für mein Leben bin und die Entscheidung bewusst getroffen habe, die letzten Jahre "anders", also mehr in studentischem Stillstand und arbeitend zu leben.
Das Gefühl während der Pandemie sein eigenes Potential nicht ausgeschöpft zu haben, kenne ich gut. Aber ich selbst habe mich inzwischen damit abgefunden, dass ich nun mal nicht immer Topleistung erbringe. Man sollte an sich selbst nicht unnötig hohe Anforderungen stellen und sich auch mal zugestehen, dass es in Ordnung ist, wenn nicht immer alles super klappt.
 
Hallo Jadelina,

mir geht es ähnlich wie dir, wenn auch etwas anders. 1er Schülerin war ich auch, jedoch fingen meine Probleme nach dem Abi bei meinem Freiwilligendienst an mit Schlaf- und Entscheidungsstörungen und starker Gewichtsabnahme und psychosomatischen Beschwerden wie chronischem Husten.
Es folgten 3 stationäre Therapien, ambulant und medikamentös. Mein erstes Studium brach ich ab, weil es mich doch nicht so sehr interessierte (Romanistik) und wechselte zu Deutsch als Fremdsprache, weil mich die Linguistik mehr interessiert und weil das ja auch eine praktischere Berufsaussicht ist.
Alles lief gut, gute Noten und ich hatte auch einen Nebenjob als Lehrerin an einer Sprachschule bis vor meinem Auslandssemester. Und dann fing Corona an. Da fehlte nur ein Praktikum und die Bachelorarbeit (hatte noch ein Modul angefangen, was ich letztendlich aber gar nicht brauchte).
Und dann stürzte ich wieder in ein Loch.
Tod meiner Oma, Umzug, und die Studienanforderungen überforderten mich und ich bekam gar nichts mehr hin. Habe mich mit mehreren Praktika durchgewurschtelt und mit 4 bestanden. Bachelorarbeit fehlt immer noch. Ich weiß nicht, ob ich dieses Studium noch schaffen kann. Alle Kommiliton*innen sind fertig (bis auf eine) und ich fühle mich einfach so unfähig. Aber jetzt alles hinschmeißen wäre auch blöd nach 5 Jahren. Ich wünschte einfach, ich könnte die Zeit zurückdrehen und es entspannter angehen lassen am Anfang der Pandemie.
Dazu kommt, dass ich mich jetzt nicht mehr in dem Beruf sehe, aber auch nicht wirklich eine Alternative habe. Mein Kopf ist leer, die letzten 2 Jahre waren einfach so vergeudet... Wenn nicht auch schon die Zeit davor... Bin jetzt 28 und habe nichts angeschlossen nach dem Abi.
Du hast doch schon einiges, auf das du stolz sein kannst!
 

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