Hallo,
verdrängen geht eh nicht, also würde ich mich den Erinnerungen stellen, am besten unter therapeutischer Anleitung, damit du nicht imer wieder runtergezogen wirst, sondern lernst mit schmerzhaften Erinnerungen angemessen umzugehen.
Ich hatte eine ähnliche Kindheit, mit gewalttätigem Vater, höriger Mutter etc...habe mich jedoch sehr früh der Sache gestellt, genau hingesehen, nicht verdrängt und nicht geschwiegen, sondern das Gegenteil gemacht und damit konnte ich mich lösen. Und v.a.: etwas gegen die elterliche Gewalt GETAN! Was hast du bislang dagegen gemacht?
Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen was du machen kannst: sehr viel! Du solltest dein angeknaxtes Selbstwertgefühl wieder aufbauen, hart an deinem Selbstbewusstsein arbeiten, Abgrenzungsvermögen aufbauen, lernen zu reflektieren anstatt zu grübeln, was nur depressiv macht. Du brauchst Menschen um dich mit denen du face to face über ALLES reden kannst, dich auch mal ausheulen und auskotzen kannst über Dinge die dich zum Lachen bringen, zum Weinen bringen, dich belasten.
Ich rate zu Verhaltenstherapie und auch Kampfsport...Sport wirkt eh oft Wunder...in einem beweglichen Körper steckt dann auch ein starker flexibler Geist...das eine beeinflusst das andere. Ich wäre damals verrückt geworden oder depressiv, wenn ich mich nicht im Sport (Reiten, Laufen etc.) ausgepowert hätte. Sport erdet einen sehr gut, bringt einen runter, bringt einem das Gefühl Stärke zu besitzen...beim Langlauf habe ich diese Erfahrungen gemacht, der Leistungssport hat mein Selbstbewusstsein sehr schnell enorm aufgebaut.
Du hast meiner Ansicht nach zwei Alternativen: entweder zur Gruppe der ewigen Opfer und Jammermädels zu gehören, die sich den ganzen Tach leid tun, immer wieder in der alten Kacke rumrühren um sich in dem gewohnten Gefühl sich mies zu fühlen zu suhlen, oder aufzustehen und etwas gegen dieses Gefühl zu TUN. Rumsitzen und jammern ist natürlich bequemer, versaut einem jedoch das Charisma und positive Perspektiven. Ich rate daher zum unbequemeren und arbeitsamen Weg dich zu verändern..in einigen Punkten grundlegend....gerade die Denkweise ist richtig, und die will erstmal gelernt sein...als Opfer hat man zunächst eine pervertierte Denkweise von der man erstmal runterkommen muss. Dazu ist eine Therapie hilfreich, denn oft ist einem gar nicht bewusst wie man denkt und wie das das eigene Verhalten positiv oder negativ beeinflusst und somit starken Einfluss darauf hat ob man ewiges Opfer bleibt und sich mies fühlt oder sich befreien kann.
Ich habe auch heute noch einige krasse Erinnerungsbilder aus meiner Vergangenheit..eines, das mich damals zu Tode erschreckt hatte war dies: wir Kids ( ca. 7,9 und 11 Jahre alt) hatten per Zeitungsannoncen nach einer neuen Wohnung gesucht um mit unserer Mutter, die zuvor von meinem Vater vermöbelt und eine Treppe hinuntergeworfen worden war, abzuhauen..aber meine Mutter kniff in letzter Minute, schloss sich mit einem Strick und Selbstmorddrohung in einem Zimmer ein, und ließ uns alleine heulend davor...mit der Angst im Nacken ganz allein mit dem Täter zu verbleiben etc...Heute erschreckt mich diese Erinnerung nicht mehr, sie erschüttert mich nach wie vor da ich es unmöglich finde das eine Mutter ihren Kinders so etwas antun kann und einen so krassen Egoismus fährt ihre Kinder mit Selbstmorddrohung zum Dableiben und Erdulden erpresst...da kommt mir immer noch die Wut etwas hoch, aber nur kurz...denn ich habe damit abgeschlossen...was passiert ist, ist passiert, es ist VORBEI und zwar für immer.
Wenn man richtig verarbeiten will muss man sich seinen Erinnerungen stellen. Ich habe meine Erinnerungen ab der Pubertät immer und immer wieder erzählt, artikuliert, meine Empfindungen dazu ausgedrückt...ggü Freunden, Freundinnen etc...sowas befreit und hilft Abstand zu gewinnen, sich zu lösen..man muss sich seine Seele halt immer wieder freiquasseln, das nennt man Seelenhygiene.
Wenn man verdrängt und schweigt passiert folgendes: es staut sich der alte Dreck an und der gammelt in einem rum, zieht einen immer wieder runter, man drückt unschöne Erinnerungen in dunkle Ecken und diese Ecken werden immer größer und dunkler und aus ihnen funkeln einen die Erinnerungen mit gelben Augen teuflich an und erschrecken einen immer wieder und urplötzlich in Momenten wo mans eigentlich nicht gebrauchen kann....Ich würde also mal diese dunklen Ecken ordentlich ausmisten, mit nem Tausendwattstrahler an psychotherapeutischer Analyse ausleuchten..dann wirst du bemerken, dass mancher Dämon recht rasch zu einem kleinen Rattenviech schrumpft, dass man leicht in den A**** treten und gar nicht so sehr fürchten muss.
Vergessen ist nicht gut, Erinnerung ist wichtig, denn aus ihr können wir lernen..und zwar in meinem wie deinem Fall, dass deine family nicht gut für dich ist und du dich also von ihr lösen und woanders emotional binden solltest. Mit anderen Menschen wird es auch nicht leicht, überall kommt es zu neuen Enttäuschungen, wichtig ist dabei halt dass du ihnen mit einem starken Selbstbewusstsein, gutem Selbstwertgefühl und ausreichendem Abgrenzungsvermögen entgegentrittst. Daran musst du halt arbeiten.
Ich sehe trotz aller negativen Aspekte meiner Vergangenheit auch positive Elemente...ich habe gelernt nie blind zu vertrauen und vorsichtig und umsichtig bei der Wahl meiner Freunde zu sein. Ich habe gelernt unabhängig zu werden indem ich mich nicht unterworfen und geduldet und geschwiegen habe...letztlich bin ich durch meine Kindheit stärker geworden. Und: ich habe mir viele positive Aspekte selber geschaffen, mich früh an Menschen gehalten, die mich mehr geachtet haben...hatte mein Reiten, meine Freunde (oft auch Erwachsene und ca. 20 Jahre ältere Leute darunter von deren Lebenserfahrung ich viel lernen konnte).
Ich erinnere mich auch noch gut an den Sportunterricht...habe immer lange Jogginghosen getragen um blaue Flecken zu verbergen, bis mich das so sehr genervt hat, dass ich meinem Vater CONTRA gegeben hatte und ich nie mehr geschlagen wurde, also dann auch meine recht attraktiven langen Beine in Shorts zeigen konnte 😉 Die Macht meines Vaters zu brechen war ein wichtiger Entwicklungsschritt für mich gewesen..weg von der Angst vor dem Täter hin eher zu einer Angst eher vor mir selber ....bzw. dem Erkennen, dass ich mehr Macht hatte als ich zuvor geglaubt hatte, indem ich durch einen gezielten Topfwurf haarscharf am Kopf meines Vaters vorbei und Drohungen bei Notwehr effektiv zu sein und Drohung von Strafanzeige bei erneutem Übergriff den zuvor despotischen Riesenherrscher zum Zwerg einschüchtern konnte..war ein echt herrliches Gefühl!
Deine Angst deine Kinder ebenfalls zu schlagen ist zum Teil berechtigt. Aber nur wenn du nicht genug verarbeitest und dich nicht bewusst und gezielt mit hartem Training und Arbeit an dir selber aus der alten Tradition herauslösen kannst. Also tu was dafür und sorge dafür, dass du psychisch ausgeglichener und stabiler wirst und lernst auf andere und bessere Weise Macht auszuüben. Und trau dir auf jeden Fall mehr zu! Mach dir klar, dass du nicht deine Eltern bist und es besser machen KANNST! Jeder Mensch hat Aggressionen, wichtig ist halt zu lernen angemessen damit umzugehen...auch hier hilft Sport für Ausgleich...gerade Gewaltopfer tragen oft enorme Wut in sich, die sich irgendwo kanalisieren muss...besser beim Sport und in Form von Aktivitäten, die einen auspowern als ggü den Kindern finde ich. Kümmer dich also um diesen Ausgleich!
Bei elterlicher Gewalt geht es um Macht. Gewalt wird als Machtmittel angewandt...als Erziehungsmittel um etwas zu erreichen....es geht natürlich auch anders...das es anders geht muss dir aber erst durch Erfahrung und Übung bewusst werden. Alte vorgelebte ungünstige (und im Übrigen strafbare!) Verhaltensgewohnheiten sind oft mächtig, man sollte sie nicht unterschätzen und man muss ihnen sehr viel Selbst-BEWUSSTSEIN und einen klaren und starken Willen entgegensetzen, sonst kann man sich nicht ausreichend von ihnen lösen. Du solltest dir zutrauen dich da bereits genug herausgelöst zu haben oder halt noch daran arbeiten, dass du stabiler wirst und stabil bleibst, ggf. RECHTZEITIG fachkundige Hilfe annehmen um zu verhindern, dass du die Kontrolle verlierst, lernen Stress abzubauen, lernen gut mit Stresssituationen umzugehen. Du bist noch sehr jung, auch als Mutter unüblich jung und brauchst ggf. noch einige Erziehungstipps, damit dein Leben leichter wird. Und du brauchst auch Freiräume für dich...Ausgleich, damit du nicht nur wieder als aufopfernde Mutter dastehst, sondern Zeit hast auch mal du selbst zu sein oder zu werden. Diese Freiräume solltest du dir durch Organisation und indem du auch mal andere für dich springen lässt organisieren.
Ich selber bin ein ziemlich aggressiver Mensch, habe viel mit Kindern gearbeitet...und bin NIE in Versuchung geraten zu schlagen, denn ich lehne Gewalt ggü SChwächeren grundsätzlich und radikal und konsequent ab....ich halte sehr viel von einer würdigen und überlegenen Haltung und habe mir diese durch viel Zen und zeninspirierte Kampfsportarten, durch Bildung etc. erarbeitet....Gewalt ggü Kindern halte ich für asozial und eine unwürdige Haltung, ein Zeichen der Ohn-macht..ich bin jedoch mittlerweile so mächtig auf krumme Machtmittel verzichten zu können...mit Worten, einer klaren Ausdrucksweise und einer selbstsicheren Haltung erreicht man ggü Kindern sehr leicht sehr viel mehr...Kids folgen einem recht leicht wenn sie wissen wie die Regeln lauten, wenn man ihnen klarmacht wo Grenzen sind, wenn man in Situationen in denen sie eskalieren (man nennt das Trotzphasen) ruhig und möglichst sachlich bleibt (was man hart trainieren muss....ist nicht leicht, geht aber), sich nicht provozieren lässt und auch selber nicht provoziert, sondern sachbezogen arbeitet.
Als Mutter hast du Verantwortung, du solltest also Hilfe ggf. rechtzeitig bei einem Therapeuten annehmen, für dich und deine Familie. Gegen deine Ängste solltest du dringend auch zusätzlich noch was tun, denn zu viel Angst macht auf Dauer krank (Krebs, Psychosen alles...zu viel Angststress ist Mitursache für viele Erkrankungen)...Angststress muss man abbauen, indem du Kampfsport machst oder auch andere Sportarten, die den Stress abbauen und dir das Gefühl geben dass du selbstsicherer wirst und du nicht mehr bei allem zusammenzuckst...
Ich selber war damals total ängstlich...hatte vor ALLEM Schiss und bin auch immer rumgezuckt, habe mich aber mit zunächst irre klopfendem Herzen und Fast-Ohnmachtsanfällen konfrontativ meinen Ängsten gestellt...viele Ängste überwunden was mich schrittweise zu einem heute recht angstfreien Menschen gemacht hat.
Ich hoffe du schaffst das auch noch, wenn du daran arbeitest bin ich sicher, dass es gelingen könnte.
Tyra
P.S Aufschreiben finde ich auch gut, ich habe damals immer viel aufgeschrieben, aber auch geredet...ich denke drüber reden ist oft auch wichtig und noch wichtiger als aufschreiben..ich hatte zunächst viel geschrieben...mal direkt Erlebnisse oder indirekt verpackt in Geschichten, und das im ersten Schritt einer älteren sehr verständnisvollen Freundin in die Hand gedrückt und dann haben wir drüber geredet...danach merkte ich wie eine große Last von mir fiel und es mir Mal um Mal leichter fiel auch über belastende Dinge zu reden...ist an sich alles Übungssache...man muss seinen Schmerz halt artikulieren...Seelenmist (= Dinge die einen belasten) muss raus!
Hast du auch Freunde oder Freundinnen mit denen du mal quatschen kannst?