Hallo DU2 (wieso eigentlich plötzlich 2?), hier bin ich, wie versprochen. Ist spät geworden, ich weiss, tut mir leid.
Da hast Du aber einen ganz dummen Gedanken geäußerst. Was heißt einen, es waren sogar zwei.
Hier bei uns gibt es keine größeren oder kleineren Sorgen und Nöte. Verzweiflung bleibt, Verzweiflung und Traurigkeit bleibt Traurigkeit, da gibt es keine Wertigkeit. Für jeden ist der Moment, wo er sich an uns wendet, der entscheidende, der aus der absoluten Verzweiflung heraus geboren wird. Verstehst Du, jede einzelne Geschichte, die wir hier lesen, ist absolut und subjektiv. Da gibt es kein mehr oder weniger, und schon gar kein dummes Schämen. So, das war das Erste.
Und dann, wie kommst Du auf den Gedanken, es könnte egoistisch sein, wenn Du die Wahrheit über Deinen Vater wissen möchtest. Wenn Du glaubst, mit dieser Wahrheit, wie immer sie aussieht, umgehen zu können, wenn sie dir wirklich helfen kann, dich besser auf das Ende vorzubereiten, dann hat das wirklich nichts mit Egoismus zu tun. Nur viele wollen diese Wahrheit gar nicht wissen, weil sie davor Angst haben. Allerdings wirst Du auch respektieren müssen, dass der arzt an Seine sChweigepflicht gebunden ist, wenn Dein Vater ihm das gesagt hat, damit ihr nicht noch mehr beunruhigt werdet.
Aber versuchen würde ich in jedem Fall, ein persönliches Gespräch mit dem Arzt zu bekommen.
Vielleicht nicht gerade am Untersuchungstag, da dürfte es schwer sein, ohn das dein Vater es merkt. Aber stecke dem Arzt ein brieflein zu, mit der Bitte um einen telefonischen Termin. Wenn er Dich dann nicht zurückruft, kann ja vorkommen bei einem Klinikarzt, der ja ziemlich viel um die Ohren hat, dann versuch Du es. Ich halt es da genau wie Du, ein Feind, den man kennt, vierliert schon ein wenig seinen Schrecken. Bist Du sicher, dass Dein Vater die Wahrheit, die ja auch nur eine Schätzung sein kann, nicht auch lieber kennen würde, um sich selber vorbereiten zu können.
Weist Du es gibt so viele Dinge, die man als Betroffener noch so gerne erledigt oder ins Reine gebracht hätte, wenn man die Chance dazu gehabt hätte. Aber da die liebe Familie meist so denkt, wie Du, aus Rücksicht, und um den Kranken zu schonen, aus Angst ihn zu belasten, und was es sonst noch für Gründe für die mitleidige Lüge geben mag, bekommen die wenigsten Todkranken diese Chance. Dadurch dass der Tod immer noch so ein starkes Tabuthema ist, über das man lieber nicht spricht, weil man keine Geister wecken möchte, werden wichtige Angelegenheiten immer wieder aufgehoben. Glaubst Du ich wäre schon einmal, seit ich erwachsene und eine eigene Familie habe, in ein Krankenhaus zu einer Op gegangen, ohne nicht vorher, ein gültiges Testament zu verfassen, meine Patientenverfügung überprüfen, ob noch alles so ist, wie ich das möchte, weil ich eigentlich nie weis, ob, und wenn ja, wie ich zurückkomme. Ist doch komisch, oder? Jeden Tag riskiert man im Straßenverkehr sein Leben,. aber wenn man mal ins Krankenhaus muss, nimmt man jedesmal fast einen Abschied für immer. Unser Hirn geht schon seltsame Windungen.
Weist Du, eigentlich hast Du ja schon alles gesagt, mit Deinem Motto: Lebe jeden Tag, als wäre es Dein letzter. Zu wissen, wie lange der Arzt Deinem Vater noch gibt, kann auch das Abschiednehmen zerstören. Denn sobald der vermutliche Zeitpunkt ganz nah ist, macht man sich täglich noch mehr sorgen: Wenn ich morgen aufwache, dann...... Tja, und dann ist der Termin verstrichen, 1 Woche, 1 Monat, noch eine Woche usw. Glaubst Du nicht, dass Du dann halb irre wirst und kaum noch schlafen kannst, um jaaa bei ihm zu sein, wenn es soweit ist.
Das wird eine harte Belastung für Dich, und glaube nicht, Du könntest Deine Angst und Unruhe dann vor Deinem Vater verbergen. Ein todkranker hat ein besonders feines Gespür für die verschiedenen Schwingungen. Entweder, ihr wisst beide Bescheid, dann kann einer den anderen trösten, wenn die Angst zu groß wird, oder es weis keiner von Euch. Dann wisst ihr, das es jeden Tag oder aber auch erst in Wochen sein wird, und könnt die einzelnen Tage vielleicht etwas unbeschwerter miteiander umgehen. Wie man es dreht und wendet, immer wieder kommt es aufs gleiche raus, man tut immer genau das richtige, in dem Augenblick wo man es tut, ob richtig oder falsch, weis man immer erst hinterher. Ist keine große Hilfe,was ich hier von mir gebe, gell?
Vielleicht ist es das beste, einfach aus dem Bauch heraus zu entscheiden, wenn ihr im Krankenhaus seid. Vielleicht ist Dein Vater ja auch einverstanden, dass Du dabei bist, falls der Arzt mit ihm darüber sprechen sollte.
Aber so wie Dein Vater und Du zueinander stehen, denn ich denke er liebt Dich so wie Du ihn, käme für mich nur ein entweder wir oder keiner in Frage. Es ist unfair, wenn einer alleine die Angst tragen muss, aber auch den Vorteil hat, mehr zu wissen.
Liebe Du2, ich kann Dir leider keinen allgemeingültigen Rat geben. Den gibt es sich. angehörige von Sterbenden stehen immer wieder vor diesem Gedankenzwiespalt.
Vielleicht gäbe es noch jemanden, der Dir aus manigfaltiger Erfahrung heraus berichten und raten könnte. Wende Dich doch einmal an ein Sterbehospiz (müsste man über die kirchlichen Stellen finden). Die Menschen dort haben schon so viele Sterbende begleitet, bis es zu Ende war, sodass sie eigentlich die Kompetentesten zur Beantwortung Deiner Fragen sind.
Ich begleite Dich in Gedanken weiter, aber auch ich kann nicht sagen, ob ich Dir wünschen soll, dass es bald vorüber ist, oder ob ich mit dir hoffensoll, dass es noch eine Weile dauert.
Ich bin auch ratlos, drücke und umarme Dich aber ganz fest. Und wenn es so weit sein sollte, und er seinen letzten Gang angetreten hat, dann denke an uns hier im Forum. Wenn Du irgend wo, nicht allzuweit entfernt wohntest, würde ich Dich auf dem letzten Gang gerne begleiten.
Alles Liebe
Luiserl