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Wenn man kein Land mehr sieht

@ganzklein17: Es tut mir leid, dass du deine Traumstelle nicht bekommen hast. Ich kenne das Gefühl, sein Leben nach dem Beruf auszurichten, in der Hoffnung, dass sich diese Mühe irgendwann auszahlt. Ich hoffe du hast deine jetzige Stelle nicht gekündigt? Als sportlich würde ich mich nicht wirklich beschreiben, aber ich versuche täglich 1 Std. auf meinem Crosstrainer zu laufen und bin viel mit dem Fahrrad unterwegs. Leider habe ich niemanden in meinem Umfeld, mit dem ich über meine Situation sprechen könnte. Dafür müsste ich der Person schon sehr vertrauen können. Mit dem Verlust meiner Stelle habe ich sämtliche Kontakte verloren, darunter auch der zu einer Person, die ich als enge Freundin gesehen habe. Mit Ratgebern habe ich mich noch nicht befasst. Hast du vielleicht einen Tipp?

Liebe Bine,

es gibt im Leben die Menschen, die
a) nie nennenswerte Erfolge hatten
b) etliche schöne und gute Erfolge hatten, diese aber - warum auch immer - gegen eine Situation des Mißerfolges tauschen mussten.

Ich denke, wir alle könnten Deinen Satz unterschreiben, den ich fett schwarz markierte: "Wir hatten die Hoffnung, dass sich unsere Mühe irgendwann auszahlt."

Und da liegt in meinen Augen die erste Täuschung: Wir erwarten die Auszahlung in einer ganz bestimmten Währung. Natürlich kann sich jedes Bemühen auch auszahlen. Jedes! Wir dürfen uns nur nicht auf die Währung festlegen. Ich hoffe, die Metapher kommt gut verständlich rüber.

Hier sehe ich auch ein weiteres Problem, Bine, welches Du mit vielen Menschen gemein hast: Der Verlust von guten Kontakten bzw. Beziehungen. Wenn Du das Leben als Nonne oder Einsiedlerin nicht für Dich als wünschenswertes Ziel entdeckt hast, dann stellen andere Menschen für Dich die Zielgruppe dar, in der Du Deine Fähigkeiten und Kenntnisse gewinnbringend investieren kannst. Dort lohnt sich das "Sich-Einbringen", denn dort - von dieser Zielgruppe, wirst Du auch nur Entlohnung erwarten dürfen und können. Du sagst, dass Du tiefes Vertrauen haben mußt, um Dich jemandem anzuvertrauen. Dreh den Satz in seinem Sinn doch mal um: Andere Menschen brauchen Vertrauen zu Dir, damit sie Dir das abnehmen können, was Du in die jeweilige Beziehung einbringen könntest.

Daher lautet die Frage: Was kann ich tun, damit andere Menschen mir vertrauen können?

Du, Bine, hast ohne Zweifel Dir viele Fähigkeiten und Kenntnisse erworben. Möglicherweise ist eine Weiterbildung in diese oder in jene Richtung sinnvoll. Sicher erscheint mir: Wenn Deine Zielgruppe Bibliotheken "gestorben" ist, dann bleibt Dir nichts anderes übrig, als Dir eine neue Zielgruppe zu suchen. Wie Dein zukünftiger Beruf heisst, scheint mir zweitrangig zu sein. Lediglich ist die Fixierung auf Bibliotheken n.m.M. für Dich so verkehrt, wie der Wunsch, das zukünftige Gehalt in Deutsche Mark ausgezahlt zu bekommen.

Und noch ein Tipp: Deine Ausbildung zur Bibliothekarin könnte auf Deiner Vorliebe basieren, sich mehr mit Sachgegenständen (Büchern) als mit Menschen zu beschäftigen. Wenn Du nicht auf eine andere Sache ausweichen kannst, z.B. Bildhauerei, solltest Du Dich mit dem Thema "Menschen" beschäftigen. Sie sind schwieriger, nicht immer so leicht zu beurteilen wie ein gelesenes Buch, aber dafür zahlen sie auch in realen Währungen wie z.B. Sympathie und Anerkennung.

Meine Empfehlung: Setze Dich weniger mit der Vergangenheit auseinander, sondern mehr mit Deiner Zukunft. Jetzt, wo Du noch Arbeitslosengeld erhältst, ist das Deine bezahlte Zeit, Dich auf Deine neue Zielgruppe umzustellen. Nutze diese Zeit.

Die wichtigste Frage lautet nach meiner Meinung nicht "was kann mir die Gesellschaft bieten?" sondern: Was kannst Du der Gesellschaft bieten? Vielleicht mußt Du erst noch Weiterbildung betreiben, damit Du "Dein Produkt" vertrauensvoll den Menschen anbieten kannst. Na gut, dann bilde Dich eben weiter. Nur sollten wir uns einig sein darin, dass Dein Produkt viel mehr ist als das Wissen und die Fähigkeiten einer Bibliothekarin. Du hast Dich bisher lediglich darauf versteift. Also werde flexibel.

LG, Nordrheiner
 
Liebe Bine,

ich habe mir vor einigen Tagen den Ratgeber "Der kleine Krisen-Killer" von Jens Förster gekauft und lese jeden Tag ein Kapitel. Ich konnte mir bereits einiges aus dem Buch ziehen. Kannst ja mal schauen, ob dieses Buch auch was für dich wäre.

Ich habe meine derzeitige Stelle noch nicht gekündigt. Auch wenn ich es eigentlich lieber gestern als heute machen würde. Das Unternehmen, das Aufgabengebiet und ich passen einfach nicht mehr zusammen. Die Kündigung erfolgt erst, wenn ein neuer Vertrag unterschrieben wurde.

Das tut mir leid, dass du derzeit keine Menschen in deinem Umfeld hast, mit denen du dich treffen und unterhalten kannst. Hast du irgendein Hobby? Vielleicht kannst du darüber Kontakte knüpfen.

Ich wünsche dir viel Kraft und alles Liebe für die nächste Zeit. Würde mich freuen, wenn du uns auf dem Laufenden halten könntest. Kann man sich evenuell persönliche Nachrichten zusenden? Wenn ja, können wir gerne darüber weiter in Kontakt bleiben.

Herzliche Grüße
eine Leidensgenossin
 

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