Es muss 1967 gewesen sein. In unserem Schülerkreis gab es eine Mitschülerin. Sie wirkte eigentlich immer fröhlich. Ihr Wunsch war es, Medizin zu studieren. Sie verhaute eine Bio-Klausur und hätte damit wahrscheinlich nicht den Numerus für Medizin geschafft.
Auf dem Nachhauseweg wirkte sie entspannt. Es gebe ja noch andere Möglichkeiten für sie, vernahmen wir sie. Am nächsten Morgen, wir waren alle Fahrschüler, fehlte sie am Bahnhof.
Als wir mittags in unseren Heimatort zurück kamen, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer durch die Gemeinde. Unsere Mitschülerin war morgens nicht am Frühstücktisch erschienen, ihr Vater wollte sie daraufhin wecken.
Aber ihr Bett war leer. Eine im Ort stationierte Bundeswehreinheit durchkämmte daraufhin die Waldgebiete und fand unsere Mitschülerin erhängt vor.
Die gesamte Oberstufe unseres Gymnasiums und das komplette Lehrerkollegium der Schule nahmen an der Beerdigung teil. Der schon betagte Pfarrer erhob unterschwellig Vorwürfe gegen unsere Mitschülerin wegen des Leids, das sie ihren Eltern und ihren Mitschülern angetan habe.
Da war es mit unserer Fassung vorbei. Durch die versammelte Schülerschaft ging ein kaum überhörbarer Protest. Einer unserer Mitschüler hatte vorab bereits darum gebeten, am Grab ein Gebet sprechen zu dürfen. Obwohl es so viele Jahre her ist, sehe ich ihn noch heute da stehen. In seinem Gebet reagierte er auf den Pfarrer und bat um Vergebung für alle, die unserer Mitschülerin etwas schuldig geblieben seien.
Das ist mir bis heute unvergesslich.
Ich habe für mich die Frage nach dem Suizid auch theologisch geklärt. Wenn man fast 50 Jahre depressiv ist und unter depressiven Phasen leidet, ist man immer mal wieder auch suizidal. So weit es mir möglich ist, hole ich mir in kritischen Momenten Hilfe.
Das ist mir bisher auch immer gelungen. Ich bin aber an einem Punkt für mich klar. Das Stichwort heißt für mich "Würde". Sollte ich in meinem Leben einen Punkt erreichen, an dem ich meine Würde in einem sehr umfassenden Sinne bedroht sehe, werde ich für mich diese Entscheidung treffen.
Da ich an einen Gott der Liebe und der Barmherzigkeit glaube, kann ich mir nicht vorstellen, dass er einen Menschen, der aus dem Erleben der Ausweglosigkeit seinem Leben ein Ende setzt, verurteilt oder gar verdammt. Ich bin davon überzeugt, dass Gott einen solchen Menschen liebend annimmt.
Gleichwohl hoffe ich aber, dass der Gott, an den ich glaube, mir - wenn es denn wieder mal eng wird - eine andere Möglichkeit zeigt.
Das war jetzt sehr persönlich, aber ich denke, das kann ich nur so sagen.
H.