Bei unserem Kennenlernen waren wir noch jung, ich hatte wenig Erfahrung mit Menschenkontakt. Außerdem haben mich meine Eltern beigebracht, dass ich nicht nur nehmen sollte, sondern auch für meine Mitmenschen etwas tun.
Meine Eltern hatten übrigens das gleiche Problem wie ich. Wenn ein Schulfest geplant war, war es fast immer meine Mutter, die den Kuchen gebacken hat. Sie hat sich als Erste freiwillig dafür gemeldet und ist davon ausgegangen, dass andere Mütter für die kommenden Feste backen würden. Als für die nächste Feier niemand gefunden wurde, wurde meine Mutter ganz höflich gebeten, ob sie noch ein zweites Mal backen könnte, weil die anderen Mütter alle so sehr im Stress waren und keine Zeit hatten. Weil sie uns Kindern nicht die Freude vermiesen sollte, hat sie es gemacht. Nachdem sie sich auch ein drittes Mal darauf eingelassen hatte, blieb diese Aufgabe komplett an ihr hängen.
Wenn mein Bruder oder ich mit unseren Schulfreunden ins Kino oder sonstwohin wollten, war es immer unser Vater, der uns mit dem Auto hinfuhr und wieder abholte. Natürlich hat er unseren Freunden mal gesagt, sie sollten ihre Eltern fragen, ob man sich mit der Fahrerei abwechseln wollte. Aber die haben sich geweigert und er hat es dann weiter gemacht.
Ich könnte mir niemals auf Kosten eines anderen Menschen ein bequemes Leben machen. Für mich ist das ganz natürlich, dass beide Seiten sich engagieren - egal ob in der Partnerschaft, in einer Freundschaft oder auf beruflicher Ebene.
Meine ehemalige Freundin gehört zur Sorte Mensch, die das mitnimmt, was ihr am Bequemsten erscheint. Als wir noch relativ viel Kontakt hatten, waren wir gemeinsam in der Ausbildung und arbeiteten später noch einige Jahre in der gleichen Stadt. Unsere Treffen machten wir aus, wenn wir uns während der Bahnfahrt begegneten. Sie musste mich nicht anrufen oder anschreiben, weil wir oft mit dem gleichen Zug fuhren.
Sie sucht in erster Linie Kontakt zu Menschen, die schnell erreichbar sind. Freunde in der Nachbarschaft und Arbeitskollegen aus der gleichen Abteilung haben bei ihr die besten Chancen. Unser Kontakt wurde weniger, nachdem sie jobtechnisch tagsüber in einer anderen Stadt war. Unsere Wohnorte lagen ca. 15 km auseinander. Das war für mich keine weite Entfernung, aber ihr wäre es nicht im Traum eingefallen, mich mal zu kontaktieren und einfach so ein Treffen vorzuschlagen. Wenige Jahre vor dem Ende unserer Freundschaft machte sie eine 2-jährige abendschulische Weiterbildung. Erst gegen Ende der Weiterbildung erfuhr ich, dass diese Abendschule in meinem damaligen Wohnort war. Als ich sie fragte, ob sie in dieser Zeit kein einziges Mal auf die Idee gekommen war, nach dem Unterricht mal kurz bei mir vorbeizuschauen, zog sie wieder ihr dümmliches Unschuldsgesicht und meinte mit tieftrauriger Stimme: "Aber ich hab' doch eine Fahrgemeinschaft mit zwei Mädels aus meiner Klasse und müsste alles umorganisieren, wenn ich dich mal besuchen wollte." Ja, das war ihr mal wieder "zu stressig". Ich war stinksauer.