Genauso meine ich es! Gemeinsam dahin zu schauen, wo eigentlich niemand gerne hinschaut, verbindet, und wenn das nicht geht, dann ist alles nur Geplänkel. Und es kann sehr anstrengend sein, sich wirklich mit dem Leben eines anderen Menschen auseinanderzusetzen. Wer diese Anstrengung scheut, kann einem auch kein Freund sein, höchstens ein Bekannter. Das ist eine arge persönliche Zurückweisung und leider Alltag.
Nähe entsteht nur, wenn man AUCH die belastenden Seiten des Lebens miteinander teilen kann. Und sowas ist selten! Solange man sich gegenseitig etwas vorspielt, bleibt man einsam. Niemand ist ein Loser, weil er auch Leid und Schmerz hat. Das ist ein fatal verkehrtes Bild in unserer Gesellschaft. Daran kranken wir alle. Das will niemand sehen.
Noch vor einem halben Jahr hätte ich ähnlich argumentiert bzw. dir zugestimmt.
Ich kann nur für mich sprechen:
Ich bin mir selbst auf die Schliche gekommen. Ich habe bei anderen MEINS gesehen und wollte mit ihnen zusammen das vermeintlich (!) beide Betreffende anschauen. Ich selbst fand es gar nicht so anstrengend, aber die anderen und die haben sich abgewandt. Ja, ich fühlte mich zurückgewiesen.
Jetzt weiß ich, dass ich zu einem großen Teil projiziert habe. ICH habe die Anstrengung gescheut, den anderen WIRKLICH zu erkennen.
Es ist völlig unerheblich, ob meine anfängliche Vorgehensweise die richtige war oder wahr. Wenn der andere das selbst noch gar nicht bei sich sieht, dann hat der in dem Moment auch keine Lust, da Energie einzusetzen und empfindet es seinerseits deshalb als anstrengend, weil er es eben so empfindet, dass es NUR um mich ging. Einmal bekam ich diesen Vorwurf sogar ganz direkt. Jetzt weiß ich, dass sein Empfinden berechtigt ist. Er hat das Recht darauf, sein Leben in dem Moment unbeschwert (und nach meinem Empfinden oberflächlich) zu genießen. Mein Thema mag zwar auch Seins sein, aber bei ihm ist es eben noch nicht präsent. Statt mich verletzt zurück zu ziehen, wäre es hilfreicher gewesen, ich hätte sein Empfinden (es geht immer nur um dich) als Hilferuf wahrgenommen, denn darin steckte seine empfundene Zurückweisung.
Einfach ausgedrückt: Zeige ich mit 1 Finger auf jemand anderen ("Die sind alle so oberflächlich!"), zeigen gleichzeitig 3 Finger auf mich selbst.
Die Denke "Wer das Aua nicht sehen will, kann auch kein Freund sein." ist Schwarz/Weiß. Im Grunde hat jeder Aua und jeder weiß das. So bleibt unterm Strich einfach nur der richtige Zeitpunkt.
Ich bleibe nur noch bei mir. Möchte ich mit jemandem über mein Aua sprechen, frage ich, ob derjenige dafür gerade ein offenes Ohr hat. Wenn er JA sagt, ist das schön für mich. Sagt er Nein, muss ich das respektieren und schneide mich ins eigene Fleisch, wenn ich ihn als oberflächlich abhake.