Vorbereiter sein oder plötzlicher tot?

dauni

Aktives Mitglied
An alle,

ich habe meine Mama ja ganz unvorbereitet verloren.. eine sehr gute Freundin wusste das ihre Mama sterben wird. Es ist immer schlimm, keine Frage.
Doch ich denke, wenn man sich vorbereiten kann, dann kann man noch viel sagen, tun und handeln... Oder? aber von jetzt auf gleich alles weg ist? Man hört nur, deine mama ist tot???

Oder denke ich einfach nur anderst weil ich keine gelegenheit mehr hatte? kann man besser damit leben wenn man vorbereitet ist? eigentlich war ich es ja auch, weil ich es ja wusste... aber nicht wahr haben wollte...

Andere können abschied nehmen, ich nicht. Ich konnte es nie.... Es ist mir immer noch unbegreiflich.

der tot ist so unbegreiflich für mich. Ich komme damit nicht klar. Geht es jemanden wie mir?
 

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Nikolaus Myra

Aktives Mitglied
Geht es jemanden wie mir?
Meine Leute sind alle ohne Abschied gegangen. Nur das eine mal mit 14 als der Vater eines Klassenkameraden starb, wusste ich, dass er gehen wird, weil er an MS erkrankt war und ich seinen Krankenweg miterleben konnte. Bei Opa konnte ich mit 15 zwar noch vom Pastor erbetteln, dass er mich zum aufgebahrten Sarg in die Kapelle lässt, doch das war auch schon alles. Schlimmer empfand ich jedoch, dass ich junge Leute kennen und vor allem mögen lerne und sie dann plötzlich verschwinden. Und ich stehe dann da mit meinen Gefühlen und wünschte, ich hätte sie nicht gehabt.
 

Nikolaus Myra

Aktives Mitglied
Wie verschwinden???
Die eine junge Frau war mit mir in der Klasse als ich zur Abendschule ging, am Donnerstag noch der gewöhnliche Wochenendgruß und am Montag kann der Lehrer nur noch mitteilen, dass sie gegen einen Baum fuhr. Sie war erst 31.

Der Junge ähnlich. 6 Jahre später. Am Mittwoch noch zusammen im Unterricht. Und am Dienstag vom schrecklichen Tod erfahren, der das Blut zum Kochen bringt. Einfach weg. Er war 19.
 
T

tuny

Gast
Ich schreibe mal ein paar grundsätzliche Gedanken auf, die mir beim Lesen in den Sinn kommen:

Ich persönlich vertrete die Meinung, dass man sich grundsätzlich mit all den Fragen rund um das Thema Tod auseinandersetzen sollte! Denn man kann jederzeit ganz unmittelbar mit dem Thema konfrontiert werden: Im manchen Fällen kündigt sich der Tod in einem langsamen Sterbeprozess an, in anderen Fällen kommt er plötzlich und unerwartet.

Im Rahmen unserer Kultur tun wir in der Regel alles dafür, das Thema so weit wie möchlich von uns wegzuschieben. Wir verdrängen, wir tabuisieren. Üblicherweise getragen von der Aussage, dass eine Beschäftigung mit dem Thema doch sowieso nicht bringen und man sich dann doch nur unnötig mit schwarzen Gedanken belasten würde. Lieber nicht hinsehen, lieber nicht drüber nachdenken. Der Nachteil ist dann, dass die unvermeidliche Konfrontation mit dem Thema uns irgendwann total umhaut. Auch in der Gesellschaft und unter Freunden wird der Rückhalt und der einfühlsame und offene Umgang unter diesen Umständen nur begrenzt zu erwarten sein. So fühlt man sich ertrinkend in seiner eigenen Ratlosigkeit, man wird mit hunderten existentieller Fragen konfrontiert und kann nichtmal mit jemandem wirklich darüber reden.

Ich glaube zu verstehen, dass diese Behandlung des Themas Tod in unserer Kultur einen geistesgeschichtlichen Ursprung hat, der zum einen auf die philosophische Position des Materialismus und zum anderen auf die religiöse Position einer materialistisch bzw. griechisch interpretierten Gnosis zurückzuführen ist. Daraus ergeben sich zwei wesentliche Grundideen, die für unseren heutigen Umgang mit Leben und Tod charakteristisch sind:

1. Phänomene wie Leben, Seele und Bewusstsein sind zufällige Begleiterscheinungen materieller Selbstorganisationsprozesse und werden nach dem Tod unwiederbringlich verlöschen.
2. Der Mensch kann sich selbst erlösen, indem er die Natur und ihre Prozesse einschließlich des Lebensprozesses begreift und (medizinisch) zu kontrollieren lernt. Der Tod ist prinzipiell besiegbar.

Vor diesem Hintergrund muss der Tod als Versagen der eigenen Kräfte und der Medizin erscheinen: Er ist kein natürlicher Teil des Lebens, sondern ein Unfall. Etwas, das es eigentlich nicht geben dürfte und dass schon längst überwunden sein müsste. Jede Beschäftigung mit dem Thema Tod kann dann nur das Ziel verfolgen, ihn so lange wie möglich hinauszuzögern oder sogar ganz zu verhindern. Und wenn es nicht gelingt, dann gibt es keinen Trost und keine Perspektive. Man muss sich im Gegenteil sogar noch schuldig fühlen, dass man es nicht verhindern konnte.

Natürlich gibt es Seitens der monotheistischen Religionen einige metaphysische Konzepte, in denen die Seelensubstanz einer verstorbenen Person in den Himmel aufsteigt und dort bei Gott wohnt oder ähnliches. Aber diese metaphysischen Konzepte werden durch die moderne Naturwissenschaft immer mehr in Frage gestellt und erscheinen heute den meisten Menschen als trostspendende Quelle zutiefst unglaubwürdig.

Was uns in unserem Kulturkreis also fehlt, sind tröstende und tragende Konzepte, die es uns wieder erlauben, den Tod als natürlichen und unvermeidlichen Bestandteil des Lebens in unsere Gesellschaft zu integrieren und allen leidenden Menschen dadurch ein Sprachrohr zu geben, mit welchem sie sich wieder Artikulieren können. Gleichzeitig sollte diese Form der Akzeptanz und des Trostes mit der Sichtweise moderner Wissenschaften vereinbar sein.

Andere Kulturen haben (hatten) hier vollkommen andere Ansätze. Die östlichen Religionen wie zum Beispiel der Buddhismus betrachten die Welt aus einer genau entgegengesetzen Perspektive: Die materielle Wirklichkeit ist in dieser Vorstellungswelt eine Manifestation geistiger Prozesse und der Tod ein Übergangsphänomen von einer Existenz in die Nächste. Es geht darum, den Geist so zu Schulen, dass dieser Übergangsprozess das Bewusstsein in eine höhere Existenzform heben kann. Da das Gedächtnis an materielle Prozesse (das Gehirn) gekoppelt ist, kommt die Widergeburt einem Reset gleich, mit dem man seine im Leben erreichte geistige Entwicklungsstufe ohne die Hemmnisse der Vergangenheit als neuen Ausgangspunkt in der neuen Existenz verwenden kann. Wie oft schon wollte man gerne neu anfangen, wurde aber durch die eigenen Entscheidungen der Vergangenheit daran gehindert, weil das Haus, die Kinder, der Job oder was auch immer einen festbinden?

Mir geht es nicht darum, die Inhalte dieses Glaubenssystems im Hinblick auf ihren "Wahrheitsgehalt" zu diskutieren. Man kann über den Buddhismus denken was man will und sicherlich sind seine Inhalte uns sozialen Nebenwirkungen kritisch diskutierbar. Es geht mir nur darum zu zeigen, dass in dieser Betrachtungsweise der Tod als ein absolut natürlicher Zustand erscheint, der ein riesiges Potential in sich birgt. In einem solchen Kulturkreis ist die Thematisierung des Todes und die gemeinsame Vorbereitung auf den Prozess des Sterbens ein fester Bestandteil. Diesen Punkt müssten wir in unsere Kultur übernehmen und bei uns auch so etwas etablieren, auf welchen religiösen oder philosophischen Vorstellungen diese Etablierung auch immer fußen mag.
 

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