...und ich frage mich manchmal, ob ich vielleicht immernoch nicht verstanden habe, was das bedeutet. Und ob ich diesen Verlust verdrängt habe. Denn im Grunde habe ich das Gefühl, nicht (genug) um meine Mutter getrauert zu haben.
Manchmal fühle ich mich schuldig, weil ich so wenig getrauert habe. Schließlich ist meine Mutter gestorben. In der ersten Zeit nach ihrem Tod war ich nicht wirklich traurig. Es gab auch nicht die berühmte Phase des "Nicht-Wahrhaben-Wollens". Später kam Traurigkeit, ein wenig. Und es ging mir auch lange schlecht. Aber ich hatte das Gefühl, dass daran ganz andere Dinge Schuld waren - nicht meine Mutter. Aber kann es sein, dass es in Wirklichkeit doch Trauer war, die vielleicht nur ein anderes Ventil gesucht hat?
Ich bin inzwischen 22 Jahre alt, als meine Mutter gestorben ist, war ich also 20. Ich war damals gerade von zu Hause - einem kleinen Dorf in Hessen - ausgezogen, ein paar hundert Kilometer weg, nach Leipzig. Im Wintersemester 2008 habe ich angefangen, hier zu studieren, Mitte November starb meine Mutter. Sie hatte Krebs.
Das Verhältnis, das ich zu meiner Mutter hatte, kann ich sehr schwer in Worte fassen. Sie war keine schlechte Mutter. Aber war sie eine gute? Ich glaube, zumindest nach Außen hat sie so gewirkt. Sie hat sich um ihre Kinder gekümmert, war eine "gute Hausfrau", zum Geburtstag gab es das Lieblingsessen, sie hat tolle Geschenke ausgesucht und kannte sogar den Klamottengeschmack ihrer Kinder...trotzdem hatte ich, zumindest ab dem Einsetzen der Pubertät, das Gefühl, dass irgendwas zwischen uns nicht stimmt. Als wäre eine unsichtbare Mauer zwischen uns. Als ob ich nie richtig an sie herankommen könnte oder sie an mich. Als wäre alles irgendwie kalt zwischen uns.
Ich konnte mit ihr nicht über meine Probleme reden. Und als sie krank wurde - kurz vor meinem 15. Geburtstag - konnte sie mit mir nicht wirklich über ihre Krankheit reden. Bis heute weiß ich sehr wenig darüber, was mich belastet, und weswegen ich mich auch manchmal schuldig fühle, weil ich mir vorwerfe, nicht mehr darüber zu wissen - mir denke, dass ich sie mehr danach hätte fragen müssen.
Nachdem sie eine OP hinter sich gebracht hatte und mehrere Chemos, sah es für sie erstmal recht gut aus...aber nach ein/zwei Jahren kam der Krebs zurück, kurz bevor ich zum studieren nach Leipzig ging, verschlimmerte sich ihr Zustand. In den letzten Wochen vor ihrem Tod war sie auf einer Palliativstation. Mein Vater, meine Geschwister und ich haben sie dort regelmäßig besucht, trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass ich mich wirklich verabschieden konnte. Als sie noch mit mir hätte reden können, habe ich keine Worte gefunden, ihr die Dinge zu sagen, die ich sagen wollte. Oder anders: Ich wusste eigentlich gar nicht so genau, was ich ihr gesagt hätte. Mir war klar, dass ich meine Mutter verlor. Aber ich habe nicht verstanden, und verstehe es immernoch nicht, was das bedeutet. Weil ich im Grunde nicht weiß, was für ein Mensch sie war, und mir über die Beziehung zu ihr nicht im Klaren bin.
In einer Trauerbroschüre bin ich über eine Frage gestolpert, die man sich als Trauernde stellen sollte: "Wen oder was habe ich wirklich verloren?" Das war für mich ein Aha-Erlebnis, da es mir so vorkommt, als läge genau dort mein Problem. Ich weiß auf diese Frage keine Antwort. Ich weiß nicht, in welcher Beziehung meine Mutter für mich wichtig war. Manchmal denke ich, dass ich deswegen nicht getrauert habe, weil sie einfach keine so große Rolle in meinem Leben gespielt hat. Aber stimmt das? Es stimmt, dass ich mit ihr nicht über Probleme geredet habe, sie war ganz sicher keine enge Vertraute. Andererseits war sie mein ganzes Leben lang da. Ich habe immer mit ihr zusammen gelebt. Und ich halte sie für einen besonderen, tollen Menschen, auch wenn sie vielleicht keine tolle Mutter war. Sie hatte ganz sicher irgendeine Bedeutung für mich - aber welche?
In den Momenten, in denen ich denke, dass ich wenig um sie getrauert habe, weil sie nicht so wichtig war, habe ich ein schlechtes Gewissen. Weil ich denke, dass man über den Tod seiner Mutter doch traurig sein muss, und wenn ich das nicht bin, bin ich ein schlechter Mensch...bzw. bin ich ein schlechter Mensch, weil mir meine Mutter nicht wichtig war, und wie kann jemand sagen, die eigene Mutter sei nicht wichtig? Das ist doch schrecklich.
Aber die Momente, in denen ich denke, dass ich wenig getrauert habe, obwohl sie sehr wichtig war, sind auch beunruhigend...weil das bedeutet, dass ich das Ganze noch immer nicht (nach zwei Jahren!) wirklich verarbeitet habe. Und ich nicht weiß, wie ich es schaffen soll. Und ich auch nicht weiß, welche der Probleme, die ich gerade in meinem Leben habe und die ich in den letzten zwei Jahren hatte, mit ihr zusammenhängen oder hingen, ohne dass es mir wirklich bewusst war oder ist.
Ich hoffe, dass hier irgendjemand versteht, was ich fühle, denn ich habe nach wie vor Schuldgefühle deswegen. Und es fällt mir recht schwer, diese Dinge zu artikulieren, selbst mit meinen engsten Freunden, meinem Vater oder meinen Geschwistern kann ich nur sehr schwer darüber reden.
Würde mich freuen, wenn jemand was dazu schreibt...wenn nicht, dann hat es trotzdem gut getan, es loszuwerden.
Manchmal fühle ich mich schuldig, weil ich so wenig getrauert habe. Schließlich ist meine Mutter gestorben. In der ersten Zeit nach ihrem Tod war ich nicht wirklich traurig. Es gab auch nicht die berühmte Phase des "Nicht-Wahrhaben-Wollens". Später kam Traurigkeit, ein wenig. Und es ging mir auch lange schlecht. Aber ich hatte das Gefühl, dass daran ganz andere Dinge Schuld waren - nicht meine Mutter. Aber kann es sein, dass es in Wirklichkeit doch Trauer war, die vielleicht nur ein anderes Ventil gesucht hat?
Ich bin inzwischen 22 Jahre alt, als meine Mutter gestorben ist, war ich also 20. Ich war damals gerade von zu Hause - einem kleinen Dorf in Hessen - ausgezogen, ein paar hundert Kilometer weg, nach Leipzig. Im Wintersemester 2008 habe ich angefangen, hier zu studieren, Mitte November starb meine Mutter. Sie hatte Krebs.
Das Verhältnis, das ich zu meiner Mutter hatte, kann ich sehr schwer in Worte fassen. Sie war keine schlechte Mutter. Aber war sie eine gute? Ich glaube, zumindest nach Außen hat sie so gewirkt. Sie hat sich um ihre Kinder gekümmert, war eine "gute Hausfrau", zum Geburtstag gab es das Lieblingsessen, sie hat tolle Geschenke ausgesucht und kannte sogar den Klamottengeschmack ihrer Kinder...trotzdem hatte ich, zumindest ab dem Einsetzen der Pubertät, das Gefühl, dass irgendwas zwischen uns nicht stimmt. Als wäre eine unsichtbare Mauer zwischen uns. Als ob ich nie richtig an sie herankommen könnte oder sie an mich. Als wäre alles irgendwie kalt zwischen uns.
Ich konnte mit ihr nicht über meine Probleme reden. Und als sie krank wurde - kurz vor meinem 15. Geburtstag - konnte sie mit mir nicht wirklich über ihre Krankheit reden. Bis heute weiß ich sehr wenig darüber, was mich belastet, und weswegen ich mich auch manchmal schuldig fühle, weil ich mir vorwerfe, nicht mehr darüber zu wissen - mir denke, dass ich sie mehr danach hätte fragen müssen.
Nachdem sie eine OP hinter sich gebracht hatte und mehrere Chemos, sah es für sie erstmal recht gut aus...aber nach ein/zwei Jahren kam der Krebs zurück, kurz bevor ich zum studieren nach Leipzig ging, verschlimmerte sich ihr Zustand. In den letzten Wochen vor ihrem Tod war sie auf einer Palliativstation. Mein Vater, meine Geschwister und ich haben sie dort regelmäßig besucht, trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass ich mich wirklich verabschieden konnte. Als sie noch mit mir hätte reden können, habe ich keine Worte gefunden, ihr die Dinge zu sagen, die ich sagen wollte. Oder anders: Ich wusste eigentlich gar nicht so genau, was ich ihr gesagt hätte. Mir war klar, dass ich meine Mutter verlor. Aber ich habe nicht verstanden, und verstehe es immernoch nicht, was das bedeutet. Weil ich im Grunde nicht weiß, was für ein Mensch sie war, und mir über die Beziehung zu ihr nicht im Klaren bin.
In einer Trauerbroschüre bin ich über eine Frage gestolpert, die man sich als Trauernde stellen sollte: "Wen oder was habe ich wirklich verloren?" Das war für mich ein Aha-Erlebnis, da es mir so vorkommt, als läge genau dort mein Problem. Ich weiß auf diese Frage keine Antwort. Ich weiß nicht, in welcher Beziehung meine Mutter für mich wichtig war. Manchmal denke ich, dass ich deswegen nicht getrauert habe, weil sie einfach keine so große Rolle in meinem Leben gespielt hat. Aber stimmt das? Es stimmt, dass ich mit ihr nicht über Probleme geredet habe, sie war ganz sicher keine enge Vertraute. Andererseits war sie mein ganzes Leben lang da. Ich habe immer mit ihr zusammen gelebt. Und ich halte sie für einen besonderen, tollen Menschen, auch wenn sie vielleicht keine tolle Mutter war. Sie hatte ganz sicher irgendeine Bedeutung für mich - aber welche?
In den Momenten, in denen ich denke, dass ich wenig um sie getrauert habe, weil sie nicht so wichtig war, habe ich ein schlechtes Gewissen. Weil ich denke, dass man über den Tod seiner Mutter doch traurig sein muss, und wenn ich das nicht bin, bin ich ein schlechter Mensch...bzw. bin ich ein schlechter Mensch, weil mir meine Mutter nicht wichtig war, und wie kann jemand sagen, die eigene Mutter sei nicht wichtig? Das ist doch schrecklich.
Aber die Momente, in denen ich denke, dass ich wenig getrauert habe, obwohl sie sehr wichtig war, sind auch beunruhigend...weil das bedeutet, dass ich das Ganze noch immer nicht (nach zwei Jahren!) wirklich verarbeitet habe. Und ich nicht weiß, wie ich es schaffen soll. Und ich auch nicht weiß, welche der Probleme, die ich gerade in meinem Leben habe und die ich in den letzten zwei Jahren hatte, mit ihr zusammenhängen oder hingen, ohne dass es mir wirklich bewusst war oder ist.
Ich hoffe, dass hier irgendjemand versteht, was ich fühle, denn ich habe nach wie vor Schuldgefühle deswegen. Und es fällt mir recht schwer, diese Dinge zu artikulieren, selbst mit meinen engsten Freunden, meinem Vater oder meinen Geschwistern kann ich nur sehr schwer darüber reden.
Würde mich freuen, wenn jemand was dazu schreibt...wenn nicht, dann hat es trotzdem gut getan, es loszuwerden.