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Verwirrtheit

G

Gast

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Meine Mutter hat ihre Schwangerschaft verborgen, meinen Bruder heimlich zur Welt gebracht und danach drei Jahre lang eingesperrt und versteckt. Ich wusste davon, wurde aber bedroht und hatte schon immer Angst von meiner Mutter, weswegen ich drei Jahre lang geschwiegen habe, während meine Mutter meinen Bruder im Haus versteckt hatte. Ich hatte Jahre lang Angst, meine Mutter könnte mich oder das Kind umbringen, wenn ich schlafe, weil ich von ihrem Versteckspiel wusste.

Das Jugendamt hat ihn irgendwann entdeckt. Er konnte mit drei nicht spechen, hatte in diesem Alter noch nie Gras gesehen, hatte Angst vor Sand, Asphalt oder Vögeln. Und sprechen durfte ich weiterhin nicht viel.
Meine Mutter hat mich in dieser Zeit und danach extrem kontrolliert. Ich durfte nicht telefonieren, e-Mails schreiben, Freunde besuchen, oder dergleichen, war meistens allein mit Büchern in meinem Zimmer, von welchem sie den Türgriff entfernt hatte, sodass ich die Tür nicht schließen konnte, ohne mich einzusperren.
Aus mir unfindlichen Gründen wurde ich mit meinem Bruder bei meiner Mutter gelassen und man beauftragte Jahre lang eine Familienhilfe, die mehrmals die Woche kam und mit mir meinem Bruder und meiner Mutter individuel gearbeitet hat so gut sie es konnte mit ihren Möglichkeiten.

Ein paar Jahre später mit 18 bin ich weggelaufen/wurde zeitgleich herausgeworfen, weil mir alles zu viel wurde, bin bei meinem Vater untergekommen, wo ich aber von dessen Freundin systematisch aus dem Haus vertrieben wurde, sodass ich zeitweilig bei Freunden gelebt habe. Drei Moate später hatte ich dann endlich eine Wohnung.

Ab diesem Zeitpunkt, wo ich in Sicherheit vor meiner Mutter und in einer Wohnung untergkommen war, konnte ich ein halbes Jahr nicht sprechen, in welchem ich wegen des Mutismus schikaniert und ausgeschlossen wurde.

Seit damals denke ich fast wöchentlich darüber nach, Schluss mit diesem Leben zu machen, aber es sind jeher Gedanken geblieben.

Was damals passiert ist, ist inzwischen ein relativ alter Hut. Dennoch kann ich nicht weitergehen. Ich bin verwirrt. Ich zweifle zunehmend an der Wahrheit meiner Erinnerungen.

Manchmal gibt es Momente, in denen ich mich daran zu erinnern glaube, dass meine Mutter vor meinem Bruder ein zweites Kind schonmal versteckt hatte. Und ich finde in meinem Gedächtnis immer wieder Hinweise, Beweise. Aber keine klare Erinnerung. Denn zu dieser Zeit war ich unter 10 Jahre alt und ich erinnere mich an kaum etwas aus dieser Zeit.

Das Problem, das mich verfolgt, ist, dass es gut sein könnte, dass meine Mutter sich des ersten Kindes entledigt hat oder irgendwas mit diesem passiert ist. Und ich habe den Zwang dies zu verifizieren oder falsifizieren, je nach Wahrheitswert. Doch bei Versuchen, es durch logisches Denken zu schaffen, macht es alles nur schlimmer. Ich weiß inzwischen immer weniger, was wirklich passiert ist, wann es passiert ist und welche Bedeutung es hat. Es ist so, wie als würde mein Gedächtnis zerfallen, je stärker ich versuche wirkliche Erinnerungen zu extrahieren. Ich bin was meine gesamte Vergangenheit, vergangene Beziehungen und dergleichen angeht inzwischen vollkommen verwirrt.

Ich besitze zwei Rennmäuse. Inzwischen passiert es mir ständig, dass mir das Wort "Mausi" herausrutscht. Je schlechter es mir geht, je verzweifelter ich bin, umso öfter sage ich es. Manchmal sitze ich einfach nur da, und seufze "Mausi". Wenn ich nicht weiß, wie ich mich ausdrücken soll, sage ich "Mausi", wenn ich verzweifelt bin kreische ich "Mausi". Es ist schrecklich. Ich glaube, das liegt ein bisschen an meinem vergangenem Mutismus, daran, dass ich meist nur meine Mäuse habe (wohne ja allein) und immer verwirrter werde.

Es ist auch so, dass ich bestimmte Orte geradezu wahnhaft immer wieder aufsuche und dort Stunden einfach nur stehe oder sitze. Ich saß schon im Winter bei Gewitter nachts vor dem Schulgebäude, bis ich klitschnass war und verfroren, bis ich in den Krankenwagen gestopft wurde. Auch saß ich oft im Wald auf einem Baumstamm an einem Bach oder stundenlang auf einem Tisch im Schulgebäude auf dem Gang der Verwaltung, bis ich abends herausgeworfen wurde. Ich war von Sekretären, Lehrern und sonstigem Personal entweder gehasst oder die Leute haben verzweifelt versucht mich wo anders hinzubekommen, wo es schöner ist - ohne Erfolg bis ich mein Abi hatte.

Inzwischen studiere ich. Aber zur neuen Uni und den neuen Umständen habe ich gar keine Verbindung mehr. Deshalb bleibe ich seit Wochen einfach zuhause im Bett. Ich stehe nur ab und zu auf, um aufs Klo zu gehen, zu essen, zu duschen oder einzukaufen. Manchmal geh ich dann doch in die Uni, um meine Übungen für die Benotung zu erledigen oder abzugeben oder etwas aufzuholen zumindest.

In dieser Zeit, in der ich tagelang einfach nichts wirklich tun kann, in denen das aufstehen zu anstrengend ist, lese ich meistens Buch nach Buch wie bessesen, höre Musik oder mache einfach gar nichts mehr und stare die Decke an. Und alle paar Tage nehme ich mir vor, endlich nachzuforschen, ob da ein Kind war. Dann stelle ich Überlegungen an, werde halb wahnsinnig und am Ende tu ich doch nichts, weil mir die Ideen ausgegangen sind. Es denken alle, ich sei verrückt (was nicht abwegig ist) und so nicken Psychologin, Jugendamt, Lehrer und Freunde seit jeher über meine Vermutung, aber niemand hilft oder glaubt mir. Dabei fällt es mir so schwer darüber zu sprechen und dann, wenn ich es schaffe, distanzieren sich alle sofort von dem Thema. Es wird nicht mehr erwähnt, sei es von Seiten Jugendamt, Psychologen, Sozialarbeitern. Und so erwähne ich es nicht mehr.

Meine Mutter direkt angreifen kann ich nicht. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein Wort zu ihr gesagt habe oder mich ihr freiwillig nähern konnte. Und sie konnte sich schon immer gut aus allem möglichen herausreden oder mich noch ein bisschen mehr verletzen. Und ich glaube ich könnte nicht noch auch nur etwas ertragen, was sie mir tut. Ich fühle mich zu labil dazu, meiner Mutter gegenüberzutreten...

In einer Psychiatrie war ich bereits, als mich die Schule dorthin als akuten Notfall geschickt hatte. Dort wurde mir aber nicht geholfen, grundlegend war die Psychologin hauptsächlich dauernd krank, die Betreuer hatten kaum Zeit, nebenan war nur durch eine Glastür abgetrennt die Geschlossene und man hat nachts Kinder schreien gehört. Ich war, als ich daraus entlassen wurde nur noch schlimmer dran als zuvor. Das passiert, wenn man das Badezimmer betritt und an der Wand ist Blut, weil die Betreuer die Rasierklingen nicht alle entdeckt wurden.

Ich wurde schon oft fast wieder eingewiesen, aber da bekomme ich so viel Angst wegen der letzten Erfahrungen, die ich dort in der Psychiatrie gemacht habe, dass ich es immer irgendwie schaffe, wieder einigermaßen zu funktionieren und mich herauszureden.
Deswegen lasse ich so wenig Verzweiflung und Verwirrung raus, wie es nur geht. Und bleibe im Zweifelsfall einfach zuhause.

Nur habe ich das Gefühl, dass es jetzt, wo ich studiere, immer schlimmer wird, weil jegliche restlichen positive Verbindungen sei es zu Personen oder Orten abgerissen sind oder einfach schlicht und ergreifend nie da waren...

Ich habe keine Ahnung, wie ich so das erste Semester schaffen soll. Oder was passiert, wenn ich es nicht schaffe. Oder was passiert, selbst wenn ich es schaffe. Wieso ich das überhaupt mache. Wozu ich überhaupt etwas tue. Aus allen möglichen Gründen bin ich täglich am Abend am Gipfel einer tagtäglichen Krise angekommen und frage mich jeden Abend, was ich tun soll, was wahr ist, was werden wird, was gewesen ist... und mir bleibt oft nichts, als wortwörtlich die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und mich zusammenzurollen.

Zu schlafen ist unmöglich, bis ich zu erschöpft bin, bis ich aus diesem Grund einschlafe. Einen Schlafrythmus habe ich inzwischen gar nicht mehr. Manchmal schlafe ich nachts nicht, weil ich es nicht kann, gehe dann in die Uni, komme heim und schlafe sofort, um dann mitten in der Nacht aufzuwachen. Oder mal schlafe ich um 6 Uhr morgens ein und wache am Abend wieder auf.

Inzwischen bekomme ich keine Therapie der Krankenkasse mehr gezahlt, die Therapie ist abgeschlossen - nach etlichen Jahren - KK hat wohl keine Lust noch mehr Geld für erfolglose Therapien auszugeben. Meine paar Freunde studieren alle sonstwo, aber nicht hier. In die Schule kann ich nicht einfach mehr so latschen. Verwandte habe ich außer meiner Mutter, meinem Bruder (der noch Grundschüler ist) und der Vaterseite nicht, nur mit beiden habe ich nichts zu tun.

Wieso ich das alles aufschreibe, weiß ich nicht... aber wenn ich es echten Leuten aus meinem Leben zu erzählen versuche scheitere ich meist kläglich,... Es ist so, wie als könnte ich mental nicht mehr sprechen, auch wenn ich theoretisch jeden möglichen sinnlosen Mist von mir geben kann... Wenn ich es aufschreiben will, um es einem Freund als Brief oder Mail zu schicken, kann ich nicht auch nur einen Satz formulieren.

Es ist so, wie als würde mein Ich langsam verwischen und verschwimmen, wie als würde es bröckeln und sich auflösen und in einen Strudel der Verwirrung gesogen werden...
 

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marut

Aktives Mitglied
bei dieser geschichte wundert mich deine verwirrtheit nicht.
und austherapiert bist du auch noch lange nicht.
allerdings weiss ich aus eigener erfahrung, wie sich krankenkassen und behörden usw. quer stellen können.
auch deine angst vor deiner mutter halte ich für begründet.
aber wie nun weiter? grübeln hilft nie und macht einen nur noch kränker. und - das kriterium für die wahrheit ist immer die realität. du wirst nicht allein in deinen erinnerungen finden. um an fakten zu kommen, gibt es mehrere möglichkeiten:
1. nachfrage beim jugendamt, ob die etwas von einem weiteren bruder wissen, der vllt aus der familie verbracht wurde.
2. wenn nicht, strafanzeige bei der polizei
3. eigene nachforschungen mit guten freunden.
wenn du ganz real etwas tust, um dir in diesem punkt klarheit zu verschaffen, dann wirst sehen, dass du auch wieder mehr energie für dein studium hast.
viel kraft marut
 

Adria78

Aktives Mitglied
Darf ich mal fragen, ob Du unter Schizophrenie leidest? Für mich hört sich das so ein bisschen danach an. Nicht mehr wissen, was wirkliche Erinnerungen sind und was nicht. Verwirrtheit. Kinderschreien in der Psychiatrie hören usw. Ich bin mir nicht sicher, aber wie ist Deine Diagnose?

Ich habe einen Verwandten der so ähnlich klingt wie Du. Er behauptet einen Zwillingsbruder zu haben, den seine Mutter ermordet hat. Das stimmt aber nicht. Es sind Wahnvorstellungen. Das meine ich nicht böse, es ist eine sehr schwere Krankheit.

ich unterstelle Dir auf gar keinen Fall, das Du lügst! Gar nicht! Mein Verwandter lügt auch nicht! Für ihn ist das die Wahrheit! Die Realität! Ich frage mich nur, ob Du vielleicht schwer krank bist?

Wenn nicht, dann entschuldige bitte diese Antwort!
 
G

Gast

Gast
Meine Diagnose ist folgende:

Sichere Diagnosen:
- Posttraumatische Belastungsstörung
- Dissoziative Störung

Verdacht auf:
- Dissoziative Amnesie
- nicht näher bezeichnete Dissoziative Störung

Vergangene Diagnosen:
- Selektiver Mutismus (austherapiert)

Die Kinder haben in der Geschlossenen tatsächlich geschrien. Also es war ein Kind. Das hat geschrien, solang es nicht geschlafen hat.

Ich habe keine Überzeugung, dass es ein zweites Kind gab. Es gab nur schon immer Erinnerungen daran, dass das mit dem Bruder zur Grundschulzeit (genau genommen Klasse 3) war. Aber er wurde in der fünften Klasse geboren. Deswegen gibt es für mich zwei Möglichkeiten: ich habe falsch verknüpfte Erinnerungen, oder es gab zwei Kinder. Zudem erinnere ich mich an vieles nicht mehr. Gar nicht. Oder nur schleierhaft. Weswegen ich eben immer unsicherer darüber bin, was wirklich so passiert ist, wie ich es erinnere, oder ob ich da womöglich etwas wichtiges verdrängt habe oder falsch folgere.

Ich habe den Zwang genau zu wissen, was vorgefallen ist, um endlich zur Ruhe finden zu können. Solange ich das nicht tue, kann ich nicht anders, als mein Gedächtnis zu zerpflücken.
 

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