Hallo
Ich habe in meinem Leben eine Prostituierte näher kennen gelernt, mich sogar in sie verliebt. Ich habe ihren Job nie richtig mit ihr in Verbindung bringen können. Es schien in meinen Augen einfach nicht zu ihr zu passen.
Ich habe damals lange Zeit gebraucht, um überhaupt Worte dafür zu finden, was mich an ihrer Arbeit störte. Es war für mich würdelos.
Würdelos beschreibt, wie man von anderen Menschen der Gesellschaft angesehen wird. Diese Arbeit wird in unserer Gesellschaft tatsächlich als würdelos angesehen. Dadurch kommen auch die relativ hohen Preise zustande. Wo bezahlt man schon 100 Euro für eine einstündige Leistung, für die es keine besondere Ausbildung oder Fähigkeit benötigt? Mit dem Preis wird abgegolten, dass etwas verkauft wird, was in unserer Gesellschaft als wertvoll, oft sogar als unverkäuflich angesehen wird.
Diese Frau war tatsächlich in ihrer Kindheit mißbraucht worden. Viel weiß ich darüber nicht, da es erst gegen Ende unseres Kontaktes in ihrer Erinnerung auftauchte. Ich glaube auch nicht, dass es bei ihr ausschlaggebend für ihren Job war. Da haben noch viele andere Faktoren hineingespielt.
Zerstritten haben wir uns aber letztlich nicht wegen ihrer Arbeit, auch wenn ich nicht damit zurecht gekommen bin. Sie hat sich solange in dem Milieu aufgehalten, dass sie die meisten Werte übernommen hatte. Männer sind die Beschützer. Männer kaufen, Frauen lassen sich kaufen. Luxusgegenstände wie Autos oder Schmuck besitzen einen großen Wert. Der Einkauf bei Aldi wird als würdelos empfunden. Frauen lassen sich aushalten. Platzhirsche haben ein hohes Ansehen. Benutzen und benutzt werden gehören zum Alltag. Lauter so ein Krams. Und das Ganze wird mit Sprüchen begründet, die in der "normalen Welt" für absurd gehalten werden. Das Milieu ist eine Welt für sich mit eigenen Gesetzen und eigenen Werten.
Ich glaube, sie arbeitet heute nicht mehr als Prostuierte. Aber durch den langen Aufenthalt im Milieu hat sie es nie wirklich abgelegt. Sie kennt die Preise teurer Autos, ist fasziniert von Platzhirschen und ihre Lieblingsbeschäftigung ist weiterhin, sich einladen, oder aushalten zu lassen.
Ich verurteile Prostituierte nicht grundsätzlich. Aber ich glaube, dass man sich mit dieser Arbeit ziemlich ins Gesellschaftliche Abseits stellt.
Günter