Ich find das gut, hier mal etwas über die Hintergründe (bzw. die Geschichte) des Forum zu lesen, aber in wie fern hat sich das Publikum im Internet stark verändert?
Jeder Hans-Franz ist halt inzwischen rund um die Uhr mindestens über das Smartphone regelmässig im Internet, dazu kommen noch viele andere internetfähige Geräte, anders als noch Anfang der 2000er, und das Internet hat praktisch alle Lebensbereiche durchdrungen. Zu vielen Lebensbereichen hast du doch heutzutage nur noch erschwert Zugang, wenn du nicht online bist.
Anfang 2000 hatten viele nur einen einzigen Familien-Computer im Haushalt und man war weniger "nebenbei" online, mehr sehr bewusst, wenn überhaupt. Menschen, die viel online waren, waren noch eher eine Randerscheinung. Für viele war das nur ein Hobby unter vielen, nicht so ein dauerhafter Status Quo. Da war man abends nach der Arbeit oder nach der Schule am Nachmittag mal ein paar Stunden online, aber weit nicht in einem solchen Ausmass wie heute.
Man hat Foren und Chats damals als "Web 2.0" bezeichnet, weil es eben nicht mehr nur darum ging, sich im Internet Informationen zu holen und Nachrichten zu lesen, sondern darum, sich aktiv mit anderen Menschen auszutauschen, selbst einzubringen, andere Menschen kennenzulernen, eigene Inhalte zu erstellen. Mit den Foren kamen ja auch die ersten Chats (IRC), die ersten Messenger (AOL, MSN Messenger, ICQ), die ersten privaten Websites und dann später die ersten grossen Social Media Plattformen auf (MySpace, Facebook Mitte der 2000er, Lokalisten). Vielen ist von damals auch noch die Frage "asl?" bekannt (age, sex, location), die Standardfrage, wenn man jemanden kennenlernen wollte. Hilferuf stammt als privat geführtes und von ehrenamtlichen Privatpersonen moderiertes Selbsthilfeangebot genau aus dieser Zeit.
Social Media ist heute völlig anders als noch Anfang der 2000er, die meisten Anbieter sind kommerzialisiert und professionell. Entsprechend haben Nutzer auch ganz andere Ansprüche an Plattformen - zwischen "nur empfindsame, achtsame Inhalte" und "jede noch so abartige Aussage ist Meinungsfreiheit und soll stehenbleiben" ist da echt alles dabei.
Solche privat geführten Foren wie hier gibt es einfach kaum mehr, die Zeit und die Entwicklungen in der Gesellschaft haben sie überholt, und die können solche Nutzeransprüche auch nicht langfristig auffangen, v.a. mit so nem schwierigen Thema wie hier, das auch ein entsprechend schwieriges Klientel anzieht. Ein bisschen wurden Foren abgelöst von Reddit, das ist aber hier im deutschsprachigen Raum noch eine Nischenerscheinung - ist quasi wie ein grosses Sammelbecken für viele unterschiedliche Foren, s.g. "Subreddits". Und dann gibt's halt noch so Kurzbeitragsdienste wie Twitter/X oder Threads, die inzwischen stark und zumindest etwas ähnlich wie Foren benutzt werden. Im deutschsprachigen Raum nutzt eine grosse ältere Gruppe auch noch Facebook sehr aktiv, dort insbesondere die Gruppenfunktion, die auch ein bisschen forenähnlich ist (wird in anderen Regionen der Welt im Übrigen auch noch von jungen Menschen sehr stark verwendet). Das ist aber alles weniger "familiär", weniger ausführlich und kurzlebiger.
Dazu kommt ein wachsendes Bewusstsein für die Gefahren bei der Interaktion mit Fremden im Internet (zu Recht), und insgesamt ein Rückzug vom klassischen Ziel, Leute kennenzulernen, sich einzubringen, selbst Inhalte einzustellen, wieder hin dazu, eher (professionalisierten) Content zu konsumieren, mit der eigenen Meinung zu kommentieren oder, wenn Content gemacht werden soll, diesen selbst gezielt professionalisieren und kommerzialisieren zu wollen, und sich über gängige Plattformen fast ausschliesslich mit den Menschen näher auszutauschen, die man bereits kennt.
Ich denke, dass, wenn sich Hilferuf nicht zeitgemäss verändern und vor allem in der Angebotsgestaltung zumindest ansatzweise professionalisieren wird (das wird in dem Sektor Selbsthilfe inzwischen auch von Nutzern erwartet, denke ich), auch Hilferuf in den nächsten 10-15 Jahren perspektivisch schliessen wird. Das ist natürlich schade, aber so verändern sich Dinge eben.