..und plötzlich stand die Uhr still.

G

Gast

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Ich schließe die Augen. Ich sehe dich. Ich erinnere mich...
Ich warte auf den Bus. Er kommt. Ich steige ein, suche mir einen Platz und fange an über den Tag nachzudenken. Ich freue mich auf zu Hause. Ich weiß du kommst. Ich denke nach, über heute und morgen... bis der Bus endlich zuhause ankommt. Ich steige aus und gehe diesen Weg - wie jeden Tag zuvor. Ich komme näher, kann dich sehen. Du winkst mir zu. Ich freue mich. Wir reden miteinander. Lass uns wohin fahren. Wir steigen in dein Auto. Wir fahren los. Ich sehe dich an, sehe aus dem Fenster, sehe die Welt, die Natur, Menschen... die Sonne scheint. Ich bin fröhlich.
Wir reden, lachen, es ist so schön. Das Leben ist schön. Du bist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Du ahnst nicht wie wichtig du mir bist. Ich bin so froh dass es dich gibt.
Doch plötzlich schlägt mein Kopf gegen die Fahrertür. Du verlierst die Kontrolle über dein Auto. Wir geraten quer auf die Gegenfahrbahn. Wir stehen. Ich schaue aus dem Fenster. Ein LKW... er rasst auf uns zu. Mein Kopf ist leer.
Doch... du verreißt das Auto und ich höre nur noch einen Knall.

Als ich die Augen öffne, konnte ich nichts erkennen. Ich kann mich nicht bewegen. Ich suche dich. Sehe dich. Du bist blutüberströmt, eingeklemmt. Ich flüstere deinen Namen. Doch du reagierst nicht. Tränen schießen mir in die Augen. Ich keuche nocheinmal deinen Namen. Du wendest dein Gesicht zu mir. Schaust mich an. Lächelst.
"Ich hab dich so gern... ich werde immer bei dir sein."
Ich fange an zu weinen. Du quälst deinen noch freien Arm nach oben und streichst mir die Tränen weg. Ich schaue aus einer kleinen Lucke, sehe den LKW Fahrer der umher irrt, die Autos die einfach vorbei fahren... ich habe Angst. Ich verstehe es nicht. Was ist nur passiert.

Ich höre die Rettung. Ich dreh mich zu dir. "Sie kommen, sie kommen, wir haben es bald geschafft, es wird alles gut...". Du siehst mich an, lächelst und lässt den Kopf langsam sacken. Das Licht in deinen Augen, es verblasst. Ich flüstere deinen Namen. Doch du reagierst nicht. Ich sage nochmals deinen Namen. Ich fange an zu weinen. Ich möchte mich bewegen, dir helfen, doch ich schaffe es nicht. Ich schaffe es einfach nicht. Ich spüre Verzweilfung, Schmerzen...

Irgendwann finde ich mich wieder, liegend auf einer Trage. Ich schaue zu diesem Wrack, was einmal dein Auto war. Ich sehe wie sie umdich herum stehen. Ich bete. Ich sehe die Gesichter der Männer. Ich sehe den Arzt. Warum schüttelt er den Kopf? Warum stehen sie alle so da? Das kann nicht sein. Ich höre ihn, er sagt dass es zu spät ist. Was soll das heißen? Ich sehe wie sie dich zu decken. Sie können doch nicht einfach dein Gesicht bedecken. Du bekommst doch keine Luft...

Ich richte mich auf, reiße mich von den Männern los, schreie sie an, laufe zu dir. Ich gehe auf die Knie. Reiße diese Decke weg. Rüttle dich. Schreie. Weine. Flehe dich an mich nicht alleine zu lassen. Bitte... bitte mach wieder die Augen auf. Lass mich nicht zurück. Du kannst mich nicht einfach zurück lassen.
Du liegst nur da. Siehst aus als würdest du schlafen. Überall ist Blut.
Ich schlage auf den Boden, bis ich kein Gefühl mehr in den Händen habe. Es war doch alles ok, es war doch alles so schön... ich bin erschöpft. Meine Augen, sie sind so schwer... ich verliere meine Kraft, alles wird schwer und plötzlich ist es schwarz.


Der Boden ist nass. Es regnet. Ich schaue in den Himmel, der von einem Wolkenmeer bedeckt ist.
Mein Blick wandert nach unten. Ich sehe dein Gesicht. Abgebildet auf einem Foto, das ein Kreuz ziert. Ich starre auf dieses Loch, in dem eine große Holztruhe liegt. Es ist dein Sarg.
Ich halte die Rose so fest, dass die Dornen meine Hände zerkratzen... ich spüre nichts außer einen kleinen Picks. Das Blut tropft auf den Boden, sowie meine Tränen.

Wir leben unser Leben, jeden Tag. Doch denken wir jemals daran, dass es jeder Tag unser letzter sein könnte? Dass wir schon morgen nicht mehr exestieren könnten? Oder ein geliebter Mensch, aufeinmal nicht mehr da sein könnte... wir keine Chance haben uns zu verabschieden oder noch etwas zu sagen...


Könnte ich dich noch einmal sehen.
Ich würde dich umarmen, ich würde dich fest halten und dir sagen, was für ein wundervoller Mensch du bist. Ich würde dir sagen wie gern ich dich habe und wie froh ich bin, dass ich dich kennen lernen durfte.

Die Tiefe und Schwere eines Schmerzes, versteht man erst, wenn man ihn selbst erfährt.
Wir beschäftigen uns immer so viel damit, was uns fehlt und stört. Wir beschäftigen uns mit all möglichen Problemen, anstatt einmal tief Luft zu holen und zu leben.

Probleme hatte ich reichlich. Ich habe die Zeit damit verbracht, mir über alles mögliche den Kopf zu zerbrechen, anstatt einmal die Zeit mit dir richtig zu genießen. Dieser Tag, dieser eine Moment, hat alles verändert. Und obwohl es nun 4 Jahre her ist, kommt es mir noch immer so vor, als wäre es gerade eben erst passiert.

Den plötzlich, stand die Uhr still.
 

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Shorn

Sehr aktives Mitglied
In all deiner Trauer und all deinem Leid und bei aller Tragik muss ich dir sagen das der Text sehr schön geschrieben ist,er regt zum nachdenken an.
Ich hoffe du hast keine bleibenden Schäden durch den Unfall erlitten.
Halte deinen Freund in Erinnerung wie er war so wie du ihn gesehen und geliebt hast hast.
Vergessen wirst du ihn nie,denn die Liebe ist stärker als der Tod.

LG

Shorn
 

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