Hallo,
Ich habe dasselbe Problem auf sovielen Ebenen und diese Schuldgefühle sind erst 4 Wochen nach dem Tod von meinem Vater, der auch sehr plötzlich starb, aufgetaucht. Ich habe es aber noch viel schlimmer und zwar habe ich meinen Vater im Oktober 22 mit Corona infiziert, obwohl ich sogar Symptome hatte, habe ich meine Eltern besucht (ich war mir zu dem Zeitpunkt sicher, dass es kein Covid war). Er ist dann nach 5 wochen ITS-Aufenthslt und 3 Wochen Beatmung gestorben..
Ich konnte ihn noch an 5 Tagen im Krankenhaus besuchen als er noch ansprechbar war und im Nachhinein bereue ich v.a. vieles nicht gesagt zu haben. Aber am schlimmsten ist das, was 6 Monate vor seinem Tod passiert ist. Mir fallen immer so einzelne Situationen ein, in denen ich einfsch nicht nett war, total grundlos. Ich hätte viel mehr helfen können. Ich habe ihn nie wirklich gefragt, wie es ihm geht oder ob er Hilfe braucht. Auf der anderen Seite dachte ich, meine Eltern wüssten, dass es selbstverständlich ist, dass ich ihnen helfe, wann immer sie es brauchen, aber ich hätte viel mehr auf sie zugehen müssen und nachfragen müssen, das habe ich nicht geschafft, weil ich andere Sachen im Kopf hatte, die aber total unwesentlich sind aus heutiger Sicht ... Ich bin zwar erst 26 aber mein Vater war schon Pflegebedürftig und meine Mutter hat die Pflege übernommen. Ca. ein Jahr vor seinem Tod hat meine Mutter mir erzählt, dass sie das alles nicht mehr schafft, dass sie psychisch am Ende ist und an Selbstmord denkt.. Es kann halt wirklich anstrengend sein eine kranke Person zu Pflegen + Haushalt + Nebenjob (teilzeit), den sie hatte und mein Vater war auch vom Wesen manchmal ganz komisch und gemein, ich glaube, weil er einfach krank war, er ist öfters aus dem Bett gefallen und meine Mutter hatte dann natürlich Todesangst, das war ja auch wirklich gefährlich. Bei so einem kranken Menschen kann das schnell passieren, dass man sich was bricht und stirbt und das alles hat sie wahrscheinlich komplett fertig gemacht. Und was habe ich gemacht? So gut wie NICHTS. Mein Vater hat ja auch unter der ganzen Situation gelitten. Ich weiß noch, dass ich da mit ihr versucht habe eine Lösung zu finden, dass er nicht mehr aus dem Bett fällt, und ich habe auch paar mal nachgefragt, was denn jetzt ist, da er ja immer so gemein zu ihr war und sie deswegen selbstmordgedanken hatte. Der letzte Stand war, dachte ich, dass sich das wieder gelegt hat oder besser geworden ist. Kurz vor seinem Tod habe icj aber dann erfahren, das dem gar nicht so war und ich habe nichts gemacht. Icj wusste dass es zuhause so viele Probleme gab und meine Mutter hat sich mir anvertraut und ich habe kein bisschen geholfen und das macht mich fertig, weil mein Vater auch so sehr darunter gelitten hat, meine Mutter ist öfters ausgerastet und hat ihn angeschrieben, sie war einfach unfähig mit der Situation umzugehen und ich habe nichts gemacht, obwohl ich sogar selbst mal in der Pflege gearbeitet habe und eiglt. Wusste dass es für diese Probleme Lösungen gibt. Ich habe das Problem aber aus privaten Gründen nach hinten verschoben, ich hatte andere Gedanken und jetzt ist alles zu spät. Ich wusste eigentlich immer, dass mein Vater der wichtigste Mensch in meinem Leben ist, ich hatte ihn auch immer als Handyhintergrund, aber ich habe einfach so wenig gemacht und das ist mir im letzten Monat bewusst geworden und icj kann dir sagen, niemand kann mich davon überzeugen, dass mich keine Schuld trifft. Ich kann dir auch keinen nützlichen Rat geben, ich kann dir nur sagen, du bist auch nur ein Mensch mit Gefühlen und Bedürfnissen und du kannst nicht immer perfekt und rücksichtsvoll handeln, zumindest damals konntest du es einfach nicht wissen.
Ich für mich weiß jetzt, dass ich mich grundlegend geändert habe und es ist entsetzlich, dass erst mein Vater dafür sterben musste. Mir ist bewusst geworden, dass ich Prioritäten falsch gesetzt habe, dass ich in Gesprächen, so wie du das auch erzählst, einfach unnötig falsch und gemein gehandelt hab, obwohl doch das Wohlbefinden der eigenen geliebten Menschen Priorität haben sollten, und nicht die eigenen komischen Überzeugungen, die dann dazu führen, dass man was negatives sagst. Ich meine, was ist denn wichtiger, bei deinem Beispiel jetzt,.. dass sich der geliebte Mensch, der sogar im Sterben liegt freut, dass er noch einen Witz gemacht hat, oder die Möglichkeit, dass du deine Abneigung gegenüber sexuellem Witzen betonen kannst und dafür es der anderen Person aber ein schlechtes Gefühl gibst. Also ich finde ersteres viel wichtiger. Aber ich sage dir, ich habe diese Perspektive erst nachdem mir das alles bewusst geworden ist und ich kann dir leider nur sagen, du hast jetzt noch die Möglichkeit diese Fehler nie wieder zu machen. Ich weiß, viele sagen zu dir, das ist doch nicht so schlimm dein Verhalten. Aber so lange DU es als schlimm empfindest, ist es das auch, genauso wie ich mein Verhalten gegenüber meinem Vater einfach nicht akzeptieren kann und sehr darunter leide. Du kannst es aber nicht rückgängig machen und du wusstest es nicht besser. Jetzt kannst du dich aber noch ändern. Und ich sage dir, du hast sehr viel getan. Andere hätten sich gar nicht so viel Zeit genommen und man kann doch immer mehr tun, aber du warst da und hast in diesem Moment doch dein bestes gegeben. Dieses Wissen hilft mir auch jetzt noch mit meinen Fehlern umzugehen.
Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Kraft.