Hallo ThePhoenix,
Wenn du dir selbst nicht ganz sicher bist, den Gedanken standhalten zu können, dann muss ich dich bitten, dir umgehend professionelle Hilfe zu holen! Meist wird dann auf medikamentösem Wege eine Stabilität hergestellt, die du mit den Mitteln des eigenen Geistes (momentan) vielleicht noch nicht zu leisten im Stande bist.
Das Thema Suizid selbst ist sehr facettenreich und leider immer noch weitgehend ein Tabuthema, so dass die meisten Menschen das Thema buchstäblich Totschweigen. Dabei ist es absolut wichtig, über diese Dinge zu sprechen, denn nur so können sich die Gedanken korrigieren oder ihr tieferer Sinn kommt zu Tage. Ich schreibe mal zwei Beispiele, die mit deinem individuellen Fall natürlich nicht zwangsläufig etwas zu tun haben müssen:
Oft geht es im Kern um Fragen der eigenen Autonomie im Angesicht größter Hilflosigkeit: Es geht darum, endlich selbst entscheiden zu dürfen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Und wenn man sich den Problemen des Lebens hilflos ausgeliefert fühlt, dann hat man doch zumindest über das eigene Leben (scheinbar) die Macht. In diesem Falle müsste man am besten im Dialog andere Bewältigungsmöglichkeiten erlernen und eventuell alte Erfahrungen aufarbeiten, die einem vielleicht in der Kindheit schon den Glauben an die eigene Wirksamkeit angesichts der Herausforderungen des Lebens genommen haben. Wichtig ist hier zu akzeptiert, dass die Frage nach dem eigenen Leben oder Sterben definitiv im Sinne der Autonomie in der Macht des Betroffenen liegen sollte. Du triffst letzten Endes die Entscheidung, diese letzte Freiheit muss dir m.E. gewährt sein. Nur dann hast du überhaupt die Chance, dich bewusst und aus eigenem (!) Antrieb für das Existieren entschieden zu haben. Im Prinzip bietet diese Alles-oder-Nichts-Entscheidung zum ersten Mal im Leben die wirkliche Freiheit, sich bewusst für das Leben zu entscheiden. Bei der Zeugung/Geburt hatte niemand diese Freiheit. Man wird ins Leben geworfen ohne irgendein Mitspracherecht, denn das, was eines Tages mal Mitspracherecht haben möchte, zu diesem Zeitpunkt noch garnicht in der Form existent ist. Die absolute Entscheidung für das Leben am Endpunkt einer solch existenziellen Kriese verdient meiner Meinung nach die Bezeichnung "Wiedergeburt". Die Folgen für das weitere Lebensgefühl können nur als grundlegend wesensverändernd beschrieben werden, man ist im positiven Sinne jemand anderes geworden, man hat seinen Ursprung aus der biologischen Herkunft in einen Entscheidungsakt verlagert. Man ist, im Bilde gesprochen, nicht mehr Kind seiner Eltern, sondern Kind seiner eigenen Entscheidung.
Ein weiterer Hintergrund kann auch darin liegen, dass ein Verlust z.B. eines geliebten Menschen nicht verarbeitet wurde. In unserem Kulturraum hat sich ein Konzept über Jenseits und Seele etabliert, dass die m.E. irrige Vorstellung nahelegt, man könne einem Verstorbenen wieder nahe sein, indem man selbst stirbt (also dahin geht wo der Verstorbene ist). Mir erscheint ein anderes Konzept viel sinnvoller, dass darin besteht, das Wesen (die positiven Eigenarten) eines Verstorbenen in sich selbst zu finden und sie im eigenen Leben zur Entfaltung zu bringen. In dieser Weltsicht ist man einem Verstorbenen dann besonders nahe, wenn man sein eigenes Leben zur vollen Entfaltung bringt. Hier wären religiöse oder kulturelle Prägungen zu hinterfragen und gegebenenfalls bessere Konzepte zu entwickeln.
Was ich bis hier zeigen wollte ist, dass hinter den Selbstmordgedanken in der Regel sehr wichtige und tiefgründige Fragestellungen stecken, die sprachfähig gemacht und beantwortet werden wollen. Dazu ist zunächst eine intensive Selbsterforschung nötig. Denn die inneren Vorgänge müssen verstanden, sortiert und spruchreif gemacht werden. Man muss sie selbst so durchdringen, dass man sie jemandem mitteilen oder sie zumindest für sich selbst aufschreiben kann. Dann erst werden all die Zusammenhänge klar, welche die Tür zu Veränderung öffnen können. Daraus leitet sich auch Vorgehen für "Akuthilfe" ab: Du kannst dir angewöhnen, in die Rolle des Beobachters zu wechseln und deine Gedanken und Gefühle wie ein Wissenschaftler zu untersuchen. Wichtig ist, alle Handlungsimpulse zu hemmen und ruhig sitzen oder liegen zu bleiben, egal was passiert. Alles sollte sich darauf fokussieren, im reinen Beobachten zu bleiben. Erst so hast du die Möglichkeit, die hintergründigen Zusammenhänge überhaupt zu entdecken. Oft sind es die feinen Dinge, die im Normalfall der Aufmerksamkeit entgehen, welche den wichtigsten Informationsgehalt in sich tragen.
Noch besser gelingt diese Selbsterforschung natürlich im Dialog. Wenn du deine Erfahrungen direkt in Worte fassen musst dich ein erfahrener Therapeut durch Fragestellungen ein wenig lenken kann.
Nun habe ich natürlich schon sehr viel geschrieben, noch lange bevor du überhaupt etwas von dir erzählen konntest. Ich tat das in der Hoffnung, dass du vielleicht auf einige der Gedanken ansprichst und somit Anknüpfpunkte zum Erzählen deiner eigenen Geschichte finden kannst. In diesem Sinne lade ich dich ein, mehr über dich zu schreiben, sofern du dich dazu in der Lage fühlst.
Alles Gute und Gruß
tuny