Hi BlackSoul,
erstmal eine Story vorweg: Ich hatte mehr als zehn Jahre eine Nachbarin, die ständig nur gesoffen hat. Als sie einzog waren ihre Kinder klein und unbelastet. Sie hat immer nur geschrien und ihnen irrationale Vorwürfe gemacht. Es kam oft vor, dass sie saufen gegangen ist, und die Kinder allein zu Hause gelassen hat. Einmal saßen sie im Treppenhaus und haben wehmütig aus dem Fenster geschaut. Da haben wir sie zu uns rein geholt und erstmal versorgt. Dafür bekamen wir später von ihr Morddrohungen. Das Jugendamt kam regelmäßig bei denen, aber es gelang ihr auf spektakuläre Weise, nach außen den Schein der Normalität zu wahren. Die Jahre vergingen und die Kinder veränderten sich. Als Jugendliche hingen sie dann mit den selben Leuten rum, wie ihre Mutter. Ständig Parties, Saufgelage, Aggression. Der Große ist ein super netter Kerl. Aber wehe man äußert eine Kritik (z.B. wegen der 4. Party in einem Monat). Dann wird er zur Furie, so wie seine Mutter. So kam es dann, dass die Aggression, welche sie immer gesät hat, auf sie selber zurückfiel. Es hörte sich öfter so an, als würde er sie gleich umbringen. Überall schepperte und klirrte es. Letztenendes rief sie dann aus Angst vor ihrem Sohn die Polizei. Im Mai diesen Jahres ist sie mit Ende 40 gestorben - Sie hatte sich am Essen verschluckt, konnte aber aufgrund ihres Pegels (> 3,5 Promille) nicht richtig abhusten. Der Große hat das alles mitbekommen, konnte sie aber nicht retten. Vermutlich war er ebenfalls völlig dicht. Es war richtig gruselig wie wenig ihn der Tod seiner Mutter berührte. Er lebt einfach so weiter, als ob nichts passiert wäre. Und seither blüht er in gewisser Weise richtig auf..
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Es wundert mich nicht, dass es dir so schlecht geht. Für ein Kind repräsentieren Mutter und Vater die ganze Welt. Dein Vater war frühzeitig schon weg, also blieb deine Mutter als Hauptbezugsperson. Was braucht ein Kind in seiner kleinen Welt? Es braucht Geborgenheit, Liebe, Beständigkeit, Sicherheit und Aufmerksamkeit. Glaubst du deine Mutter konnte das alles geben? Ich denke nicht. Nach deiner Beschreibung zu urteilen ist sie viel mit sich selbst und ihren eigenen Problemen beschäftigt. Bei Stress geht sie saufen und du darfst sie dabei noch unterstützen, indem du sie abholen- oder ihre verbalen Attacken ertragen musst. Für ihre Sorgen wirst du dann auch noch als seelischer Mülleimer missbraucht. Und als dankeschön für das alles bekommst du oben drauf noch Vorwürfe verpasst. Was glaubst du macht das mit einem Menschen?
Ich glaube du fühlst dich so schlecht, weil deine Welt zerbrochen ist und du keinen Halt in ihr findest. Deine Mutter ist unbrauchbar als Bezugsperson, weil sie die nötige Geborgenheit und Aufmerksamkeit nicht liefern kann. Man kann sich an ihr nicht anlehnen, weil sie selber umfällt. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, das Mutter-Tochter-Verhältnis kehrt sich um: Du musst die starke Bezugsperson spielen und sie ist das Kind. Das löst wahrscheinlich unglaublichen Stress in deinem Körper aus, weil deine eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt sind und du zusätzlich Kraft aufbringen musst, um deine Mutter zu stützen. Diese Kraft hast du aktuell aber eigentlich gar nicht. Es würde mich auch nicht wundern, wenn du mit Menschen generell Probleme hast. Du bist wahrscheinlich völlig ausgehungert und suchst nach Verständnis, Sicherheit etc.. Dinge, welche dir eben zu Hause gefehlt haben. Allerdings kann dir das kaum jemand in dem Maße geben, wie es eine harmonische Familienatmosphäre geben könnte. Darum vermute ich, dass deine Hoffnungen öfter enttäuscht werden und du dich dadurch noch einsamer fühlst.
Bitte, liebe BlackSoul, mach dir den Aufwand und such weiter nach einem Therapieplatz. Das ist so super wichtig für dich. Mit einem gescheiten Therapeuten lernst du dich selbst besser zu verstehen. Du lernst, welche deiner Gefühle nur Projektionen aus deiner Vergangenheit sind und wie du deine Bedürfnisse erfüllen kannst. Das alles funktioniert natürlich nicht über Nacht. Störungen/Defizite, die sich über Jahre oder Jahrzehnte aufgebaut haben, erfordern kontinuierliche Arbeit an sich selbst. Ein paar Pillen schlucken und bisschen quatschen reicht nicht aus. Aber es kann funktionieren, glaub mir.