Lieber Stefan,
schön, zu lesen, dass es bei dir weitergeht und du dir Hilfe geholt hast. Ich kann sehr gut verstehen, wie es dir ergangen ist. Ich habe selbst eine Krise in meinem (damaligen Erst-) Studium gehabt, mit einer ausgeprägten Depression mit Selbsttötungsphantasien. Menschen, die nie eine derartige Erkrankung hatten können oft nicht nachvollziehen, in welcher grenzwertigen Ausnahmesituation man sich dabei befindet und sie urteilen daher vorschnell. Lass dich daher von etwaigen Vorwürfen von "Faulheit", "du bist nicht belastbar" usw. nicht irritieren. Wenn deine schlimmste Phase hinter dir liegt, wirst du dich verändert haben, um deine Schwächen besser wissen und deine Stärken kennengelernt haben.
Ich möchte dir meine kleine Geschichte erzählen. Nicht weil sie besonders toll oder nachahmenswert wäre (ich hätte mir meinen Lebenslauf in meinen 20ern gern anders vorgestellt), aber vielleicht macht sie dir ein wenig Mut.
Ich habe mein Studium damals sehr engagiert, begeistert und unter Volldampf begonnen, bin voll in meinen Fächern aufgegangen (kennst du die Geschichte des Ikaros?) und habe zügig meine Scheine gehabt, dann ein Stipendium bekommen, im Ausland studiert. Wieder daheim dann begann schleichend aber stetig die Talfahrt. Beste Noten, zwei Hiwistellen, Tutorenstelle, nach aussen war alles paletti, in mir selbst aber machte sich Wüstenlandschaft breit. Das hatte - wie ich heute weiss - ganz verschiedene Ursachen. Aber alle hatten sie im Kern mit meiner persönlichen Entwicklung zu tun, die ich beim Studieren vernachlässigt habe. Hinzu kam eine unglückliche Beziehung (wobei ich nicht weiss, ob das Ursache oder Folge war..), die alles nicht besser machte. Mit schwindendem persönlichen Einsatz trieb ich so voran. Einer meiner Chefs hatte wohl - trotz ansonsten noch recht gut funktionierender Fassade - meine Veränderung bemerkt und sprach mich darauf an. Ich versuchte mich sogar ein klein wenig zu öffnen (aber nicht zu offenbaren) doch er hatte sehr wenig Verständnis dafür, verwies auf meinen bisherigen akademischen Werdegang und dass ich allenfalls einen "kleinen Durchhänger" hätte. Naja, damals glaubte ich natürlich nicht, dass es nur eine Phase war, meiner Erkrankung entsprechend hatte ich eher das Ende (also mein Ende) vor Augen. Ich holte mir, trotzdem ich mir im Klaren war, dass ich krank bin und dass es nicht normal sein konnte, dass man nächtelang nur plant, wie man sich am effektivsten das Leben nehmen kann, leider keine Hilfe, denn es konnte ja nicht sein, was nicht sein darf. Und es war aus meiner kleinen Weltsicht damals eben einfach nicht drin, dass ich versage, nichtmal im kleinsten Bereich, bis dahin war nichts ausser dem Maximum und Optimum für mich akzeptabel, so etwas wie persönliche Reife und Einsichtsfähigkeit fehlten leider. Zu diesem Zeitpunkt lief ich nur noch auf automatischem Minimalbetrieb, liess so ziemlich alles schleiffen, konnte aber auch wegen ständigem Schlafmangel und Angstattacken ohnehin keine vernünftige Leistung erbringen. Ich hatte jeglichen Kontakt zu Freunden verloren, meine Eltern wimmelte ich ab. Ach ja, und ich hatte plötzlich schlechte Noten (völlig verdient).
Meine Eltern merkten natürlich, dass etwas nicht stimmte. Irgendwann teilte ich mit, dass ich mein Studium abbrechen werde, oder mich umbringen, oder beides. Ich hatte plötzlich arge Zweifel an meinem Studium und bildete mir auch ein, das Examen sicherlich nicht zu schaffen, alles Ausfluss meiner Erkrankung, die wiederum ihrerseits ihre diversen Wurzeln hatte. Meine Eltern wohnten damals weit weg von mir und waren voller Sorge und Verzweiflung. Diese Situation zog sich über geschlagene vier Semester, ich schaffte es irgendwie scheinfrei zu werden, aber prüfungsfähig war ich sicher nicht. Anlässlich einer Routineuntersuchung bei einer Frauenärztin (wobei es ein ziemliches Wunder war, dass ich da überhaupt hin bin..) wendete sich schliesslich das Blatt. Sie merkte mir offensichtlich sofort an, dass da etwas nicht stimmte, sprach mich direkt darauf an und ich musste mich offenbaren, denn zu diesem Zeitpunkt konnte ich keine Kraft mehr aufbringen um zu dissimulieren. Ich bin ihr noch heute unendlich dankbar, dass sie den Mut und die Zeit hatte, sich so auf mich einzulassen.
Um die Geschichte mal abzukürzen: ich zog dann zu meinen Eltern, weil ich definitiv die stützende Struktur meiner Familie damals brauchte und studierte nach einem Wartesemester, als ich wieder stabiler war, zunächst an einer anderen Uni weiter, die gleichen Fächer. Aber als ich meinen Lebensmut wiedergefunden hatte, hatte sich das Problem mit der Frage "Wo willst du eigentlich hin im Leben?" noch weiterhin gestellt. Ich habe dann dieses Studium abgebrochen und mir einen unifernen Job gesucht. Zwar war da zunächst ein Gefühl grandios gescheitert zu sein, aber irgendwie gefiel mir auch die Arbeitswelt, ich fand ein für mich interessantes Feld, hatte ein völlig neues Umfeld, andere Menschen, verdiente Geld, bekam ein Angebot für eine Ausbildung. Dann tat sich ein weiteres Törchen auf und ich fand einen Studiengang der mit diesem Arbeitsfeld zu tun hatte. Weiterhin konnte ich eines meiner alten Fächer reaktivieren, als Zweitfach nehmen und sämtliche Scheine anerkennen lassen. Ich studiere immernoch, bin jetzt im Hauptstudium, es geht sehr schnell und ich habe meine alte Begeisterung in neuem Gewand wiedergefunden. Doch ich bin gewarnt und achte weit mehr auf mich und meine Gesundheit. Ich sehe auch bei meinen jüngeren Kommilitonen, wie manche kämpfen müssen mit sich und dem Studium und versuche mit ihnen in Kontakt zu kommen.
Es gibt ja Menschen, die werden irgendwie auf geradem Wege groß, ich weiss nicht, wie sie das machen, oder wie und ob sie glücklich werden. Andere jedoch gehen verschlungene Pfade und bekommen auf dem Weg ihren Schliff.
Ich bin nicht stolz auf meinen Weg (mein alter Ehrgeiz und meine Ansprüche an mich selbst sind andere), doch ich bin froh, wieder unbeschwert leben zu können und einen Weg gefunden zu haben, der unverkennbar meiner ist und mich geprägt hat.
Ich wünsche dir die Kraft, dich für deinen Weg zu entscheiden und Gefährten die dich unterstützen. Es bleibt am Ende immer die Erkenntnis, dass jedem nur ein Leben gegeben ist und er allein den Gestaltungsauftrag hat.
Liebe Grüße, Seeblättchen