Ich kann dich verstehen, bei mir ist das ähnlich mit der engen Bindung an meine Mutter.
Nun ist es auch so, das es auf die letzte Lebensphase hinaus läuft im Alter von 93.
Noch ist sie nicht schwer krank, aber fast blind und sehr wackelig.
Und sagt selber immer....ich werde wohl nicht mehr lang da sein.
Irgendwie versuche ich mich innerlich auf den Abschied vorzubereiten, damit es dann nicht ganz so schmerzt. Gelingt mir aber nur bedingt.
Du sagst, hast sie auf der palliativ die letzte Woche nicht mehr besucht, also garnicht oder nur nicht lang genug? Es kommt ja etwas darauf an, ob sie geistig noch wach und klar war oder dahin dämmerte und schlief. So war das bei meinem Vater, er hat die letzten Tage nur noch geschlafen und wollte nicht mehr gestört werden. Andere sind wach bis zum letzten Moment und dankbar, wenn jemand bei ihnen sitzt und die Hand hält. Wieder andere, wie Krebskranke oder welche mit Atemnot werden mit Medikamenten in Schlaf versetzt, so das sie nicht leiden müssen. Wie das bei deiner Mutter nun war, weiss ich ja nicht.
Jedenfalls, deine Mutter wird dir das nicht übel nehmen, sie weiss, das sie geliebt wurde.
Und verhindern können hättest du ihren Tod auch nicht.
Quäle dich bitte nicht mit Vorwürfen, die Trauer zu verarbeiten, den Verlust, ist schon schwer genug.
Ich bin froh, dass es noch andere Töchter in meinem Alter gibt, die so sehr an ihrer Mutter hängen. Viele halten das für nicht normal und man wird belächelt. Meine Mama wäre dieses Jahr auch 90 geworden, ich hätte so gerne mit ihr eine kleine Feier gemacht und sie glücklich gemacht. Genieße jede Minute mit ihr, das kann ich Dir nur raten. Egal, ob es ihr gut oder schlecht geht. Ich wünschte, ich wäre an Deiner Stelle und könnte all meine Liebe in meine Mutter stecken. Die Frau, die es sich über zig Jahre verdient hat. Helfe ihr und zeige ihr Deine Unterstützung. Auch, wenn vieles beschwerlich und nervenaufreibend wird, je mehr Wehwehchen dazukommen.
Bei meiner Mama ist nach Jahren der Krebs zurückgekehrt. Theoretisch hätte ich mich schon vor Jahren auf ihr Ende vorbereiten können, aber sie hat es damals echt noch mal geschafft und so glaubte ich auch diesmal, dass sie stärker wäre als der sch.....Krebs...meine Mama war stark und wollte leben. Deshalb dachte ich auch diesmal, dass sie es schafft..ein wenig habe ich auch die Augen vor der Realität verschlossen.
Meine Mama war erst 2 Wochen auf der Onkologie und von dort dann nochmal 2 Wochen auf der Palliativ. In den insgesamt 4 Wochen im Krankenhaus war ich täglich bei ihr, an Wochenenden mal mehrere Stunden oder auch mal an Feiertagen, einmal sogar nachts hingefahren, weil sie um Hilfe rief. Aber in der letzten Woche ging es ihr so schlecht, dass ich zwar auch täglich da war, da aber nur im Schnitt zwischen 30 Minuten und max. 2 Stunden. Bis zur letzten Woche war sie geistig superklar im Kopf und hat eigentlich sehr darunter gelitten, weil sie sich dadurch zuviele Gedanken machte und Panikattacken bekam, aufgrund ihrer Beinlähmung durch den Krebs aber an ihr Bett gefesselt war und hilflos war. In der letzten Woche war sie durchs Morphium wirrer als sonst, dämmerte immer weg, kam der Geist kurz zurück bekam sie wieder ihre Panik- und Angstattacken. Sie konnte auch kaum noch reden und hatte Luftnot. Dann wurde sie wieder sediert, so dass ich sie fast nur noch schlafend erlebte. In dem Moment war ich froh, weil ich ihr die Ruhe gönnte und ihre Unruhe mir das Herz zerriss. Am Tag vor ihrem Tod habe ich sie nur sediert erlebt. Ich konnte sie gar nicht berühren, fast aus Angst, dass ich sie wecke und es ihr dann wieder schlechter geht. Ich habe nur geweint an ihrem Bett und geredet, geredet...gebetet, gehadert, gejammert, um Wunder gebettelt, dann war ich nur noch wortlos. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt noch etwas wahrgenommen hat. Ich wäre gerne noch einfach so bei ihr sitzen geblieben, damit ich da gewesen wäre, wenn sie wieder wach wurde. Aber mein Partner hat mich nicht gelassen. Am nächsten Tag war sie tot und die Schwester sagte mir da, dass sie am Tage davor wirklich nochmal wieder wach wurde, sehr unruhig war, genauso wie in ihrer letzten Nacht....und ich war nicht da, wollte am nächsten Morgen wiederkommen, aber da kam morgens schon der Anruf vom Arzt..ich weiß zumindest definitiv von meiner Mama, dass sie nicht allein sein wollte in diesen schlimmsten Stunden. Sie hat sich sehr alleine gefühlt, wollte auch immer die Türe ihres Zimmers auflassen, um noch lebendige Geräusche vom Flur hören zu können und zu mir sagte sie immer: ich bin so alleine hier, ich brauche Dich. Die Schwester sagte außerdem immer, dass meine Mama nach ihrer Hand griff und sie nicht mehr loslassen wollte. Die Schwester hatte natürlich nicht ewig Zeit dafür. Meine Mama wollte nicht alleine sein. Ich fühle mich so schlecht. Ich habe so viel versucht, aber ich konnte ihr, mir und unserer so engen Verbindung in der Situation nicht mehr gerecht werden. Das wird mir ewig nachhängen...Du hast Recht, den Verlust zu akzeptieren, erfordert bereits alle meine Kraft...aber die Schuldgefühle bringen mich um. Meine Mama weiß, dass ich sie über alles geliebt habe, das ist klar und sie hätte nie gewollt, dass ich jetzt so leide. Trotzdem fühle ich mich jetzt wie eine riesengroße Enttäuschung an und vor allem: Das alles tut mir für meine arme Mama so unendlich leid. Dieses schreckliche Mitleid klebt an mir...