Hi Liala,
ich grübele jetzt schon eine ganze Weile, wie ich auf Dein "wie hast Du das geschafft?" antworten soll. Ich muss mich erst einmal fragen, was ich denn geschafft habe. Also 10 Jahre wird meine Tochter nächsten Monat von ganz alleine.. aber was habe ich geschafft? Ich befürchte nicht wirklich viel.
Und ich mag da auch gar nicht so ins Detail gehen, weil ich glaube ein tragischer Einzelfall zu sein. Jedenfalls hatte ich keinerlei Unterstützung, weder finanziell noch mental. Bereue ich die Entscheidung von damals? Nein. Ich habe einem kleinen Mädchen eine schwierige Kindheit und Zukunft gegeben, ich bin an mir selbst verzweifelt und habe Einsamkeit schmecken gelernt, ich habe verstanden, was die Pfeiler in unserer Gesellschaft sind und bin zu einem sehr besonderen Menschen geworden, der am eigenen Leib erfahren hat, was im Leben zählt und mit 27 ganz sicher weiß, was er vom Leben erwartet. Genau genommen bin ich heute also 40, nur dass ich (hoffentlich) noch viel mehr Zeit habe als eine tatsächlich 40jährige. Dafür bin ich dankbar. Für meine Tochter tut es mir manchmal leid, dass es nicht einfacher war.
Weißt Du, Liala... für mich ist die Frage nach dem "Wie" nicht die Frage nach organisatorischen Dingen wie Tagesmutter (was u.U. das Jugendamt bezahlt), sondern vielmehr die Frage nach "war es ein Durchhalten oder ein Ziele und Wünsche erreichen". Das Organisatorische kriegt man in den Griff, aber was die Kraft kostet, sind die anderen Dinge. Ein paar Beispiele:
Wohnungssuche: Keine feste Arbeit und ein Kind, beides alleine schon Gründe genug oft als Mieter abgelehnt zu werden, beides zusammen eine niederschmetternde Geduldsprobe.
Männer: Haben heute kein Problem mehr, wenn eine Frau ein Kind hat, lassen sich darauf ein, haben aber leider eine andere Vorstellung davon gehabt, stellen fest, dass das doch nicht so der Brüller ist und gehen wieder. Der Leidtragendste dabei: das Kind. Ich weiß, dass Du einen festen Freund hast, verlass Dich aber natürlich nie darauf, dass das auch immer so bleiben wird.
Arbeitgeber: Wissen, dass Du nicht nur ausfällst, wenn Du krank bist, sondern auch, wenn das Kind krank ist, wenn einen Tag die Schule oder der Hort ausfällt, dass Du niemals so viel Urlaub haben wirst, wie das Kind Ferien hat, dass Du nie für Überstunden zu haben bist oder kurze Reisen... werden Dich also immer hinten in der Bewerberliste ansiedeln. Klar studierst Du noch, aber Dein Kind wird länger Dein Kind sein und zu Hause leben, als Du studierst.
Prüfungen: Nehmen keine Rücksicht auf Dein Privatleben. Ob Du Dein Kind mit 39° Fieber zur Tagesmutter bringen musst, um teilnehmen zu können, ob Du die Nächte vorher geschlafen hast, ob der Kindergarten erst um 8:30 öffnet, obwohl Du um 8:00 Uhr schon da sein musst.
Jetzt erwische ich mich dabei, wie ich Dir doch wahrscheinlich Angst mache. Das will ich nicht, aber ich will auch nicht lügen. Dies sind die Dinge, die meistens vergessen werden, wenn es um das "wie schaffe ich das" geht. Alleine ist es einfach verdammt schwer. Nicht unmöglich, aber fühle Dich bereit, tagtäglich zu kämpfen. Schöpf Kraft aus dem Kind, verlier nicht die Ziele, suche Unterstützung in Vereinen (wie gesagt z.B. alleinerziehender Mütter und Väter). Du kannst es schaffen... das WIE ist eine Frage Deines Kampfgeistes und eines guten Netzwerkes von Hilfe. Dass Du Dein Kind lieben würdest, davon gehe ich einfach mal aus 🙂
Gel06
(in der Hoffnung nichts Falsches gesagt zu haben)