Zunächst einmal die für dich wahrscheinlich erfreuliche Nachricht vorweg: Du bist nicht schwul.
Ehrlich gesagt, viele Männer durchleben das in ihrer Pubertät/Jugend. Bezeichne es als Phase, wenn du magst.
Die sexuelle Identität ist nicht unbedingt nur schwarz oder weiß. So richtig weiß niemand, wie Homosexualität entsteht. Es gibt einige Studien, die nahelegen, dass es biologische Ursachen hat, aber im Prinzip ist das unwichtig. Wichtig ist die geschlechtliche Selbstwahrnehmung und die ist in höchstem Maße beeinflusst durch die Gesellschaft, in der man sozialisiert wurde.
In der Jugend ist die eigene Sexualität noch nicht unbedingt gefestigt. In gewissem Maß ist die eigene geschlechtige Wahrnehmung fremdreferentiell, insbesondere in der Adoleszenz. Die Identität als Mann wird in hegemonialen Diskursen innerhalb von gleichgeschlechtlichen Altersgenossen ausgehandelt und von andersgeschlechtlichen reflektiert. Die Frage also, wer du - als Mann - bist, ist nicht unbedingt festgelegt, sondern ist beeinflusst durch die Erziehung, gleichgeschlechtlichen Vorbildern, Altersgenossen und andersgeschlechtlichen Rezipienten deiner Identitätskonstruktion.
Durch bestimmte Ereignisse, Umstände oder auch Gedanken kann diese Konstruktion ins Wanken geraten und man fängt an zu zweifeln. Man fängt an seine eigene Sexualität zu überprüfen, schaut evtl. auf der Straße Männer an und fragt sich, ob man sie attraktiv findet, guckt sich Pornos an und überprüft die eigene Reaktion o.ä. .
Vielleicht hilft dir ja eine persönliche Erfahrung von mir.
Ich war damals auch 18 oder 19, jedenfalls ging ich noch zur Schule. Meine Freundin, mit der ich insgesamt 3,5 Jahre zusammen war, hat mit mir Schluss gemacht wegen einem anderen. Ich war damals naiv und dachte tatsächlich, dass ich diese Frau womöglich einmal heirate (zumindestens hat sie alles getan damit ich diesen Eindruck bekomme). Als sie Schluss machte, hätte eine Welt für mich zusammenbrechen müssen, dachte ich, aber das tat es nicht. In dem Moment, wo sie es mir sagte, stand ich auf, verabschiedete mich von ihr und ging. Ich war nicht traurig, aber irgendwie leer. In der darauffolgenden Zeit hatte ich absolut kein Interesse an Frauen, was mich verunsicherte, da ich immer Spaß an Frauen hatte. Ich lernte auch Frauen kennen, schlief sogar mit einigen, aber irgendwie war es uninteressant. Ich geriet ins Zweifeln und fragte mich, ob ich vielleicht homosexuell wäre. Es gab durchaus Männer, die ich "süß" fand und auch der Gedanke an Sex mit einem Mann schreckte mich nicht ab. Allerdings konnte ich mir nie vorstellen einen anderen Mann leidenschaftlich zu küssen. Dabei empfand ich einen Widerwillen. All diese Gedanken machten mir Sorgen.
An irgendeinem Tag schwänzte ich mit 'nem Kumpel die verbleibenden Kurse in der Schule, wir kauften Vodka und besoffen uns. Irgendwann gingen wir zu ihm und schauten 'nen Film. Ich weiß nicht mehr genau welchen, aber der Hauptdarsteller trug eine Glatze. Im Suff und gehyped von dem Film beschlossen wir uns auch eine Glatze zu rasieren. Er hatte sogar einen entsprechenden Aufsatz für den Rasierer zuhause. Ich stand vor dem Spiegel mit dem Rasierer, aber ich zögerte. Auf einmal fing mein Kumpel an mir Komplimente zu machen bzgl. meines Aussehens, dass mir eine Glatze sicher voll stehen würde, etc. . Letztlich haben wir uns nicht getraut und der Alkohol zollte seinen Tribut, so dass ich mich hinlegen musste, weil mir schlecht war. Er fing an mich richtig zu umsorgen, kochte mir Tee, zog mir ein zweites Paar Socken an, damit ich nicht friere und deckte mich zu. Es war irgendwie total surreal und fühlte sich irgendwie unangenehm intim an. Ich lag im Bett, dachte nach und irgendwann sagte ich zu ihm: "Ey Mann, ich bin schwul.". Er guckte mich an und fing an zu lachen. Ich versicherte ihm, dass ich es ernst meine und erzählte ihm auch von den Gedanken, die mich beschäftigen und davon, dass ich kein Interesse mehr an Frauen hätte und dass das doch seltsam sei.
Daraufhin sagte er, dass ich der männlichste Kerl bin, den er kenne und niemand glauben würde, dass ich schwul sei. Er hielt es dann für eine furchtbar gute Idee so gut wie jeden Typen aus unserem Freundeskreis anzurufen und ihnen zu erzählen, dass ich glaube schwul zu sein und zu fragen, ob sie das auch glauben. Ich meine, wir waren zwar wirklich, wirklich breit, aber das... naja. 20 Anrufe oder so später sagte er: "Siehst du, niemand hält dich für schwul.". Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie half das tatsächlich.
Das ist alles 10 Jahre her und übrig geblieben von der damaligen Phase ist nur diese peinliche Geschichte. Letztlich dauerte es auch danach noch eine Weile, bis ich wieder klar kam, aber irgendwann fühlte ich mich auch wieder wie ich. Mich hat damals einfach nur die Trennung mitgenommen und einige andere Umbrüche in meinem Leben.
Auch du hast ein ziemlichen Bruch in deinem Leben gehabt. Du musstest deine Karriere beenden, hast dich von deiner Freundin getrennt, lebst wieder hier in Deutschland... und kannst dir nicht erklären, wieso auf einmal du kein Interesse mehr an Frauen hast. Nur weil du beim Anblick oder bei dem Gedanken an Sex mit Männern nicht angewidert das Gesicht verziehst, wie es sicher einige Altersgenossen tun, heißt das nicht, dass du homosexuell bist. Der angewiderte Gesichtsausdruck ist das, was nicht normal ist.
Ich kann verstehen, dass du Angst hast, homosexuell zu sein, aber mach dir deswegen keinen Stress. Du findest schon wieder zu dir. Selbst wenn ein gewisses Interesse bleiben sollte, ist das nicht Verwerfliches und bedeutet auch nicht zwangsläufig, dass du irgendwann einen Drang verspürst etwas ausleben zu müssen.
Ich kenne Kerle aus meinem Jahrgang damals, die auf Parties auch schon mal mit 'nem Kerl geknutscht haben. Auch die sind nicht schwul und haben heute Frau und Kind.
Also, nichts ist schwarz-weiß im Leben. Entspann' dich und versuche erst einmal dich wieder im Leben zurecht zu finden, anstatt zu "testen", ob du auf Männer stehst. Auch heterosexuelle Männer können andere Männer attraktiv finden oder gar Sex mit ihnen haben (in der Schwulenporno-Szene gar nicht so selten, dass ein Darsteller heterosexuell ist, aber aus finanziellen Gründen eben solche Filme macht).
Es wird sich entwickeln, was sich entwickelt.
so long...