Ist doch Zeitverschwendung für alle.
Gesehen werden, anerkannt werden, die eigene Wahrnehmung bestätigt zu bekommen, ist ein Grundbedürfnis des Menschen und da, wo Täter leugnen, findet eine massive Grenzüberschreitung, eine schwere Verletzung statt. Das ist tägliche Gewalt, der man ausgesetzt ist. Eine ständige Retraumatisierung. Dem kann man sich nicht einfach entziehen, indem man so tut, als wäre es eine Zeitverschwendung, sich damit zu beschäftigen. Dafür muss man eine Lösung finden und die Gewalt auflösen. Sonst findet man keine Ruhe.
Liebe Hoppala,
ich komme wie du aus einer sehr angesehenen Familie. Meine Eltern mussten uns Kinder gar nicht als Lügner darstellen, das passierte schon in der Gemeinde. Wir haben so oft gehört, wie froh und dankbar wir doch sein müssten, in einer so tollen Familie aufwachsen zu dürfen. Es hat keinen interessiert, was sich da wirklich abgespielt hat.
Wie cucaracha schreibt, es wenigsten Menschen sind bereit, sich ihrem Leben zu stellen und sich mit dem auseinander zu setzen, was sie anderen angetan haben. Wie oft liest du allein schon in diesem Forum "selbst dran schuld, wenn du dich verletzt fühlst, das war ja nicht so gemeint". Kein "tut mir leid, dass du verletzt bist". Und das wäre nicht mal ein Schuldeingeständnis.
Du wirst von deinen Eltern nie das hören, was du zu hoffen hörst, was du eigentlich brauchst. Die Anerkennung deiner Person und dessen, was sie dir angetan haben, wäre ein so unendlicher Schmerz, dass sie sich dem nicht stellen können. Also überlassen sie es dir, diesen Schmerz zu durchleben.
Du bist stärker als sie. Du hast dich diesem Schmerz gestellt. Du gibst ihn nicht an deine Kinder weiter.
Mir hat es geholfen, letztendlich zu sehen, wie schwach meine Eltern waren, wie viel Leid sie selbst erlebt haben und dass sie dieses an uns Kinder weitergegeben haben. Sie haben viele Verletzungen erlitten und konnten sich dem Schmerz nicht stellen. Und diese Schwäche konnte ich ihnen irgendwann vergeben.
Wichtig ist, dass du dir darüber im Klaren bist, dass die Schuld nicht auf deiner Seite liegt. Du wurdest geschlagen und dafür gibt es keine Entschuldigung. Das kann man nicht in Frage stellen und so tun, als wäre etwas mit deiner Wahrnehmung nicht in Ordnung. Das ist Gewalt. Was sie dir jetzt antun, das ist Gewalt, emotionale Gewalt.
Weißt du, egal, was immer da stand. Dein Vater hatte die Möglichkeit, dich danach zu fragen und das Gespräch mit dir zu suchen. Stell dir vor, du wärst an seiner Stelle gewesen und es würde sich um eines deiner Kinder handeln. Würdest du durch die Gegend gehen, es als Lügner darstellen? Oder wärst du erschreckt, dass dein Kind bei der Polizei Missbrauch zu Protokoll gegeben hätte und würdest du nicht nachfragen, wie es dazu kommen konnte? So wie dein Vater reagiert hat, reagiert man, wenn man weiß, dass man Schuld hat.
Aber es ist eben immer einfacher, den Opfern die Schuld zu geben. Denen glaubt sowieso niemand.
Und dann kommen so viele Leute mit großen Worten und wie sie dir helfen. Aber eigentlich geht es auch da nur ums Ego. Wenn du da sagst, das oder jenes hilft mir nicht, wirst du abgestraft und als patzig bezeichnet. Mit der Hilfe kann nichts falsch sein. Nein, auf keinen Fall. Da muss man sich nicht selbst hinterfragen.
Schon an der Stelle findet ein Übergriff statt. Da werden schon Grenzen nicht wahrgenommen. Und da findet schon keine Einsicht statt. Wenn die Leute in so einer Situation schon nciht in der Lage sind, bei sich selbst zu schauen, dann brauchen wir doch von Menschen, die schlagen, die verbal übergriffig sind, erst recht nichts erwarten.
Es geht immer um die Eigenverantwortung.
Aber schau mal, wie viele Leute dazu nicht in der Lage sind.
Deine Familie kommt aus dem juristischen Bereich. Da geht es nicht um Gerechtigkeit. Da geht es um Gesetze, um Beweise, es geht darum, sein Recht durchzusetzen. Das tut dein Vater. Das tun deine Eltern. Es spielt keine Rolle, was passiert ist. Die haben die Macht. Sie bestimmen, was passiert ist. DAS ist das Rechtssystem in Deutschland.
Mir hat es sehr geholfen, diese Vorgänge zu verstehen und mich davon zu distanzieren. Die andere Seite als das zu sehen, was sie ist, nämlich im Unrecht. Das ist nicht okay, was da passiert und es ist nicht okay, was mit dir passiert.
Ich sage es noch mal. Würde heute eine Lehrerin deiner Kinder auf dich zukommen, dir sagen, eines deiner Kinder hätte behauptet, von dir misshandelt zu werden, wäre dein erster Gedanke nicht "was sagen die Nachbarn". Du würdest dir überlegen, was DU deinem Kind angetan hast, dass es diesen Eindruck hast. Und das ist normal. So reagieren Eltern.
Dass deine Eltern das nicht können, liegt daran, dass sie nicht stark genug sind, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Da bist du weiter.
Meine Eltern tun mir heute einfach leid. Im Grunde hatten sie ein kaltes, leeres Leben, ohne jede Chance auf Liebe. Das fand in ihrem Leben gar nicht statt. Und wenn man so im Mangel lebt, hat man nicht viel zu geben.
Vielleicht hilft dir der Gedanke ja auch.
Tuesday