Hallo,
ist jemand von Euch Lehrer und leidet unter Panikattacken? Ich bin seit 5 Jahren Lehrerin (Grundschule) und seit 3 Wochen krank geschrieben, weil mir ständig schwindelig ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es am Stress liegt. Was habt Ihr gemacht? Gibt es jemanden, der den Beruf gewechselt und jetzt keine Beschwerden mehr hat?
Hallo Kollegin,
gerade lese ich deinen Beitrag. Es tut mir leid, dass es dir nicht gut geht.
Vielleicht, und das wäre mein Wunsch, kann ich dir ein wenig helfen, habe ich doch bis zu meiner Pensionierung auch als Lehrer gearbeitet.
Was Du da beschreibst, denke ich, ist so selten nicht. Die psychosomatischen Beschwerden bei Lehrerinnen und Lehrern nehmen seit Jahren zu und die Frühpensionierungen ebenso.
Das gefällige Bild von Lehrerinnen und Lehrern, die da morgens zur Schule fahren, ein paar Stunden Kinder bespaßen, um dann relaxed nach Hause zu fahren, stimmt eben nicht.
Der Leistungsdruck auf Pädagogen nimmt ständig zu, und so ist es nicht selten, dass viele in unserem Beruf aussteigen, weil sie den Anforderungen unseres Berufes nicht mehr gewachsen sind, zumal dann, wenn eine Lehrerin, ein Lehrer ohnehin psychisch nicht so stabil ist, wie das in dem Beruf einfach vonnöten ist.
Ich bin seiner Zeit in der Mitte der 70iger Jahre auch in der Schule angetreten, sehr enthusiastisch, engagiert. Meine Voraussetzungen waren gut, um nicht zu sagen, sehr gut, hatte ich doch beide Examen mit Bravour abgelegt und glaubte schon, die Pädagogik neu erfunden zu haben.
Dann aber traf mich die Schulwirklichkeit. Meine Ausbildungsschule, an der ich meine Referendarzeit ableistete, lag in einem kleinen, recht beschaulichen Stadtteil. Viele Eltern waren Angestellte, Facharbeiter, Menschen mit Bodenhaftung und fast durchgehend intakten sozialen Verhältnissen.
Sie schickten mich dann jedoch, nach der Zweiten Staatsprüfung an eine Schule mit über 1000 jungen Menschen. Zusammen mit fast 20 anderen jungen Kolleginnen und Kollegen trat ich den dort an und wir füllten das Kollegium auf über 70 Mitglieder auf.
Das war der Praxisschock pur und hatte wenig mit den Situationen im Studienseminar und der Ausbildungsschule zu tun, zumal ich dann ja auch alleine vor der Klasse stand. Als dann noch private Probleme hinzukamen, zeigte mir mein Körper, das ich überfordert war.
Mit gerade einmal 30 zwang mich das zu einer Auszeit. Schon damals holte ich mir psychologische Hilfe und konnte mich auch wieder stabilisieren. Eine Gratwanderung jedoch blieb es. Gab es private Probleme, schlugen die auch auf meine dienstliche Belastungsfähigkeit durch, wie schulische Probleme mein Privatleben belasteten.
Im Laufe der Jahre übernahm ich mehrere Aufgaben, kümmerte mich um unser Schulprogramm, leitete eine Fachkonferenz, schrieb an unserem Schulprogramm, war verantwortlich für Referendare und...
Die Schule war und wurde mehr und mehr ein wichtiger Teil meines Lebens, bis zum Schluss.
Ich hätte gerne bis zum regulären Pensionsalter meinen Dienst versehen, was mein Körper und meine Psyche jedoch nicht mehr erlaubten, und so brach ich innerhalb kürzester Zeit zweimal in der Schule zusammen. Die körperlichen Symptome äußerten sich in einem Morbus Meniere. Alles drehte sich, ich musste mich übergeben, glaubte, das Ende sei gekommen.
Ich war 61, als ich aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand ging.
Der Abschied fiel mir sehr schwer, lebte ich doch schon seit etlichen Jahren allein und meine erwachsenen Kinder hatten ihre eigenen Wege gefunden.
Keine, keiner von ihnen aber wählte nach dem Abi und dem Studium den Lehrerberuf. Vaters Beispiel war ihnen da wohl eine Mahnung.
Obwohl ich gerne Lehrer war, mir am Ende auch die jungen Menschen und meine Kollegen wirklich fehlten, war mein Abschied zwingend.
Ich möchte dir raten: Lass die gesundheitlichen Probleme abklären. Dann aber überlege dir sehr genau, welche persönlichen Erwartungen Du für dich hast. Und vergiss nicht, dass sich in der Schule die gesellschaftlichen und sozialen Probleme wie in einem Brennglas spiegeln.
Viele Eltern ziehen sich aus der Erziehungsaufgabe zurück, demzufolge steigen die Erwartungen an Schule und Pädagogen. Sind die Eltern allerdings engagiert und sehen sie die Grundschüler schon auf dem Karriereweg, dann überhäufen sie die Pädagogenschaft mit allerlei Erwartungen und üben diesen Leistungsdruck nicht nur gegenüber ihren Kindern aus, sondern geben ihn auch direkt an die Pädagogen weiter.
Je sensibler Du bist, je weniger Du es schaffst, eine innere Distanz und eine gehörige Portion Selbstsorge zu entwickeln, umso stärker wird dich der Beruf belasten.
Kommen dann private Probleme hinzu, kann das unerträglich werden.
Wenn Du magst, frag nach. Ich gebe dir gerne weitere Hinweise.
Burbacher