[...], inzwischen ist dieser Nachbar gestorben, [...]
Dieser Satz brachte mir die Erinnerung an einer Situation als Jugendlicher, die hier sehr gut rein passt... Vielen Dank dafür.
In der Tat wohnte ich auch mal in einem Haus, wo es so eine nervige Nachbarin gab. Sie nutzte jede Gelegenheit zum labern und man sah sie immer am Fenster oder auf dem Balkon, meine Mutter wollte schon gar nicht mehr auf ihrem Balkon sitzen wegen der.
Auch mich hat sie natürlich genervt und nein, ich habe keine "klare" Ansage gemacht. Nach ein paar Tagen hatte erstmals das Geld für meine ersten "richtigen" Kopfhörer, nicht solche Billigohrstöpsel die bei jedem MP3 Player dabei waren. Die Gespräche reduzierten sich auf ein freundliches guten Morgen, schließlich hörte ich Musik. Wenn ich mal mitbekommen habe, wie sie über mir sprach hieß es immernoch, das ich ein lieber Junge sei... also scheint das ja gar nicht so schlecht rüber zu kommen, wie manch einer befürchtet.
Letzendlich zog ein neuer Nachbar ein, mit dessen Sohn ich mich ganz gut verstand. Auch dieser war genervt und fragte mehr als einer Person um Rat, weil er, wie der TE, der Dame das nicht ins Gesicht sagen konnte. Selbstverständlich habe ich ihm von meiner Situation erzählt, dummerweise gab es genug Leute, die ihm das ausgeredet haben. Also nahm er eines Tages all seinen Mut zusammen und hat ihr das gesagt. Sie war furchtbar eingeschnappt und beleidigt... selbstverständlich, wer hört gerne, dass er nervt?
Eine Woche später starb die Frau... der Junge, von dem ich hier sprach, hat sich Vorwürfe gemacht, weil er eine Mitschuld verspürte. Natürlich war er nicht schuld, das wusste jeder, er hat richtig gehandelt.... auch er wusste das. Dennoch war das Schuldgefühl da.
Warum war es das?
Weil er sich verhalten hat, was nicht seinem Charakter entspricht. Er hat nicht nach seinem Charakter gehandelt, sondern sich einreden lassen, was "richtig" ist.
Ich finde es traurig, dass manche Leute es für falsch finden, wenn ein Mensch eine alte Dame nicht beleidigen will und deswegen keine klare Ansage macht. Was hier anscheind einige für erbärmlich halten, halte ich für Anstand.
Damit will ich keineswegs sagen, dass eine klare Ansage falsch ist. Doch es gibt Momente, wo Aufrichtigkeit fehl am Platz ist. Und dieses klein reden einer Charaktereigenschaft, die ich weniger als Schwäche, vielmehr als Stärke bezeichnen würde, finde ich ziemlich beschissen. Ich würde den selben Tipp geben wie ihr, hätte der/die TE nicht explizit erwähnt, dass er/sie es nicht kann/will. Aber das ist nunmal nicht der Wunsch.
Und deswegen lieber/liebe TE: Handel so, wie du das für richtig hälst. Verstell dich nicht, denn das ist das eigentliche Erbärmliche. Wenn es nicht deine Art ist, einer alten Dame die Meinung zu geigen, die sie eventuell beleidigen könnte, dann lass das und such nach einer weniger guten Alternativlösung. Es ist immer falsch, an seinem Charakter vorbei zu handeln. Lass dir nicht einreden, dass sein Herz und Gefühl rein zu halten, erbärmlich ist. Das einzige Erbärmliche ist das Verstellen auf Rat eines Anderen. Und ganz wichtig: Projeziere diese Geschichte von mir nicht auf deine eigene Situation. Sie mag ähnlich klingen, aber dennoch ist das nicht gegeben, dass es dir passiert. Solltest du es für richtig halten, ihr die Meinung zu sagen, ist es genauso korrekt und richtig. Es ist nicht mein Ziel dich davor abzuhalten. Das Einzige, was mein Ziel ist, lass dir deinen Charakter nicht als schwach, unauthentisch und erbärmlich einreden. Das ist es nämlich nicht. Menschen, die so argumentieren sind meistens die Ersten, die sich über einen solch "authentischen" Menschen beschweren würden, weil dieser ihnen den Tag mit seiner Meinung versüßt hat
😉
LG
Surrender