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Nachtbuch

G

Gelöscht 119064

Gast
Violett ist keine Farbe
(Bericht eines ehemaligen Patienten einer Psychiatrischen Klinik)​

“Nicht alles war ja violett. Manchmal erinnerte er sich. Das heißt: das Erinnern gelang ihm. An Dinge, die schon weit zurücklagen. Und dabei rück-sah er, dass alles eher schwarz, jedenfalls dunkelgrau gewesen sein musste. Wie er da an der Tür stand und zitterte und jegliches Ansinnen mit unsteter Stimme ablehnte und fragte, was sie wohl denken würden, wenn sie ihn so sähen. Zu diesem Zeitpunkt schien nur ein mattes Licht durch das milchige Fensterglas der geschlossenen Küchentür, das die Schwärze der Diele grau erscheinen ließ. Lila war das nicht. Nichts war lila. Seine Farben hatten sich zurückgezogen, und er irrte hilflos in den Räumen umher, um sie zu suchen. Das Fernseh-Bild blieb immer zehn mal zehn Zentimeter groß, und wenngleich er niemals am nächsten Tage wusste, ob er dort etwas gesehen hatte, brauchte er es doch bis der Wein wirkte. Und es gab nur einen einzigen Gedanken: den an den Tod, - an dessen Wann, dessen Wie. Durch die Starre, diese totale Antriebshemmung, blieb er an seiner harten Unterlage kleben. Was ist schon ein Balkon-Stuhl. Etwas anderes passte nicht in die Ecke neben dem kleinen Heizkörper, der aus Kostengründen die Verantwortung für Wärme-Erzeugung übernehmen sollte. Leider schaffte er das nicht. Und so zog man viele Kleidungsstücke übereinander, denn es war Winter.

Die Thematik hätte eher ‚Angst’ heißen müssen. Angst davor, Entscheidungen treffen zu müssen, mit Leuten zu reden, den Hund zu versorgen – und vor allem, nichts über die Krankheit zu erfahren, die seine Seele, vielleicht auch seinen Geist, zerstört hatte. Er rief dann den Notarzt und hatte wiederum Angst, dass sie die Sirene anstellen würden und alle erführen, dass er noch lebe, wenn auch gefährdet. Der Notarzt schrieb etwas auf einen Zettel, das er erst Tage später las, weil sie außer einem zu hohen Puls („der ist zu hoch“) nichts gefunden hatten. Und sie wollten ihm Valium nicht spritzen; er solle sich Tabletten holen, was er nicht tat. Solche Drogen lösten den Kleber an seinem Balkonstuhl nicht. Auf dem Zettel stand: Patient hat Angst zu sterben. Und das stimmte natürlich nur vielleicht, aber wahrscheinlich nicht. Na ja - sie hätten auch den Hund mitnehmen müssen, daher verlegten sie alles in die Verantwortung anderer.

Weil er geschworen hatte, alles aufzuschreiben und dabei sich und vor allem die Beteiligten nicht zu schonen, musste er den ganzen Leidensweg noch einmal gehen. Wie sie ihm keine klar definierte Diagnose sagten und auch keine auf die Rechnung schrieben, aus der man hätte etwas entnehmen können. Es war eine lange, lange Diagnose, in die sie Wörter der Symptome stopften, um sich wieder einmal zu brüsten mit „einem Fall von“. Draußen sagten Ärzte, sie hätten das alles auch oder jedenfalls viele Menschen in diesem Alter, und er versuchte zu ergründen, ob sie derart blödsinnig redeten, weil sie tatsächlich in dieser Art krank waren oder weil sie sich aus der Angelegenheit heraushalten wollten. Er kaufte sich Bücher, die ihn aber auch nicht aufklärten. Dann zwang er sich, den Eintritt ins Internet zu schaffen. Ein Jahr später wusste er, woran er litt und wurde nun ruhiger. Die Kräuterfrau hatte sich seine Handfläche angesehen und gesagt, dass er – im Gegensatz zu allen anderen ringsherum – nicht sehr alt werden würde. Jetzt bestätigte sich diese Voraussage. Was ihn dabei beruhigte: er musste nur noch sein Feld bestellen – und konnte dann die letzten Tage, Wochen, Jahre genießen.

So erfuhr er von den kleinen Löchern in der Hirnsubstanz, - von Verschmälerungen, kalkweißen Veränderungen und abzuklärenden „Pünktchen“, die es in der Medizin gar nicht gibt. Sie versuchten, ihre Fachausdrücke für ihn Hirn-Hälftigen einzudeutschen und scheiterten dabei an ihrer Unfähigkeit zu verbaler Vielfalt. Sie malten kleine Pfeile in das, was sie meinten, und trafen dabei sein linkes Auge, das er sich nach seiner Flucht operieren lassen musste. Die Krankenkasse bezahlte diese Unachtsamkeit, warnte aber vor dem dritten Auge. Damit meinten sie wohl die ‚innere Einsicht’.

Ihm war das alles gleichgültig. Er würde sich schriftlich rächen und fortan mit einem jeden einen anti-psychologischen Krieg führen.”
 
G

Gelöscht 119064

Gast

zur Lage

Wir hier - ich bitte um Aufmerksamkeit -
hatten zuletzt eine arg üble Zeit.
Hitze und schwere Gewitter, die trafen ................
Ich konnte nur noch im Kühlschrank schlafen.

Das kalte Wasser gab‘s nur noch in heiß.
Die Leitungen glühten am Rand.
Man hat sich ständig die Hände verbrannt.
Eine elender Haut-Verschleiß.

Die Hunde hörten auf zu bellen
und wünschten, sie hätten kein Fell.
Das Flachdach oben schlug flache Wellen.
Die Sonne war da eben zu grell.
Die Eier kochten sich von allein
auf einem Tablett - als sollt‘ das so sein.
Die Heizkörper - natürlich weggedrückt -
wärmten dennoch jetzt wie verrückt -
sie fühlten sich an wie Eisen beim Bügeln
und wollten die Hitze einfach nicht zügeln.

Die Fußböden versanken in Mengen von Wasser,
durch Eiswürfelschmelze wurden sie immer nasser.
Die Fensterscheiben - man durfte nicht kratzen -
drohten vor Hitze noch heute zu platzen. -
Kühlbeutel - wer mag sie nicht oftmals missen -
waren jetzt kabellos nutzbare Heiz(-mich-)Kissen.

Die Wäsche brauchte man nicht mehr zu waschen:
sie schwitzte den Schmutz sich selbst hinaus.
Und das Futter von Jacken- und Hosentaschen
stülpte sich selbst zum Kühlen nach drauß.

Nebenan mochte man letzthin nicht sein:
den Leuten dort schlugen Blitze ein.
Die Feuerwehr löschte mit heißem Wasser.
Aber das Feuer blieb. Es wurde nur nasser.

Die Leute gingen halbnackt spazieren.
Das könnte zu Polizei-Einsatz führen.
Doch nutzlos darüber war ein Alarm:
der Polizei war‘s für‘n Einsatz zu warm.

Tabletten, die ich schlucken musste,
die sind nun nur noch hohle Kruste.
Da ist jetzt gar kein Wirkstoff drin -,
weshalb ich auch so kränklich bin.


Ein Zustand das - noch nie gekannt.
Noch heute ist man ausgebrannt.
 
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Gelöscht 119064

Gast
Heute hat mein 8 Jahre jüngerer Bruder - mein Lieblingsbruder - Geburtstag.

Mit ihm zusammen habe ich einst die schönste Reise meines Lebens gemacht: per Auto vom Ruhrgebiet aus die ganze Dalmatinische Küste im ehemaligen Jugoslawien entlang bis zur albanischen Grenze - einschließlich einiger Abstecher ins Binnenland.

Vor Jahren haben wir uns wegen einer Nichtigkeit gestritten. Nur kurz. Dennoch sind die Kontakte abgebrochen.

Im Vorjahr habe ich an seinem Geburtstag einen Versuch „Versöhnung“ gemacht. Erfolglos.
In einer wortarmen re-mail wurde ich mit „Hallo“ angeredet.
Ich wünschte ihm noch einmal „Alles Gute - Deine Schwester“.
Dann habe ich aufgegeben.

***
Heute bin ich besonders traurig. .......... 😢😢😢
 

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