Kannja
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Mirtazapin ist ein Antidepressivum mit sedierender, schlafanstoßender Wirkung, das Abends eingenommen wird um zur Ruhe zu kommen, wenn die durch die Depression eine Schlafstörung besteht.
Daneben gibt es aber auch andere Wirkstoffe, die ehe aktivierend, antriebssteigernd wirken. Welcher davon notwendig ist oder ob zB eine Kombination aus beiden Wirkprinzipien bei dir sinnvoll ist, also ein Medikament für die Nacht zum Schlafen, eins für den Tag um genug Energie zu haben, kann nur ein erfahrener Arzt entscheiden. Dafür solltest du zum Psychiater gehen. Mirtazapin ist allerdings dafür bekannt, zu extremen Gewichtszunahmen zu führen - da du damit ein Problem hast, wird ein guter, erfahrener Arzt dir sicherlich einen anderen Wirkstoff heraus suchen. Nicht jeder Wirkstoff sorgt dafür, dass du an Gewicht zulegst! Generell kann man eh nicht sagen, dass jede Patient von einem Medikament jede Nebenwirkung haben wird, es nimmt auch nicht jeder von Mirtazapin zu. Aber eben so viele, dass das in deinem Fall wohl kaum das Mittel der Wahl sein kann.
Daneben muss man beachten, dass Nebenwirkungen wie Unruhe, Müdigkeit, Übelkeit, Schwindel, Kreislaufprobleme, Schlafstörungen etc hauptsächlich in den ersten zwei Wochen vorkommen und dann abklingen und ganz verschwinden. Dass ein Antidepressivum zu Anfang gar keine Nebenwirkungen hat, ist sehr selten. Das sagt aber noch nichts darüber, ob es auf Dauer auch Nebenwirkungen haben wird uns man muss es einfach aushalten/abwarten, wenn das geht.
Ich selbst habe jetzt das 6. Antidepressivum verschrieben bekommen. Zwei habe ich jeweils für zwei Monate genommen und dann gemeinsam mit meinem Arzt beschlossen, dass die dauerhaften Nebenwirkungen zu stark sind bzw der eintretende hilfreiche Effekt nicht ausreichend ist um die Nebenwirkungen zu tolerieren. Drei habe ich schon nach wenigen Tagen abgesetzt, da die Nebenwirkungen zu stark waren um sie für eine Weile auszuhalten. Auch das habe ich jeweils gemeinsam mit meinem Arzt beschlossen. Ich gehe nicht zum Psychiater dafür, sondern habe einen sehr, sehr guten Hausarzt, der sich gut mit Antidepressiva auskennt und sich drauf eingelassen hat, vorsichtig mit mir auszuprobieren, welches Medikament helfen könnte. Da wir in langen Gesprächen festgestellt haben, dass Schlaf nicht mein Problem ist, sondern Energie und Antrieb, war Mirtazapin bei mir zB nie im Gespräch. Nachdem wir beim ersten Versuch, Citalopram, gemerkt haben, dass ich sehr, sehr empfindlich auf das Medikament reagiert habe, hat er mir beim zweiten Versuch schon nicht mehr die Standard-Einstiegsdosis verordnet, sondern für die erste Woche nur die Hälfte der üblichen Anfangsdosis angesetzt um zu verhindern, dass es wieder zu unkontrollierbaren Nebenwirkungen kommt.
Ich weiß von meinem Freund, dass jeder gute Psychiater genau so vorgeht, darum bleibe ich bei meinem Hausarzt. Die Diagnose Depression (und in meinem Fall noch mehr Diagnosen) wurden aber nicht von ihm gestellt sondern an der Uniklinik in der psychiatrischen Ambulanz, um eines sichere Grundlage für die medikamentöse Therapie zu haben.
Das ging so aber nur, weil ich meinen Hausarzt vorher schon sehr lange kannte und wusste, dass er mir niemals Antidepressiva anbieten würde, wenn er sich nicht sicher wäre, dass er sich gut genug damit auskennt und weil ich ihm schon sehr vertraut habe - und weil die Uniklinik nur die Diagnostik machen konnte, aber keine ambulante Behandlung machen würde und es hier zu wenig Psychiater gibt. Mein Hausarzt meinte halt von Anfang an, dass ich wenn dann jemanden bräuchte wo ich auch kurzfristig wegen Problemen mit dem Medikamenten hingehen kann,weil ich schon bei anderen Medikamenten immer ganz komisch reagiert habe... und das gibt es hier halt nur ganz selten. Mein Freund hat als Privatpatient fünf mal den Psychiater gewechselt bis er bei einem Privatarzt war, mit dem er jetzt zufrieden ist. Alle fünf davor haben sich nicht mal für ihn genug Zeit genommen und ich bin GKV-Patientin, das muss ich also nicht probieren. Aber wenn du keinen guten Hausarzt hast, solltest du echt mal zum Psychiater gehen. Guck am Besten nach Bewertungen im Internet bevor du zu irgendjemandem gehst.
Dass ein Hausarzt, der dich nicht gut kennt, dir nichts für einen Antrag schreibt, ist zwar doof, aber auch irgendwie verständlic. Hausärzte sind nicht so gut darin, nach kurzer Zeit psychische Probleme beurteilen zu können und haben da keine Erfahrung und können das darum gar nicht sinnvoll machen wenn sie dich nicht gut kennen. Ein Psychiater kann das. Ich bekomme jetzt sowas von meinem Hausarzt geschrieben, aber der kennt ich halt schon echt eeeewig.
Hey, auch an Dich herzlichen Dank, grade auch für Deine echte lange Antwort und Deine ausführlichen Erfahrungen - das ist sehr hilfreich für mich.
Ein antriebssteigerndes Medikament wäre mir ehrlich gesagt auch sehr viel lieber... denn ich komme mit meinem Alltag kaum noch zurecht, so müde, schlapp und antriebslos wie ich mich permanent fühle. Das nicht richtig schlafen können verstärkt das natürlich noch, ist aber sicher nicht alleinige Ursache für meine permanente Abgeschlagenheit.
Du hast bestimmt Recht damit, dass ein Arzt der mich noch nicht so lange kennt sich schwerer mit der Behandlung und Diagnose tun muss. Und auch damit, dass ein Psychiater die schlauere Wahl wäre. Aber ich kann ja JETZT nicht mehr weiter... es ist nicht nur die ohnehin schon vorhandene Depression, die nicht verarbeitete Trauer und all das was vorher so schief lief in meinem Leben... sondern ich habe ja zudem auch einen sehr heftigen (ausbeuterischen...) Job mit enorm hohen, kaum zu bewältigenden Anforderungen. In den letzten Monaten habe ich leider gemerkt wie mich grade diese Arbeitsbedingungen kränker und kränker machten... ich hab ewig versucht trotzdem durchzuhalten, hab gekämpft und nur gestrampelt... meine Pflichten aufgeben wollte ich nicht. Doch jetzt geht es wirklich nicht mehr. Ich komme mit meinem Leben nicht mehr klar und stehe direkt vor dem völligen Zusammenbruch. Wenn ich also jetzt nicht von diesem rasenden Zug abspringe, sondern so wie bisher weitermache und erstmal bis August auf einen Psychiater-Termin warte... wo wird das enden?
Ich dachte eigentlich, dass grade dafür die Kliniken gedacht wären: Menschen die JETZT nicht mehr können und am Ende sind aufzufangen? Oder bekomme ich echt erst dann Hilfe wenn ich unmittelbar vor einem Selbstmordversuch stehe oder eine Gefahr für mich und andere darstelle? Dann wäre es doch eigentlich schon zu spät... 😕:wein: