Lieber Direxx
Methadon wurde ja wegen eines bestimmten Grundes verschrieben. Es soll anderweitigen Drogenkonsum mit seinen negativen Folgen überflüssig machen. Die Idee ist, dass die Patienten erst aus ihrem Drogenumfeld herauskommen und sich wieder integriert haben, bevor das Methadon abgesetzt wird.
Häufiger Trugschluss: Ohne Methadon wäre alles vorbei, es ist im Grunde das Methadon, dass alle Probleme bereitet.
15 mg sind übrigens keineswegs viel. Von hohen Dosierung spricht man bei 100mg oder 150mg. Oft sind diese wenigen mg eine entscheidende Grenze zwischen Drogenabstinenz und erneutem Absturz. Auch drei Jahre erscheinen mir, was Methadon angeht, keine übertrieben lange Zeit. Wie viele Jahre z.B. warst du politoxikoman? Wenn du schon einigermassen integriert bist, das ist für jeden einzelnen Tag ein toller Erfolg. Nach einem verfrühten Absetzen des Methadons wieder das Reissen bekommen und wieder eine neue Runde drehen mit Absturz, sich schämen, sich nicht mehr melden, weiter abstürzen, weiter überall rausfallen, etc. finde ich doch die Unannehmlichkeiten einer so mässigen Tagesdosis wert.
Was ich vom neuesten Forschungsstand weiss, hast du eher einen fortschrittlichen Arzt, der nicht in die selbe Falle "kein Methadon = Ziel erreicht" getappt ist. Gerade weil du noch Sorgepflichten wahrnehmen kannst, ist das doch auch eine Verantwortlichkeit, die der Arzt hat. Was man aber auch herausgefunden hat: Zwischenstadien sind für Menschen psychisch schlecht zu ertragen, einfacher ist, zu wissen: Ich bin auf Absturz oder ich bin clean, aber dieses dazwischen mit Methadon, dieses halbe, nur auf dem Weg zu etwas keineswegs gesichertem zu sein und dann ists auch noch unangenehm, das ertragen viele schlecht.
Um den Entzug von Methadon an sich würde ich mir keine Sorgen machen.
Schlimmer als ein Methadonentzug ist doch wohl: Ein verfrühter Methadonentzug, später nochmals ein Heroinentzug oder was dann der Absturz gerade mit sich brachte, vielleicht dann nochmals ein Teilentzug von irgendwas und dann ein erneuter Methadonentzug! ;-)
Was ich viel dringender in deinen Schilderungen finde, ist die Behandlung deiner depressiven Symptomatik, die scheint ja nicht ohne und wie gesagt, lässt sich behandeln. Depressiv erscheint alles sinnlos und das ist vermutlich jetzt das eigentliche Problem, dass es dir jetzt sinnlos erscheint. Darüber würde ich mal mit dem Arzt sprechen. Das Problem sollte dort, wo du im Methadonprogramm bist, angegangen werden können - aber wissen müssten sie's natürlich zuerst von dir. Ich finde, das sagt der Arzt ganz richtig, wenn es dir so geht wie jetzt, stehen andere Probleme an als der Methadonentzug!
Direxx, du hast schon so viel geschafft, du kannst stolz auf dich sein! Durchhängen ist verständlich. Deswegen nicht alles abbrechen. Akzeptier, dass du zurzeit dir gegenüber sehr fordernd und auch ungerecht bist und dich unter Druck setzt, aber lass es dann auch wieder los. Ich hab noch nie einen Freund gefunden, wenn ich "unbedingt auf der Stelle" einen brauchte, das ist eher ein gutes Mittel, um allein zu bleiben. Ich glaube deshalb, auch eine Freundin findest du erst dann, wenn du nicht mehr so besessen von dem Gedanken bist, auch wenn das dir kaum ein Trost ist.
Trotz meiner guten Ratschläge: Du machst zurzeit echt einen durch, das würde mich auch fertig machen.
Liebe Grüsse, sellerie