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Mit wenig Intelligenz studieren?

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Hallo,

ich bin nun im 4. Semester und grundsätzlich macht mir das Studieren auch Spaß. Ich besuche Vorlesungen und Seminare recht gerne und arbeite eigentlich die größte Zeit des Tages fürs Studium. Ich beschäftige mich gerne mit wissenschaftlichen Themen und recherchiere gerne für Referate und Hausarbeiten. Ich würde jedoch nicht behaupten, dass mich mein Fach inhaltlich begeistert. Es ist mehr das Studieren oder das "Student-sein" an sich, was mir Freude bereitet.

Mein eigentliches Problem ist, dass ich erstens wenig intelligent bin und zusätzlich auch noch ziemlich einfach gestrickt. Oft sitze ich in den Seminaren und hab keine Ahnung, worum es gerade geht. Wenn andere diskutieren weiß ich manchmal nichtmal worüber. Ich habe eine sehr langsame Auffassungsgabe und mache häufig Denkfehler. Denken allgemein liegt mir nicht so sehr. Sobald es etwas komplizierter wird, steige ich normalerweise aus. Außerhalb meines Studiums beschäftige ich mich nur mit primitiven Dingen. Das war früher anders, als ich bspw. noch viel Zeitung gelesen habe, aber seit dem Studium fühle ich mich noch mehr verblödet.

Ich glaube, dass ich im Studium damit noch einigermaßen durchkomme. Meine Noten sind zwar unterer Durchschnitt, aber bislang habe ich alles bestanden und es besteht durchaus noch Steigerungspotenzial. Ich befürchte nur, dass ich im Beruf später große Probleme bekommen werde. Gerade in meinem Fach ist es wichtig einen Master zu machen. Und ich kann mir schwer vorstellen, dass ich Tätigkeiten ausüben kann, die den Anforderungen an einen Masterabsolventen entsprechen. Kritisches Denken, Eigeninitiative, systematisches Arbeiten sind alles Attribute, die mir fern liegen.

Dass ich ein Mann bin macht die Sache nicht einfacher. Durchsetzungsfähigkeiten, selbstbewusstes Auftreten und soziale Kompetenzen habe ich ebenso nicht.

Ich denke, dass man durchaus mit unterdurchschnittlicher Intelligenz ein Studium erfolgreich absolvieren kann und auch später eine adäquate Beschäftigung finden kann. Dafür braucht es aber - neben den üblichen Faktoren - wohl zwei Dinge: Erstens ein echtes und starkes Interesse am Fach und zweitens einen übermäßigen Einsatz (Ok, das braucht man eigentlich beides immer, aber in diesem Fall eben noch mehr). Leider ist bei mir weder das eine noch das andere vorhanden. Im Moment bin ich wirklich fleißig, aber zwischendurch habe ich teilweise sehr wenig gemacht, weil ich auch schon kurz davor war das Studium abzubrechen.

Eine Möglichkeit die ich sehe, mit meinem Studium noch erfolgreich zu werden, ist Spezialist in den Methoden meines Faches zu werden. Es gibt in meinem Fach Computerprogramme, für deren Anwendung es nicht unbedingt besonders viel Hirnschmalz braucht. Durch viel Übung - auch außerhalb des Studiums - könnte ich mir hier einiges aneignen. Das Problem ist, dass ich mit den Programmen bislang ziemlich schlecht zurechtkommen. Habe ein Seminar nur durch die Hilfe einer Kommilitonin bestanden. Da müsste ich also einiges nachholen.

Nun ist es so, dass ich mich während meines Studiums wegen der Zweifel an meiner Studierfähigkeit auch für Ausbildungen beworben habe und nun tatsächlich einen Ausbildungsplatz beim Staat bekommen habe. Nur habe ich eigentlich nicht wirklich Lust darauf. Diese Ausbildung kommt den Inhalten des Studiums ziemlich nah und ist auch für Gymnasiasten gedacht. Aber ich habe das Gefühl, dass mein Leben vorbei wäre, wenn ich jetzt eine Ausbildung beginnen würde und die freien Gestaltungsmöglichkeiten des Studentenlebens aufgeben würde. Außerdem würde ich damit meine Träume aus meiner Jugend aufgeben, ohne wirklich vollends gescheitert zu sein.

Eigentlich würde ich lieber weiterstudieren, aber ich muss bedenken, dass das schöne Studium nur wenige Jahre dauert und das Berufsleben mehrere Jahrzehnte. Vielleicht ist es also an der Zeit erwachsen zu werden, das Studium zu beenden und etwas Vernünftiges zu machen. Aber Lust darauf habe ich (noch) nicht wirklich.

So, das war mal wieder länger als gewollt.

Was meint ihr? Kann man als "dümmerer" Mensch einen akademischen Beruf ausüben? Und was würdet ihr mir raten?

Vielen Dank schon mal fürs Lesen und für eventuelle Antworten.
 
Du hast nicht gesagt, was du studierst, daher kann man dir nicht so gut antworten.

Aber lass dir gesagt sein, im Job machst du auch als Akademiker nicht dauernd so komplizierte Sachen wie im Studium. Egal, was du machst: Manches wird Routine sein, du wirst nur einen kleinen Teil der Dinge, die du im Studium gelernt hast, wirklich brauchen, und den Rest von dem, was du im Job brauchst, wirst im Job das erlernen.

Deine Intelligenz brauchst du also jetzt im Studium, aber wenn du das geschafft hast (und du klingst danach, dass du es wohl hinbekommst), dann wirst du kein Intelligenzproblem mehr haben oder zumindest viel weniger als im Studium.

Das spricht für durchhalten.

Andererseits, eine Ausbildung beim Staat klingt nach einem sicheren Job, und ich weiß ja nicht, was du studierst und welche Jobchancen du mit dem Studium später mal hast.
 
Mein Rat: Studiere auf jeden Fall zuende: Also mindestens bis zum Bachelor.
Dann kannst Du immernoch eine Ausbildung machen. Es schaut einfach nicht gut aus, wenn man ein Studium abbricht. Dann lieber einigermaßen gut zuende bringen. Danach wirst Du schon sehen, ob Du nen Master schaffst, oder gleich nen Job findest, oder eben ne Ausbildung. Aber beiß Dich da jetzt erstmal durch. Du bist noch sehr jung (vermutlich gerade 20, oder?) Da tut sich noch ne Menge: Der Knoten platzt vielleicht und du fängst noch Feuer für Dein Fach (immerhin magt Du es ja doch ganz gern, oder?). Mit der Zeit kriegt man es auch einfach raus, wie man sich richtig durchbeißt. Oder man merkt eben, was das etwas anderes besser zu einem passt. Alles möglich: Aber bringt das was Du jetzt machst zuende: Dann siehst Du sicher, wie es weitergeht!
 
Es gibt Intelligenz und Fachintelligenz.
Viele Studenten besitzen nur eine Fachintelligenz und diese kann man sich erarbeiten - was Du ja bereits tust.
Es mag sein, das es Dir schwerer fällt, aber letztendlich zählt das Ergebniss und nicht der Weg.
 
Mein eigentliches Problem ist, dass ich erstens wenig intelligent bin und zusätzlich auch noch ziemlich einfach gestrickt.

Ich dachte eigentlich immer, "einfach gestrickt" sei ein anderer Ausdruck für "wenig intelligent". Vor kurzem hat aber auch jemand hier im Forum den Begriff verwendet im Sinne von "unkompliziert im Umgang". Nun bin ich verwirrt und frage in die Runde: Was ist richtig?

Du machst übrigens auf mich einen (sehr) intelligenten Eindruck. Korrekte Rechtschreibung, anschauliche und kompakte Darstellung, sehr selbst-reflektiert.

Oft sitze ich in den Seminaren und hab keine Ahnung, worum es gerade geht. Wenn andere diskutieren weiß ich manchmal nichtmal worüber. Ich habe eine sehr langsame Auffassungsgabe und mache häufig Denkfehler. Denken allgemein liegt mir nicht so sehr. Sobald es etwas komplizierter wird, steige ich normalerweise aus.


Eine langsame Auffassungsgabe und bei Diskussionen nicht mitzukommen, heißt ja noch nicht, dass du die Gedankengänge nicht in Ruhe nachvollziehen könntest. Es gibt Menschen, die können Dinge sehr gut begreifen, wenn sie sie mit viel Zeit in Büchern lesen, aber schlecht im Gespräch und unter Zeitdruck. Dann wäre auch so ein Job für dich besser.

Kritisches Denken, Eigeninitiative, systematisches Arbeiten sind alles Attribute, die mir fern liegen.
(...)
Durchsetzungsfähigkeiten, selbstbewusstes Auftreten und soziale Kompetenzen habe ich ebenso nicht.

Ein Teil davon lässt sich trainieren bzw. erlangst du mit dem Älterwerden. Ein Studium ist ja auch dazu da, einige dieser Fähigkeiten zu lernen oder zu üben.

Ich weiß nicht, wie das heute ist. Ist man im 4. Semester noch im Grundstudium? So richtig los mit dem eigentlichen Fach ging es bei uns früher erst mit dem 5. Semester, vorher waren das v.a. Hilfsfächer. So oder so, ich denke auch, dass der "Durchbruch" bei dir noch kommen kann.

Was meint ihr? Kann man als "dümmerer" Mensch einen akademischen Beruf ausüben?

Nach meinen Erfahrungen mit vielen Ärzten würde ich definitiv sagen: Ja! Die Frage ist aber auch, wie gut man den Beruf ausüben kann. Man soll ja sein Potenzial ausschöpfen, aber nicht nach dem Peter-Prinzip (also bis genau an den Punkt, an dem man überfordert ist).

Den idealen Rat gibt es nicht, weil keiner weiß, was die Zunkunft für dich bringt. Aber beim Lesen deines Beitrags hab ich immer dazu geneigt zu sagen, studier weiter. Weil es das ist, was du eigentlich willst. Du wirst sowieso nie so recht wissen, wie es auf dem nicht-gewählten Weg gewesen wäre, aber wenn du die Ausbildung machst und innerlich nicht damit zufrieden bist, wird immer das Gefühl bleiben, eine Chance verpasst zu haben.

Ein Job beim Staat ist natürlich eine sichere Sache, und wenn du in ein paar Jahren mit deinem Uni-Abschluss keine Stelle finden solltest, dann wirst du meinen Rat vielleicht verfluchen. Es wäre auch noch interessant, wie die Job-Aussichten in deinem Fach überhaupt sind, wieviel du verdienen und welche Tätigkeit du ausüben würdest im Vergleich zu dem staatlichen Beruf. Und ob diese Ausbildung eine einmalige Gelegenheit ist. Aber ich würde mich für diese Ausbildung nur entscheiden, wenn du wirklich innerlich davon überzeugt bist, wenn es dir nach Abwägung aller Fakten klar als die bessere Alternative vorkommt. So dass du den Schritt mit vielleicht ein wenig Wehmut, aber einer klaren Überzeugung tun kannst.

Umgekehrt aber auch: Wenn du den Eindruck hast, das Studium nur mit so viel Einsatz schaffen zu können, dass du nichts mehr vom Leben hast, oder dass dir der Preis einfach zu hoch ist, dann zieh auch daraus die Konsequenzen.

Ich bin übrigens zuversichtlich, dass du auch mit dem Studium einen Weg für dich finden wirst, so vorausschauend, wie du jetzt schon über eine Spezialisierung innerhalb deines Fachs nachdenkst, um deine Jobchancen zu erhöhen. Halte die Augen weiter offen und besetze aktiv eine passende Nische. So anschaulich, wie du schreibst, könnte ich mir vorstellen, dass du dafür geeignet wärst, Fachwissen zu transportieren. Vielleicht nicht als Journalist, weil das wahrscheinlich wieder die erwähnten Fähigkeiten verlangt, aber vielleicht als Autor oder Lehrer/Trainer/Ausbilder?

Viel Glück.
 
Der Sohn meiner Freundin ist Legasteniker, er hat seine Mittlere Reife mit Hilfe machen können. Auf antrag mündliche Prüfung.
Er hat angefangen irgendwie Computer Elektronik zu Studieren....nur hat er bis Nachts gelernt, keine Freie Minute mehr....
Bei einem Praktikum wurde ihm eine Lehrstelle angeboten als Elektriker, diese hat er nach einer Überlegung angenommen. Jetzt ist er ein Fröhlicher junger Mann, mit freizeit, hat die Ausbildung 1 Jahr abkürzen können.
Er will sich ohne druck nebenbei weiterbilden....auch so geht es
 
VIELEN Dank für eure interessanten und teils sehr ausführlichen Antworten!

Ich dachte eigentlich immer, "einfach gestrickt" sei ein anderer Ausdruck für "wenig intelligent". Vor kurzem hat aber auch jemand hier im Forum den Begriff verwendet im Sinne von "unkompliziert im Umgang". Nun bin ich verwirrt und frage in die Runde: Was ist richtig?

Mit einfach gestrickt meinte ich sowas wie "ein schlichtes Gemüt haben", sich nicht viele Gedanken über die Welt machen, bei komplexeren Themen nicht mitreden können, etc. Also für mich eher das Gegenteil von "intellektuell" als von "intelligent".

Ich bin mir immer noch nicht sicher und habe mir nun eine Deadline gesetzt, bis zu der ich mich entschieden haben will; auch aus Fairness dem Ausbilder gegenüber. Bis dahin will ich nochmal in mich gehen und mir dabei bestimmt nochmal einige Beiträge hier im Forum durch den Kopf gehen lassen; und währenddessen fleißig weiterstudieren.
 
Eine Menge Leute "gehen" heute "studieren" und sind nicht gerade Einsteins Enkel. Macht nix. Studium ist heute nicht mehr, was es vor 25 Jahren war.

Und deshalb kann es sein, dass zuviele Absolventen auf den Markt drängen in ein paar Jahren und stattdessen "Gesellen" fehlen. Das sollte man mit berücksichtigen bei solchen Entscheidungen: Wie sieht der Markt in ein paar Jahren aus.
 

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