Ich habe damals mit Musterdepots rumprobiert. Kostet halt kein Geld und man kann alle seine Strategien ausprobieren. Anschließend habe ich für 100 € gehebelt Papiere für 1000 € gekauft. Das Geld war nach nem Tag weg und ich wusste, dass es nix für mich ist.
Als jemand der voll berufstätig ist ging die Problematik damit los, WANN ich trade. Ja, abends nach der Arbeit, aber das machte mir im Musterdepot nur ein paar Wochen lang Spass und auch nur solange die Gewinne liefen. Ich habe für mich festgestellt, dass ich Verluste aussitzen kann (beim passiven Investieren), aber dass mir die Resilienz fehlt aktiv weiter zu traden wenn die letzten Tage schlecht waren.
Die meisten Anleger reden über Strategien, aber die Meisten scheitern in meinen Augen aus emotionalen Gründen. Angst, Gier, Nerven, Launen... Es gibt Gründe warum viele Menschen Börse als Kasino bezeichnen und neidisch gegenüber erfolgreichen Anlegern sind, denn ihnen selbst fehlen die Nerven das mit zu machen. Aktionäre tragen das wirtschaftliche Risiko und sind existenziell für das Funktionieren unserer Wirtschaft.
Gleichzeitig mahne ich jeden, der irgendwas an der Börse machen will, vor sich selber. In der Theorie legt man sich Pläne zurecht, in der Praxis kommen aber dann die Emotionen ins Spiel. Nach dem ich viele Bücher über erfolgreiche Anleger gelesen habe, stelle ich fest, dass diese oft sehr ungewöhnliche Charakterzüge haben, etwa Micheal Burry, der angibt das Asperger-Syndrom, also ein Autismus Spektrum, zu haben. Analytischen Fähigkeiten, stundenlang komplexe Unterlagen zu studieren und sich dann emotionslos ans Trading zu setzen, dürften die wenigsten normalen Menschen besitzen.
Ich merke auch an mir selber solche fast autistischen Züge, dass ich mich über Tage und Wochen in ein Fachthema vertiefen kann, egal wie komplex es ist. Das habe ich seit meiner Kindheit als ich im Kindergarten von anderen Kindern schon den Spitznamen "Professor" bekam, weil ich die Was-Ist-Was-Bücher verschlang und etwa die absurdesten Details über Dinosaurier kannte. Ich merke es auch heute beruflich wenn ich eine SQL Datenbank erstellt habe, die so weit über das Erwartungsmaß hinausgeht, dass meine Vorgesetzten sich bei der Präsentation nur fragend anschauen und dann aus der Runde die humorvolle Bemerkung kommt "Prima, dann können wir ja jetzt die Hälfte der Kollegen einsparen".
Dieser "Überfokus" in meinem Leben kam aber immer zu einem Preis, etwa meiner mangelnden Kontaktfähigkeit oder mäßigen Wahrnehmung sozialer Konventionen. Was ich damit sagen will: Es gibt Menschen, die nicht die emotionale Fähigkeit zum Trading haben und andere Menschen, die zwar die Fähigkeit haben, denen es aber nicht unbedingt gut tut intensiv zu traden, weil sie damit anderes vernachlässigen.
Deswegen probiere Trading wirklich in Ruhe aus, finde den Weg der dir dauerhaft zusagt. Einen Weg den du auch in schlechten Phasen verfolgst und der dein sonstigen Leben nicht einschränkt.