Ich kenne jede Menge "normaler", verantwortungsbewusster, mitfühlender Leute, die in einer solchen Situation gearbeitet und sich außerdem um die Mutter gekümmert haben. Sie haben sich vielleicht in den letzten Lebenstagen der Mutter frei genommen oder nur noch halbtags gearbeitet, um nachmittags und abends am Sterbebett sitzen und sich mit ihren Geschwistern abwechseln zu können. Aber keine Krankschreibung über Wochen. Sowas macht auch nicht jeder Arbeitgeber mit. In Führungspositionen kann man sich das jedenfalls nicht erlauben. Da wird erwartet, dass man auch solche Erfahrungen in relativ kurzer Zeit wegsteckt und tapfer damit umgeht. Da wird man auch von keinem bedauert, sondern hat zu funktionieren.
Deshalb hängen solche Leute nicht weniger an ihren Müttern. Sie leiden nicht weniger darunter, wenn ihre Mütter sterben. Sie machen sich trotz Verzichts auf den gelben Schein auch kein schönes Leben, ohne sich am Sterbebett blicken zu lassen. Im Gegenteil: Sie opfern sogar Urlaub für die Mutter. Obwohl sie genau wissen, dass sie sich dabei alles andere als erholen werden.
Warum die Dame in dem Beispiel dafür Urlaub nehmen sollte? Schlicht und einfach deshalb, weil eine Krankschreibung nur zulässig ist, wenn man selber krank ist und nicht, wenn man eine Sterbebegleitung machen, aber nicht auf seinen Urlaub verzichten will. Den anfänglichen Schock hat man nach ein oder zwei Wochen einigermaßen überwunden und ist dann auch nicht mehr wirklich krank. Sollte es anders sein, dass etwa der Schock zu einer reaktiven Depression geführt hätte, hätte man nämlich auch nicht die Kraft zu der Sterbebegleitung, weder körperlich noch psychisch. In Einzelfällen mag es das geben, aber nicht generell.
Dass der Arzt sie über Wochen krank geschrieben hat, ist dabei unerheblich. Die meisten Ärzte bescheinigen ihren Patienten doch sowieso alles, was diese wollen. Deshalb wird so etwas ja auch von den meisten - wie hier ebenfalls zu lesen ist - als Kavalliersdelikt abgetan.
In Wirklichkeit geht es doch nur darum, dass man nicht bereit ist, seine Arbeitszeit zu reduzieren, Urlaubstage einzusetzen oder sich eine Zeitlang ohne Entgeltfortzahlung freistellen zu lassen. Entsprechende Möglichkeiten gibt es ja heutzutage. Der schnöde Mammon halt. Und zwar auch in Fällen, in denen die Betreffenden es sich zumindest kurzzeitig leisten könnten.