Liebe Marina,
erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Deinem Nachwuchs!
Ein Kontaktabbruch zur Mutter kann nur ganz individuell entscheiden werden. Manche finden in der sicheren Distanz zur Mutter ihr eigenes Glück. Andere haben ein enges Verhältnis zur Mutter und fühlen sich damit wohl. Es geht darum, wie die Realität aussieht und womit man sich selbst am wohlsten fühlt.
Deine Mutter scheint dir mehr Ärger zu bereiten als dass sie unterstützt. Wenn Du Dich am Ende Deiner Kräfte fühlst, weil sie Dich unter Druck setzt, dann klingt Kontraktbruch plausibel. Du brauchst die Kraft für Dich und Dein Kind.
Was mir in Deinem Text auffiel, ist, dass Du Dich nach Zweisamkeit mit der Mutter gesehnt hast. "Einmal einen Mama-Tochter-Moment. So wie ich es damals mir gewünscht hätte." Wenn eine solche Sehnsucht auftaucht ist und man es zulässt, ist es ein Einfallstor für ihre schrägen Energien, denn es ist eine Forderung an sie. Fakt ist, dass Du harmonische Zweisamkeit mit ihr, wie Du es beschrieben hast, nicht hattest. Trotzdem bist Du groß geworden und hast es geschafft, Dir ein eigenes Leben auszubauen. In solchen Momenten der Sehnsucht nach Mutterliebe geht es darum, sich mit sich selbst und der eigenen Kraft zu verbinden. Diese Kraft ist da, wenn man keine Erwartungen an andere hat. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es braucht mitunter Disziplin, doch dann bleibst Du bei Dir. Du kannst Dir vertrauen, nicht Deiner Mutter. Das hast Du Dir mit deinem Neugeborenen, wo Du so vieles allein geschafft hast, bereits bewiesen.
Was andere denken kann Dir doch egal sein. Es geht um Dein eigenes Familienglück. Du bist erwachsen und da muss sie akzeptieren oder sich zumindest zurückhalten, dass Du Deine eigenen Entscheidungen triffst. Sie hat ihre Aufgabe als Mutter erfüllt: Sie hat Dich so gut versorgt, dass Du erwachsen geworden bist und sogar selbst eine Familie gegründet hast. Nun bist Du in der Mutterrolle und trägst Verantwortung. Sie trägt keine Verantwortung mehr für Dich und Du hast keinerlei Verpflichtung ihr gegenüber.
So wie sie sich verhält sollte sie diejenige sein, die sich Sorgen um sich machen könnte. Unter Druck setzen, ihre Versuche Dich zum Kontakt zu nötigen, Dich mit Nachrichten zu terrorisieren. Und ihre Lüge: Nein, als Oma hat sie keine gesetzlichen Rechte, ihre Enkel zu sehen.
Das Sorgerecht liegt bei Dir und, ich vermute, dem Vater. Sie ist da raus.
Ein Schlüssel ist, es zu akzeptieren, dass es die heimeligen Mutter-Kind-Momente zwischen euch nicht gibt. Wenn Du Dir diese Härte zumutest, kannst Du auch Deiner Mutter gegenüber hart bleiben.
Sei Dir selbst die beste Mutter.
Diese Enge, in die sie Dich bringt, in der Du Dich bedrängt fühlst klingt wie eine Beziehung, aus der Du heraus gewachsen bist. Die Welt ist so viel größer und weiter als dieser enge Gefühlstunnel.
Mit der eigenen Mutter zu kommunizieren unterscheidet sich gänzlich von Unterhaltungen mit anderen Menschen. Das liegt an der alten Prägung, von ihr abhängig gewesen zu sein. Ein kleines Kind ist auf Gedeih und Verderb abhängig davon, dass sich Mutter kümmert. Daher tut ein Kind alles für seine Mutter. Das ist ein ganz enges Verhältnis. Dass das als erwachsener Mensch ganz anders ist, vergisst man manchmal und dann hat die Mutter einen "im Griff". Daher sind Zweifel verständlich. Abnabeln und mit ihr und wenn nötig, auch mit Dir selbst hart bleiben - dann bereitest Du das Feld für Dein eigenes Leben.
Wenn Du den Kontakt abbrichst kannst Du sie beispielsweise mit Dankbarkeit verabschieden: "Schau, ich habe es geschafft. Dank Dir bin ich erwachsen geworden. Du hast für mich als Kind gesorgt, das gut gemacht. Nun habe ich meine eigene Familie gegründet und ich will mich um sie kümmern. Du kannst Dich nun wieder Deinem Leben zuwenden." Das ist ein bisschen Beweisführung, dass ihre Mutterrolle, in der sie für Dich entscheiden hatte, jetzt ausgedient hat. Es kann wie eine Einladung an sie sein, anders auf Dich zu schauen. Generell kann man so etwas an einem Muttertag klären, um das Verhältnis grundlegend umzukrempeln. Doch in Deinem Fall klingt es so, dass Du mit der Klärung, dass Du den Kontakt nicht wünschst, nicht damit warten solltest.
Oft vergessen Mütter, dass sie ein eigenes Leben haben und ihnen fällt es schwer, loszulassen - sogar wenn sie schwierige Mütter sind. Denn mit Kindern blieb damals für ihr Leben und die eigene, persönliche Entwicklung erstmal keine Zeit mehr. Mutter Sein für ein kleines Kind bedeutet viel Hingabe, sich hinten anstellen. Jetzt hat sie Zeit, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Manchmal mögen Mütter ihre Mutterrolle auch nicht aufgeben, weil dann ihre alten Themen warten, die nicht immer schön sind. Doch das sind auch für Mütter, sozusagen Mütter in Rente, Möglichkeiten des persönlichen Wachstums. Was nicht in Deiner Verantwortung liegt! Es ist IHRE Entscheidung, wie sie mit der gewonnen Zeit umgeht. Du bist nur für Dich und Dein Kind verantwortlich.
Schreibe gerne mal, wie es sich Deine Situation weiter entwickelt oder Du Dich dazu austauschen möchtest.
Wie ist es Dir im weiteren Verlauf ergangen?