Hallo an alle!
Wie (leider) bei bei vielen anderen auch, hab ich ein sehr problematisches Verhältnis zu meiner Mutter. Unsere ungelösten Konflikte ziehen sich nun schon Jahrzehnte hin und belasten mittlerweile nicht nur mich sondern auch meine eigene kleine Familie (Frau und Kind). Nun hat sich die Angelegenheit in letzter Zeit ganz extrem zugespitzt, und ich sehe wie mir die ganze Sache aus den Händen gleitet. Für mich wird die Belastung langsam unerträglich, meine Lebensqualität und auch meine Arbeit leiden darunter. Ähnlich geht es meiner Frau, sie kommt fast täglich deswegen weinend zu mir. Ich muss irgendwie handeln.
Ich möchte gerne professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht, an wen ich mich konkret wenden sollte. Folgendes würde ich gerne erreichen:
1. Ich persönlich muss es schaffen, besser mit den Belastungen umzugehen. Ich bräuchte jemand, der mir hilft meine Gedanken zu ordnen, mir Feedback gibt, und ein bisschen meine Lebensfreude aufbauen hilft. Ich hab Angst, dass ich irgendwann aus meinen Depressionen nicht mehr raus komme.
2. Ich hätte auch gerne jemanden, der meiner Frau den objektiven Blick eines aussenstehenden Dritten vermittelt. Meine Frau macht sich selbst immer gerne für alles Mögliche verantwortlich. Und obwohl es klar ist, dass es eigentlich _mein_ Konflikt mit meiner Mutter ist, der leider auf sie übergesprungen ist, sucht sie eine Teilschuld bei sich. Das muss aufhören, ich will nicht dass sie wegen mir leidet.
3. Letztendlich würde ich den ganzen Konflikt gerne lösen oder zumindest auf ein erträgliches Maß eindämmen. Leider sehe ich im Moment keine Möglichkeit mehr, direkt mit meiner Mutter oder meinem Vater zu sprechen. Am liebsten wäre es mir, wenn wir solche Gespräche in Anwesenheit eines Außenstehenden aufnehmen könnten. So eine Art Mediator. Ich bezweifle allerdings, dass sie so einer Initiative zustimmen würde, aber einen Versuch wär's mir wert.
4. Ich finde, auch meine Mutter müsste sich mit jemand Außenstehenden in dieser Sache austauschen. Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass sie da zustimmen würde (eine Therapie wurde vor 20 Jahren schon mal von ihrer Hausärztin angeregt, aber sowohl sie als auch mein Vater waren strikt dagegen).
Meine konkrete Frage ist: an wen soll ich mich wenden? Sollte ich da zu einer Gesprächstherapie gehen? Selbsthilfegruppe? Depressionsprophylaxe? Und meine Frau ebenso? Zur selben Person, oder zu einer anderen? Oder wir beide gemeinsam? Würde das eher unter Eheberatung fallen? Soll ich da einfach irgendeine psychologische Praxis anrufen? Oder wie gehe ich da vor? Zu Punkt 3: wer würde, wenn überhaupt, eine solche Mediation durchführen?
Danke schonmal für jegliche hilfreiche Hinweise!!
Im Anschluss umreisse ich (möglichst) kurz den Konflikt. Für jedwede Kommentare bin ich dankbar, verstehe es aber, wenn ihr keine Zeit oder Lust habt, das alles zu lesen 🙂
Seit ich denken kann, betont meine Mutter, wie wichtig ihr ein guter Zusammenhalt in der Familie ist. Nun wohnen meine Eltern relativ isoliert und pflegen kaum soziale Kontakte. So bin ich in einem Umfeld aufgewachsen, das tatsächlich fast nur aus meiner Familie bestand. Gleichzeitig war bzw ist unser Leben geprägt von ewigem Streit. Streit mit den Nachbarn, Streit mit den Großeltern (beider Seiten), Streit mit Onkeln und Tanten, und auch Streit zwischen meinen Eltern. Mein Vater war immer derjenige, der das alles ertragen hat und meine Mutter dann immer wieder beruhigt hat. Ich erinnere mich an viele Male, wie sie meinen Vater angeschrien und beschimpft hat, und er hat das über sich ergehen lassen, und sie später mit allerlei lieben Worten wieder beruhigt (ich muss vielleicht erwähnen, dass es sich keineswegs um ein wirtschaftlich oder sozial schwaches Umfeld handelt -- meine Eltern sind beide Akademiker, finanziell waren wir alle immer sehr gut versorgt, kein Alkohol, kein Rauchen, keine Drogen). Als Kind fand ich das schrecklich: mein Vater wurde grundlos (bzw wegen irgendwelchen Kleinigkeiten) beschimpft und musste sich dann auch noch dafür entschuldigen.
In späteren Jahren bin ich dann in dieselbe Situation geraten. Kleinigkeiten bringen meine Mutter auf die Palme, ich fühle mich ungebührlich angegriffen und reagiere mit Trotz. Das ist wohl eine klassische Situation als Jugendlicher. Bei uns ist das dann immer so abgelaufen: meine Mutter verfällt in eine Kommunikationsstarre, schottet sich komplett ab und leidet leise weinend vor sich hin. Solange, bis mein Vater genügend auf mich eingeredet hat, dass ich reumütig mit allerlei Entschuldigungen und Versprechungen auf den Lippen sie um Verzeihung bitte. In den meisten Fällen hab ich das nur meinem Vater zuliebe getan.
Was sind das für Dinge, die meine Mutter so sehr aufregen? Ein ganz zentraler Punkt ist ihr Vorwurf, dass ihr als Mutter nicht genügend Liebe und Respekt entgegen gebracht wird. So zB hat sie viele Jahre lang von mir verlangt, dass ich sie morgens und abends anrufe (während meines Studiums), und der Anruf morgens musste vor 8 Uhr stattfinden. Hab ich das mal nicht gemacht, hat sie das als eindeutigen Beweis genommen, dass ich keine Liebe ihr gegenüber zeige und dass sie mir völlig gleichgültig sei. Sie beschwert sich auch immer sehr darüber, dass sie sich aus meinem Leben ausgegrenzt fühle wenn ich ihr nicht alle möglichen Details erzähle. Sie vermutet ständig, dass ich ihr etwas verheimliche, dann ist sie stillschweigend beleidigt, und irgendwann bricht wieder ein großer Streit aus, ohne dass mir dafür ein konkreter Anlass bewußt gewesen wäre.
Den Begriff "Streit" muss ich vielleicht etwas konkretisieren. Eigentlich läuft es darauf hinaus, dass meine Mutter beleidigt ist, sich zurück zieht, im Stillen leidet, meist unterstützt von einer hypochondrischen Krankkeit (in den letzten zwei Jahrzehnten haben wir schon so ziemlich alle Krebsarten durchgemacht, alles "Fehlalarme"). Sie ist da unendlich stur und es ist keine Seltenheit, dass sie zB für mehrere Monate nicht mehr mit mir redet. Manchmal wird sie auch richtig wütend und beleidigend, aber ist eher eine "Nebenerscheinung". In ihren Überzeugungen ist sie komplett unbeweglich, was eine richtige Aussprache stets verhindert hat (ich kann mich zB nicht erinnern, dass sie jemals ein Fehlverhalten ihrerseits oder eine Überreaktion zugegeben hätte oder sich gar dafür entschuldigt hätte).
Noch schlimmer ist es mit meiner Heirat geworden. Ich hatte gehofft, dass meine Mutter sich ein bisschen mehr zurückhält und akzeptiert, dass ich nun "offiziell" ein eigenes Leben habe. Aber nein, es ging alles genauso weiter, nur mit dem Unterschied, dass sie ihre Forderungen nun auch auf meine Frau ausdehnte. Für mein Frau war das von Anfang an eine große Belastung. Sie hat lange versucht mitzuspielen (ich hab das aber nie von ihr gefordert), aber sie sieht (genau wie ich) mittlerweile auch keinen Sinn mehr darin. Ich finde auch, dass meine Frau nicht wegen meiner Mutter leiden sollte, also habe ich immer versucht, eine Art Schutzschild für sie zu sein. Die Donnerwetter meiner Mutter sollten nur mich treffen, und meine Frau sollte davon am besten gar nichts mitbekommen.
In die Familie meiner Frau bin ich sehr herzlich aufgenommen worden. Das war etwas, was ich vorher überhaupt nicht kannte. Dort herrscht eine sehr freundliche Grundstimmung und eine ungezwungene Kommunikation; ich fühle mich geradezu "befreit", wenn ich mich zB mit meinen Schwiegereltern unterhalte. Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber mit meinen Schwiegereltern verstehe ich mich unendlich viel besser als mit meinen eigenen Eltern. Da kann ich mal um Rat fragen ohne gleich eine Kaskade von Kritik befürchten zu müssen, da kann ich frei reden weil nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, Meinungsverschiedenheiten werden einfach durch ein kurzes offenes Gespräch beigelegt! Glaubt mir, wenn ich bei meinen Schwiegereltern bin ist es, als ob eine riesige Last von meinen Schultern genommen wird.
Und das führt direkt zum nächsten Konflikt: meine Mutter fordert immer wieder von mir, mich klar zu meiner eigenen Familie zu bekennen und nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich meine Schwiegereltern ihnen vorziehe. Das nimmt bisweilen absurde Formen ab: ZB als wir ein Haus gekauft hatten, hat das meine Mutter sehr schwer getroffen. Denn unser neues Haus ist ca 100km von meinen Eltern entfernt, 20km von meiner Schwester entfernt, aber nur 10km von meiner Schwägerin. Zitat meiner Mutter: "Da hast wieder deutlich gezeigt, zu welcher der beiden Familien du dich mehr zugehörig fühlst". Was soll ich dazu sagen?
Unser Hauskauf, der eigentlich für uns die Erfüllung eines Traumes ist, ist zu einem richtigen Konfliktherd geworden. Meine Mutter findet nur schlechte Aspekte daran. Als ich sie darauf angesprochen habe, warum sie nur Negatives sieht, und ob sie nicht auch mal meine Freude über unser Heim teilen könnte, kam es erneut zum Streit: Sie sagt, als Mutter sei es ihre Pflicht, mich zu meinem Besten auf mögliche Probleme hinzuweisen. Es sei ganz normal, dass sie mit mir über die Probleme rede; die positiven Aspekte sehe ich ja selber, darauf müsse sie mich ja nicht hinweisen. Sie verhalte sich absolut korrekt, und dass ich sie deswegen kritisiere zeige, wie tief verwurzelt meine Ablehnung ihr gegenüber sei. Was soll ich da antworten? Diese Art von "Meinungsaustausch" ist ziemlich typisch für uns; ich könnte wahrscheinlich ein Buch mit Beispielen füllen.
Die Kommunikation mit meinen Schwiegereltern hat meine Mutter komplett abgebrochen. Es ist mir richtig peinlich das zu sagen, aber dass meine Frau ausländische Wurzeln hat, ist ein Riesenthema geworden. Plötzlich kommt sie mit Aussagen daher wie "Solche Mischehen können ja nicht gut gehen", oder ich solle "aufpassen, dass mein Kind eine richtige Sprache lernt", oder "die Freundin XY hat jetzt die Firma ihres Vaters geerbt; die hätte dich so gerne geheiratet" (in Gegenwart meiner Frau!!!). Bei solchen Aussagen stellen sich mir alle Stacheln auf, und ich könnte heulen, sowas aus dem Mund meiner Mutter zu hören. Mein Vater meint immer nur, sowas meine sie ja nicht böse. Aber wie soll ich das dann verstehen?
Über meinen Vater und meine Schwester hab ich noch nicht viel geschrieben. Mein Vater versuchte früher immer, die Konflikte klein zu halten indem er meine Mutter mit viel Liebe und noch mehr Geschenken beruhighte. Seit er in Rente ist hat er sich aber sehr verändert. Ich denke, er wird sehr stark von meiner Mutter kontrolliert. Am Telefon ist er nur noch sehr kurz angebunden, und offene Gespräche (dh Gespräche bei denen meine Mutter nicht in der Nähe ist) gibt es nicht mehr. Meine Schwester hält sich aus der Sache relativ gut raus. Sie spielt mit und es scheint ihr nicht so viel auszumachen. Aber meine Mutter verhält sich ihr gegenüber auch anders (zB lebt sie seit Jahren mit ihrem Freund zusammen -- während meine Mutter bei mir aus moralischen Gründen auf eine sofortige Heirat gedrängt hat).
Gut, ihr werdet sagen: dann beende halt die Kommunikation mit ihr und lasst euch gegenseitig in Ruhe. Im Prinzip stimme ich zu. Allerdings muss ich zugeben, dass mich der ungelöste Konflikt doch sehr belastet. Meine Eltern sind auch nicht mehr die Jüngsten und es kann ja sein, dass sie mal Hilfe brauchen (in ihrer Sturheit würde meine Mutter aber wahrscheinlich lieber verhungern, als dass mich mal anrufen würde). Ausserdem hab ich immer noch das Problem mit meiner Frau: sie denkt, dass sie selbst ein Grund für unseren Konflikt ist (zB weil sie keine gebürtige Deutsche ist), und dass sie halt vielleicht noch mehr hätte mitspielen müssen und all die spitzen Bemerkungen meiner Mutter hätte schlucken müssen. Ich bin vehement dagegen, dass mein Frau in diesem Drama "mitspielen" muss. Aber ich weiss auch nicht, wie ich ihr diese Schuldgefühle nehmen kann.
Wie ihr euch denken könnt, hab ich hier bestenfalls die Spitze eine Eisbergs angekratzt. In den geschätzten 25 Jahren permanenten Beleidigt-Seins hat sich viel angesammelt. Jetzt haben wir ein kleines Kind, das Zweite ist unterwegs, und ich will nicht, dass meine Kinder in so einem konfliktgeladenen Umfeld aufwachsen. Ich muss irgendwas tun.
Danke fürs Zuhören ;-)
Wie (leider) bei bei vielen anderen auch, hab ich ein sehr problematisches Verhältnis zu meiner Mutter. Unsere ungelösten Konflikte ziehen sich nun schon Jahrzehnte hin und belasten mittlerweile nicht nur mich sondern auch meine eigene kleine Familie (Frau und Kind). Nun hat sich die Angelegenheit in letzter Zeit ganz extrem zugespitzt, und ich sehe wie mir die ganze Sache aus den Händen gleitet. Für mich wird die Belastung langsam unerträglich, meine Lebensqualität und auch meine Arbeit leiden darunter. Ähnlich geht es meiner Frau, sie kommt fast täglich deswegen weinend zu mir. Ich muss irgendwie handeln.
Ich möchte gerne professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht, an wen ich mich konkret wenden sollte. Folgendes würde ich gerne erreichen:
1. Ich persönlich muss es schaffen, besser mit den Belastungen umzugehen. Ich bräuchte jemand, der mir hilft meine Gedanken zu ordnen, mir Feedback gibt, und ein bisschen meine Lebensfreude aufbauen hilft. Ich hab Angst, dass ich irgendwann aus meinen Depressionen nicht mehr raus komme.
2. Ich hätte auch gerne jemanden, der meiner Frau den objektiven Blick eines aussenstehenden Dritten vermittelt. Meine Frau macht sich selbst immer gerne für alles Mögliche verantwortlich. Und obwohl es klar ist, dass es eigentlich _mein_ Konflikt mit meiner Mutter ist, der leider auf sie übergesprungen ist, sucht sie eine Teilschuld bei sich. Das muss aufhören, ich will nicht dass sie wegen mir leidet.
3. Letztendlich würde ich den ganzen Konflikt gerne lösen oder zumindest auf ein erträgliches Maß eindämmen. Leider sehe ich im Moment keine Möglichkeit mehr, direkt mit meiner Mutter oder meinem Vater zu sprechen. Am liebsten wäre es mir, wenn wir solche Gespräche in Anwesenheit eines Außenstehenden aufnehmen könnten. So eine Art Mediator. Ich bezweifle allerdings, dass sie so einer Initiative zustimmen würde, aber einen Versuch wär's mir wert.
4. Ich finde, auch meine Mutter müsste sich mit jemand Außenstehenden in dieser Sache austauschen. Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass sie da zustimmen würde (eine Therapie wurde vor 20 Jahren schon mal von ihrer Hausärztin angeregt, aber sowohl sie als auch mein Vater waren strikt dagegen).
Meine konkrete Frage ist: an wen soll ich mich wenden? Sollte ich da zu einer Gesprächstherapie gehen? Selbsthilfegruppe? Depressionsprophylaxe? Und meine Frau ebenso? Zur selben Person, oder zu einer anderen? Oder wir beide gemeinsam? Würde das eher unter Eheberatung fallen? Soll ich da einfach irgendeine psychologische Praxis anrufen? Oder wie gehe ich da vor? Zu Punkt 3: wer würde, wenn überhaupt, eine solche Mediation durchführen?
Danke schonmal für jegliche hilfreiche Hinweise!!
Im Anschluss umreisse ich (möglichst) kurz den Konflikt. Für jedwede Kommentare bin ich dankbar, verstehe es aber, wenn ihr keine Zeit oder Lust habt, das alles zu lesen 🙂
Seit ich denken kann, betont meine Mutter, wie wichtig ihr ein guter Zusammenhalt in der Familie ist. Nun wohnen meine Eltern relativ isoliert und pflegen kaum soziale Kontakte. So bin ich in einem Umfeld aufgewachsen, das tatsächlich fast nur aus meiner Familie bestand. Gleichzeitig war bzw ist unser Leben geprägt von ewigem Streit. Streit mit den Nachbarn, Streit mit den Großeltern (beider Seiten), Streit mit Onkeln und Tanten, und auch Streit zwischen meinen Eltern. Mein Vater war immer derjenige, der das alles ertragen hat und meine Mutter dann immer wieder beruhigt hat. Ich erinnere mich an viele Male, wie sie meinen Vater angeschrien und beschimpft hat, und er hat das über sich ergehen lassen, und sie später mit allerlei lieben Worten wieder beruhigt (ich muss vielleicht erwähnen, dass es sich keineswegs um ein wirtschaftlich oder sozial schwaches Umfeld handelt -- meine Eltern sind beide Akademiker, finanziell waren wir alle immer sehr gut versorgt, kein Alkohol, kein Rauchen, keine Drogen). Als Kind fand ich das schrecklich: mein Vater wurde grundlos (bzw wegen irgendwelchen Kleinigkeiten) beschimpft und musste sich dann auch noch dafür entschuldigen.
In späteren Jahren bin ich dann in dieselbe Situation geraten. Kleinigkeiten bringen meine Mutter auf die Palme, ich fühle mich ungebührlich angegriffen und reagiere mit Trotz. Das ist wohl eine klassische Situation als Jugendlicher. Bei uns ist das dann immer so abgelaufen: meine Mutter verfällt in eine Kommunikationsstarre, schottet sich komplett ab und leidet leise weinend vor sich hin. Solange, bis mein Vater genügend auf mich eingeredet hat, dass ich reumütig mit allerlei Entschuldigungen und Versprechungen auf den Lippen sie um Verzeihung bitte. In den meisten Fällen hab ich das nur meinem Vater zuliebe getan.
Was sind das für Dinge, die meine Mutter so sehr aufregen? Ein ganz zentraler Punkt ist ihr Vorwurf, dass ihr als Mutter nicht genügend Liebe und Respekt entgegen gebracht wird. So zB hat sie viele Jahre lang von mir verlangt, dass ich sie morgens und abends anrufe (während meines Studiums), und der Anruf morgens musste vor 8 Uhr stattfinden. Hab ich das mal nicht gemacht, hat sie das als eindeutigen Beweis genommen, dass ich keine Liebe ihr gegenüber zeige und dass sie mir völlig gleichgültig sei. Sie beschwert sich auch immer sehr darüber, dass sie sich aus meinem Leben ausgegrenzt fühle wenn ich ihr nicht alle möglichen Details erzähle. Sie vermutet ständig, dass ich ihr etwas verheimliche, dann ist sie stillschweigend beleidigt, und irgendwann bricht wieder ein großer Streit aus, ohne dass mir dafür ein konkreter Anlass bewußt gewesen wäre.
Den Begriff "Streit" muss ich vielleicht etwas konkretisieren. Eigentlich läuft es darauf hinaus, dass meine Mutter beleidigt ist, sich zurück zieht, im Stillen leidet, meist unterstützt von einer hypochondrischen Krankkeit (in den letzten zwei Jahrzehnten haben wir schon so ziemlich alle Krebsarten durchgemacht, alles "Fehlalarme"). Sie ist da unendlich stur und es ist keine Seltenheit, dass sie zB für mehrere Monate nicht mehr mit mir redet. Manchmal wird sie auch richtig wütend und beleidigend, aber ist eher eine "Nebenerscheinung". In ihren Überzeugungen ist sie komplett unbeweglich, was eine richtige Aussprache stets verhindert hat (ich kann mich zB nicht erinnern, dass sie jemals ein Fehlverhalten ihrerseits oder eine Überreaktion zugegeben hätte oder sich gar dafür entschuldigt hätte).
Noch schlimmer ist es mit meiner Heirat geworden. Ich hatte gehofft, dass meine Mutter sich ein bisschen mehr zurückhält und akzeptiert, dass ich nun "offiziell" ein eigenes Leben habe. Aber nein, es ging alles genauso weiter, nur mit dem Unterschied, dass sie ihre Forderungen nun auch auf meine Frau ausdehnte. Für mein Frau war das von Anfang an eine große Belastung. Sie hat lange versucht mitzuspielen (ich hab das aber nie von ihr gefordert), aber sie sieht (genau wie ich) mittlerweile auch keinen Sinn mehr darin. Ich finde auch, dass meine Frau nicht wegen meiner Mutter leiden sollte, also habe ich immer versucht, eine Art Schutzschild für sie zu sein. Die Donnerwetter meiner Mutter sollten nur mich treffen, und meine Frau sollte davon am besten gar nichts mitbekommen.
In die Familie meiner Frau bin ich sehr herzlich aufgenommen worden. Das war etwas, was ich vorher überhaupt nicht kannte. Dort herrscht eine sehr freundliche Grundstimmung und eine ungezwungene Kommunikation; ich fühle mich geradezu "befreit", wenn ich mich zB mit meinen Schwiegereltern unterhalte. Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber mit meinen Schwiegereltern verstehe ich mich unendlich viel besser als mit meinen eigenen Eltern. Da kann ich mal um Rat fragen ohne gleich eine Kaskade von Kritik befürchten zu müssen, da kann ich frei reden weil nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, Meinungsverschiedenheiten werden einfach durch ein kurzes offenes Gespräch beigelegt! Glaubt mir, wenn ich bei meinen Schwiegereltern bin ist es, als ob eine riesige Last von meinen Schultern genommen wird.
Und das führt direkt zum nächsten Konflikt: meine Mutter fordert immer wieder von mir, mich klar zu meiner eigenen Familie zu bekennen und nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich meine Schwiegereltern ihnen vorziehe. Das nimmt bisweilen absurde Formen ab: ZB als wir ein Haus gekauft hatten, hat das meine Mutter sehr schwer getroffen. Denn unser neues Haus ist ca 100km von meinen Eltern entfernt, 20km von meiner Schwester entfernt, aber nur 10km von meiner Schwägerin. Zitat meiner Mutter: "Da hast wieder deutlich gezeigt, zu welcher der beiden Familien du dich mehr zugehörig fühlst". Was soll ich dazu sagen?
Unser Hauskauf, der eigentlich für uns die Erfüllung eines Traumes ist, ist zu einem richtigen Konfliktherd geworden. Meine Mutter findet nur schlechte Aspekte daran. Als ich sie darauf angesprochen habe, warum sie nur Negatives sieht, und ob sie nicht auch mal meine Freude über unser Heim teilen könnte, kam es erneut zum Streit: Sie sagt, als Mutter sei es ihre Pflicht, mich zu meinem Besten auf mögliche Probleme hinzuweisen. Es sei ganz normal, dass sie mit mir über die Probleme rede; die positiven Aspekte sehe ich ja selber, darauf müsse sie mich ja nicht hinweisen. Sie verhalte sich absolut korrekt, und dass ich sie deswegen kritisiere zeige, wie tief verwurzelt meine Ablehnung ihr gegenüber sei. Was soll ich da antworten? Diese Art von "Meinungsaustausch" ist ziemlich typisch für uns; ich könnte wahrscheinlich ein Buch mit Beispielen füllen.
Die Kommunikation mit meinen Schwiegereltern hat meine Mutter komplett abgebrochen. Es ist mir richtig peinlich das zu sagen, aber dass meine Frau ausländische Wurzeln hat, ist ein Riesenthema geworden. Plötzlich kommt sie mit Aussagen daher wie "Solche Mischehen können ja nicht gut gehen", oder ich solle "aufpassen, dass mein Kind eine richtige Sprache lernt", oder "die Freundin XY hat jetzt die Firma ihres Vaters geerbt; die hätte dich so gerne geheiratet" (in Gegenwart meiner Frau!!!). Bei solchen Aussagen stellen sich mir alle Stacheln auf, und ich könnte heulen, sowas aus dem Mund meiner Mutter zu hören. Mein Vater meint immer nur, sowas meine sie ja nicht böse. Aber wie soll ich das dann verstehen?
Über meinen Vater und meine Schwester hab ich noch nicht viel geschrieben. Mein Vater versuchte früher immer, die Konflikte klein zu halten indem er meine Mutter mit viel Liebe und noch mehr Geschenken beruhighte. Seit er in Rente ist hat er sich aber sehr verändert. Ich denke, er wird sehr stark von meiner Mutter kontrolliert. Am Telefon ist er nur noch sehr kurz angebunden, und offene Gespräche (dh Gespräche bei denen meine Mutter nicht in der Nähe ist) gibt es nicht mehr. Meine Schwester hält sich aus der Sache relativ gut raus. Sie spielt mit und es scheint ihr nicht so viel auszumachen. Aber meine Mutter verhält sich ihr gegenüber auch anders (zB lebt sie seit Jahren mit ihrem Freund zusammen -- während meine Mutter bei mir aus moralischen Gründen auf eine sofortige Heirat gedrängt hat).
Gut, ihr werdet sagen: dann beende halt die Kommunikation mit ihr und lasst euch gegenseitig in Ruhe. Im Prinzip stimme ich zu. Allerdings muss ich zugeben, dass mich der ungelöste Konflikt doch sehr belastet. Meine Eltern sind auch nicht mehr die Jüngsten und es kann ja sein, dass sie mal Hilfe brauchen (in ihrer Sturheit würde meine Mutter aber wahrscheinlich lieber verhungern, als dass mich mal anrufen würde). Ausserdem hab ich immer noch das Problem mit meiner Frau: sie denkt, dass sie selbst ein Grund für unseren Konflikt ist (zB weil sie keine gebürtige Deutsche ist), und dass sie halt vielleicht noch mehr hätte mitspielen müssen und all die spitzen Bemerkungen meiner Mutter hätte schlucken müssen. Ich bin vehement dagegen, dass mein Frau in diesem Drama "mitspielen" muss. Aber ich weiss auch nicht, wie ich ihr diese Schuldgefühle nehmen kann.
Wie ihr euch denken könnt, hab ich hier bestenfalls die Spitze eine Eisbergs angekratzt. In den geschätzten 25 Jahren permanenten Beleidigt-Seins hat sich viel angesammelt. Jetzt haben wir ein kleines Kind, das Zweite ist unterwegs, und ich will nicht, dass meine Kinder in so einem konfliktgeladenen Umfeld aufwachsen. Ich muss irgendwas tun.
Danke fürs Zuhören ;-)