Hier bin ich wieder. Über einen Monat später. Mein Mann lebt immer noch bei uns, sucht bisher vergeblich nach einer Wohnung und so langsam finde ich diesen Schwebezustand unerträglich. Wenn er gehen will, soll er es auch tun, und zwar bald. Es tut einfach weh, in einem Haus zusammen zu leben, den Alltag noch immer miteinander zu teilen, obwohl wir uns weitestgehend aus dem Weg gehen, und zu wissen, dass der andere innerlich schon weg ist. Auch die Kinder, die noch immer nicht wirklich Bescheid wissen, leiden sehr unter den unausgesprochenen Spannungen, besonders mein kleiner Sohn (10), der das gesamte psychosomatische Spektrum zeigt, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit. Ich habe meinen Kindern erzählt, dass ihr Papa und ich derzeit Probleme haben und uns nicht mehr gut verstehen, dass ihr Papa auch eine große Krise hat und dass es ihm nicht gut geht, damit sie diesen merkwürdigen Zustand wenigstens ein bisschen einordnen können für sich. Mit dem "Trennungsgespräch" wollten wir noch warten, bis meine Tochter ihre anstehenden Schulprüfungen hinter sich gebracht hat, um sie davor nicht zu belasten.
Es gab im Mai noch einen Versöhnungsversuch zwischen meinem Mann und mir, mit allem drum und dran, wir haben uns benommen wie die Teenager, ich hatte sogar panische Angst, schwanger zu sein, hat sich genauso angefühlt, aber nach kurzer Zeit hatte uns der Alltag und unsere alten Probleme wieder eingeholt. Ich war ein paar Tage bei meiner Mutter, die ich schon lange nicht mehr besucht hatte, und als ich zurückkam, offenbarte er mir, wie friedlich es ohne mich mit den Kindern gewesen wäre. Ich kam mir vor wie ein Fremder in meiner eigenen Familie. Umgekehrt ist es auch so: wenn er nicht da ist, verstehe ich mich mit den Kindern viel besser, ich habe gute Gespräche mit meiner jetzt bald vierzehnjährigen, sonst alterstypisch extrem zickigen Tochter, und ich kuschele ganz viel mit meinem Sohn, der jetzt sehr oft meine Nähe sucht, und den ich ganz lang im Arm halte und er erzählt mir von seinen Problemen mit seinen Freunden. Das hat er schon ewig nicht mehr zugelassen, jetzt kann er davon gar nicht genug haben. Besonders er tut mir wirklich leid, weil er seinen Papa so sehr braucht, und der hat so wenig Zeit für ihn, unternimmt fast nie etwas mit ihm und will nicht wahrhaben, dass er leidet. Meine Tochter hat ihre Clique, und auch ihren ersten Freund, so ich hoffe, noch platonisch, aber der ist sehr lieb und bemüht um sie, und das tut ihr sichtlich gut. Sie ist entspannter als noch vor ein paar Monaten, aber auch sie kann sich hier nicht mehr wohlfühlen in diesem künstlichen und unnatürlichen "Nebeneinander". Mein Mann liebt seine Kinder, aber ich weiß nicht, wann er das letzte Mal wirklich genossen hat, mit einem von ihnen zusammen zu sein, einfach nur, weil sie da sind. Er fühlt sich als Mensch nicht wahrgenommen, aber nimmt er uns wahr?
Warum ist es wieder gescheitert? Wir waren nicht mehr für den anderen da, jeder war zu sehr mit seinem eigenen Zeugs beschäftigt, es gab immer weniger Miteinander. Ich denke, ein weiterer wichtiger Punkt ist, wir haben es nicht geschafft, in punkto Geld an einem Strang zu ziehen und haben ein sehr unterschiedliches Bedürfnis nach Sicherheit. Ich gehe z. B. einkaufen und bemühe mich, das Budget einzuhalten, er geht eine halbe Stunde später wieder los und kauft nochmals ein, viele teure Lebensmittel und Sachen, die wir nicht eigentlich brauchen. Das stresst mich, weil jedes Mal der Überblick total verloren geht. Das ewige Leben am finanziellen Limit hat mich extrem zermürbt. Ich habe schon viele Versuche unternommen, einen Haushaltsplan aufzustellen, den er aber nach anfänglichen Versprechungen wieder ignoriert und mich mit meinen Sparversuchen auflaufen lässt. Es ist, als rennt man immer wieder gegen eine Wand. Er lebt immer auf "Reserve", immer am Rande des Dispokredits, selbst der Tank seines Autos ist immer am linken Anschlag, wenn ich mal damit fahren muss, weil er meine Familienkutsche braucht, muss ich jedes Mal erstmal zum Tanken. Ich hab es gern überschaubar, klar, höre gerne auch mal ruhige Musik, statt abends nur in die Glotze zu schauen, bin auch gerne im Garten, er bringt immer eine unglaubliche Hektik mit nach Hause, macht alles was er tut mit einer irren Geschwindigkeit und Unruhe, steht total unter Strom, das Handy klingelt zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ich will eigentlich "weniger": weniger Action, weniger Lärm, weniger Dinge. Wovon ich "mehr" will: mehr echte Begegnung, mehr Freude am gemeinsamen Miteinander, mehr gemeinsame Aktivitäten in der Natur, ich liebe Bergwandern, das haben wir im letzten Jahr nicht einmal geschafft. Es gab auch nicht mehr viel Nähe zwischen uns. Ich habe kaum Verständnis gefunden, wenn ich traurig war oder verzweifelt wegen Problemen mit den Kindern, ich habe mich oft sehr einsam gefühlt und hatte deswegen auch auf körperliche Nähe immer weniger Lust.
Das endgültige "Aus" offenbarte er mir letzte Woche am Dienstag, als ich ihn fragte, ob er sich denn nun wirklich wieder für uns entschieden hätte, meinte er, nein, er müsse gehen, er könnte mir vieles einfach nicht verzeihen, dass es mir immer nur ums Geld gehen würde. Ich hatte ihm genau einen Tag vorher von meinen letzten Ersparnissen 7.000 Euro auf sein Geschäftskonto überwiesen, geschenkt, und zwar ungefragt, damit er überhaupt seine Steuerschulden bezahlen kann! Ich wollte ihm damit den wahnsinnigen Druck nehmen, unter dem er steht! Als ich ihn darauf ansprach, wie er das denn mit meiner angeblichen Geldgier in Verbindung brächte, meinte er nur, das sei ja auch ganz lieb von mir gewesen, aber Liebe könnte man nun mal nicht kaufen, er müsse weg. Die Geldkarte für das Geschäftskonto hat er mir übrigens inzwischen gesperrt, wahrscheinlich, damit ich mir das Geld nicht wieder zurückhole. Das finde ich wirklich extrem schofelig von ihm!
Er ist meistens sehr reserviert, aber einigermaßen höflich derzeit, dann auf einmal wieder mitteilsam, erzählt mir wie zu guten Zeiten von seiner Arbeit, leider aber dann auch wieder extrem hässlich zu mir, besonders im Zusammenhang mit Alkohol, attackiert mich mit den schlimmsten, wirklich ungerechtfertigten Vorwürfen und lässt kein gutes Haar an mir, erinnert mich an meine Verwerfungen aus dem Jahre Schnee, lässt auch den "arschigen Anwalt" raushängen, provoziert mich, indem er mir als Trennungsunterhalt für mich und die Kinder lächerliche Beträge in Aussicht stellt, die noch nicht mal für die Miete reichen würden. Ich könnte mir ja jetzt einen reichen Mann suchen! Er kann sich als Selbständiger mit Schulden beliebig klein rechnen und ich kann wohl wenig dagegen unternehmen. Kurz, ich muss damit rechnen, dass er mich und die Kinder auch in dieser Hinsicht hängen lässt und jetzt habe ich auch keine Rücklagen mehr.So kalt und gefühllos habe ich ihn wirklich noch nie erlebt, und ich habe den herben Verdacht, dass doch eine andere Frau dahintersteckt, wenn er das auch vehement abstreitet. Habe diese finanzielle Abhängigkeit so satt. Konnte zwar meinen Teilzeitjob jetzt etwas aufstocken auf 25 Stunden, aber zum Leben wird es trotzdem nicht reichen und ich werde für mich und die Kinder als erstes eine deutlich kleinere Wohnung suchen müssen. Ich würde es so gerne auch ohne ihn schaffen, weil ich auch einfach keine Lust mehr habe, mich über das leidige Geld zu streiten, aber das Thema Jobsuche macht mir Angst, bin immerhin 48, und möchte auch meine Kinder nicht von jetzt auf gleich zu reinen Schlüsselkindern machen, möchte für sie da sein. Hatte mich - gezwungenermaßen, wegen seines undurchsichtigen Verhaltens- ,dazu durch gerungen, wegen der bevorstehenden Trennungsvereinbarung eine Anwältin aufzusuchen, die zwar geldtechnisch richtig "hingelangt" hat, aber nicht wirklich gut war. Ich saß in diesem Gespräch und dachte die ganze Zeit: das hätte mein Mann jetzt aber besser gewusst, an dieser Stelle hätte er den besseren Rat gegeben, kurz: ich hätte mich am liebsten von meinem Mann beraten lassen! Ja, ich bin immer noch stolz auf ihn, ich mag noch vieles an ihm, seine Füße, die Art, wie er in der Küche rumkruschelt, seine Augen. Aber er hat mich auch unendlich tief verletzt und es ist viel, viel Vertrauen verloren gegangen. Ich weiß selbst nicht mehr, ob ich ihn noch liebe. Gestern hat er mir den Vorschlag gemacht, nun doch eine Eheberatung aufzusuchen, weil wir ja auch nach der Trennung miteinander klar kommen müssen. Was soll man denn davon halten? Ich merke, dass mich vieles einfach noch überfordert, habe zum Beispiel momentan gar keine Lust auf all die Rechnerei und habe ihm gesagt, er soll erst mal ausziehen, weil wir jetzt beide definitiv Abstand brauchen voneinander. Aber in mir drin ist immer noch das Bedürfnis, dass wir einander verzeihen, es fühlt sich für mich einfach so viel besser an, als dieses Misstrauen und die Ablehnung. Ich habe immer noch Hoffnung, kann einfach nicht anders, es ist meine Natur. Aber ich bin auch nicht mehr so unter Schock wie zu Beginn, obwohl es mir überwiegend beschissen geht. Ich beginne auch wieder, meine Stärke zu entdecken, und habe deutlich an Zuversicht gewonnen, dass ich es auch alleine schaffen kann.