Hallo Gast und alle die auch trauern,
ich bin neu hier und auch meine Mutter ist schwer krank und liegt im Sterben. Sie ist im November schwer erkrankt nachdem sie jahrelang meinen Demezkranken Vater gepflegt hat. Als sie ins Krankenhaus kam, musste mein Vater ins Pflegeheim in dem er wenig später starb. Das war am 3. Januar - drei Tage später kam die entgültige Diagnose meiner Mutter - Creutzfeld-Jakob-Erkrankung, ihr Todesurteil. Wie ich die letzten Monate überstanden habe, weiß ich selbst nicht. Es ist schrecklich sie so liegen zu sehen, seit Juli ist sie nicht mehr bei Bewusstsein. Da ich nicht in ihrer Nähe wohne, kann ich sie nur Sonntags besuchen und auch das klappt nicht immer. Da sie ja noch lebt, kann ich noch nicht richtig trauern, nur verdrängen und manchmal bete ich dass sie es bald überstanden hat, es gibt ka keine Hoffnung mehr. Die Belastung ist riesengroß und liegt wie ein schwerer Stein auf mir. Sicher geht es allen in der gleichen Situation genauso, es tut gut, wenn man sich austauschen kann.
Gruß an alle
Guten Morgen zusammen,
liebe Nefissa - liebe TE: Es tut mir sehr leid zu lesen, dass es Eurer Mutter/Eurem Vater so schlecht geht. Es ist so schwer, hilflos dazustehen und die Dinge annehmen zu müssen... Die Zeit wird immer knapper, dabei hätten Beide noch so viel vorgehabt. So vieles bleibt ungesagt, so viele Dinge ungetan. Ich bin allerdings an einen Punkt gekommen, an dem ich meinem Vater dann gewünscht habe, endlich sterben zu dürfen/können. Er war im Mai nochmal im KH gewesen, danach hatte er einen Blasenkatheter. Er bekam einige Woche sehr genau mit, was mit ihm passiert. Dass er keine Kontrolle mehr über seine Blase hat. Dass er Dinge nicht mehr festhalten kann, dass er sich beim Essen bekleckert, dass er Wortfindungsstörungen hat... Er bemerkte seinen schnellen geistigen und körperlichen Verfall genau und die Logik (klingt sehr nüchtern) hätte ihm "sagen müssen", dass es jetzt schnell bergab und dem Ende entgegen geht. Aber der Verstand wollte nicht so recht mitspielen, immer wieder spielten ihm die Hoffnung und das Nichtwahrhabenwollen einen Streich. Er hat bis eine Woche vor seinem Tod nicht annehmen können und wollen, dass es keine Heilung mehr gibt...
Ich habe in dieser Zeit auch hier gepostet, aus meiner damaligen Situation als pflegende Tochter heraus ("Hilflos vorm Bett eines sterbenden Menschen stehen"). Was sehr schwer für mich war, war die Tatsache, dass mein Verstand - anders als der meines Vaters - sehr wohl wusste, was da passiert und was kommt und mein Gefühl damit übereinkam, dass ich also hoffte, dass ihm weitere Demütigungen, Ängste, Schmerzen erspart bleiben und er bald sterben soll. Dann hatte die Hausärztin die Idee, seinen Flüssigkeitshaushalt mittels subkutaner Infusionen in Schwung zu halten. Ich dachte damals und denke heute noch, dass das sein Leiden unnötig verlängert hat um gut 14 Tage. Mein Vater hatte eine Patientenverfügung, nur war der Punkt "künstliche Flüssigkeitszufuhr" darin nicht explizit definiert, somit gab es seitens der Ärztin Handlungsspielraum. Da mein Vater nicht mehr in der Lage war, dem zu widersprechen und meine Mutter glaubte, ein Unterlassen dieser Flüssigkeitszufuhr käme einem Verdursten-lassen gleich, bekam er jede Tag 2 x 500 ml. Ringerlösung. Der Oberwitz: Er zog sich die Nadeln jeden Tag raus. Zwar schien das nicht bewusst zu passieren, aber eben doch stetig. Ebenso verweigerte er Nahrungsaufnahme und er wollte auch keinen Sauerstoff mehr (er hatte immer so eine Sauerstoffbrille und bekam 2-3 ltr./Std.). Die Nahrungsverweigerung und die Sauerstoff-Ablehnung wurden hingenommen, das Herausziehen der Infusionsnadeln leider nicht. Einen Tag vor seinem Tod habe ich mich dann mit der Hausärztin auseinandergesetzt und ihr erklärt, dass wir als Familie einer weiteren Infusionsgabe nicht mehr zustimmen und statt dessen für eine Erhöhung der Schmerzmedikation plädieren. Das hat sie auch mitgetragen, der Pflegedienst wurde informiert und damit war klar, dass es jetzt nicht mehr lange dauert. Ich weiß, dass wir damit dem Willen meines Vaters entsprochen haben, der immer gesagt hat, er möchte nicht, dass sein Tod unnötig hinausgeschoben wird, wenn er denn mal schwer krank ist. Er wollte nie abhängig sein von Maschinen, Apparaturen, Schläuchen... Das alles wäre auch so weit nicht gekommen, hätten wir diesen einen Punkt in der Patientenverfügung genauer definiert.
Was ich damit sagen will: Es ist schwer, das Unabwendbare hinzunehmen. Aber mir fiel es noch schwerer, das Unabwendbare hinauszuzögern. Oft ist es so, dass die Sterbenden selbst schon innerlich viel weiter sind als die Angehörigen, die hilflos am Bett stehen. Die vielleicht entgegen jeder Logik noch versuchen, sich und dem Sterbenden einzureden, dass alles wieder gut wird. Oder die einfach nicht wahrhaben wollen, dass es keine Heilung mehr gibt. Oft fiel mir dann ein, was ich immer wieder denke, wenn ich einmal die Woche im Pflegeheim zu Besuch bin: Wenn ich ein todkrankes Tier habe, darf ich es erlösen (lassen). Menschen müssen leiden bis zum bitteren Ende. Ich will hier keine Lanze brechen für die aktive Sterbehilfe. Aber es gibt viel, was wir für todkranke und sterbende Menschen tun können. Sei es, bei ihnen zu sein und ihre Hand zu halten. Sei es, ihnen deutlich zu machen, dass sie gehen dürfen. Sei es, ihnen die Angst zu nehmen vor dem was wird, wenn sie gegangen sind. Sei es, ihnen noch zu helfen, wichtige Angelegenheiten zu regeln... Sei es, mit ihnen über ihre Angst vor dem Sterben und Tod zu reden. Und auch darauf zu achten, dass nichts getan wird (auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht menschlich erscheint), was ein Leiden unnötig verlängert. Dagegen stand oft mein Wunsch, dass er nicht stirbt. Aber letzten Endes wusste ich doch, dass der Tod unabwendbar ist. Nur wenn wir als Angehörige es schaffen, uns mit dem Unfassbaren und Unumkehrlichen abzufinden, dann können wir unseren sterbenden Angehörigen helfen, ebenfalls das Leben los zu lassen. Aber das ist so unendlich schwer...
Alles Gute!
Micha