Ständiges Pauken ohne mitzubekommen, was sonst noch im Leben läuft, und Perfektionismus sind das beste Mittel, um später im Leben zu scheitern. Ein Zeugnis mit 2,2 ist ganz ordentlich. Da den Schülern auf den Gymnasien inzwischen die Einsen nachgeschmissen werden und es viel zu viele Einserabiturierenten gibt, ist es zwar kein herausragendes Zeugnis mehr, aber eines, mit dem man durchaus zufrieden sein kann und alle Chancen der Welt hat, später im Beruf seinen Weg zu machen. Weshalb es deinen Eltern nicht gut genug ist, verstehe ich nicht. Diejenigen, die immer nur gepaukt und damit Spitzennoten erreicht haben, sind später längst nicht die Erfolgreichsten.
Habe kürzlich noch von einem ehemaligen Mitschüler gehört. In der gesamten Schulzeit war er nur durchschnittlich, auch Vieren und Fünfen kamen schon mal vor. Seine Frau, die er bereits in der Schule kennen gelernt hat (sie ging nach einer "Ehrenrunde" in dieselbe Jahrgangsstufe wie wir), war sogar eine schlechte Schülerin gerade in Grundlagenfächern wie Mathe und Englisch und kann froh sein, dass sie ihr Abitur überhaupt mit Ach und Krach und dank gewisser Laberfächer und Förderung durch typische Alt 68er-Lehrer bestanden hat. Aber ein Selbstbewusstsein hoch drei - keine Ahnung, wo sie das bei den schlechten Noten hergenommen hat. Ihr Mann studierte dann ein Fach, das ihn interessierte und legte sich dafür offenbar richtig ins Zeug. Hat promoviert und beruflich viel erreicht. Bekundungen von Bekannten zufolge hat man sich inzwischen einen sehr vornehm-distinguierten Habitus zugelegt, drückt sich sehr gewählt aus und gönnt sich auch materiell (z.B. im Hinblick auf Fernreisen) eine ganze Menge, auch wenn beide eher aus einfacheren Verhältnissen stammten. Ich wundere mich immer, wie viele Leute es schaffen, ihre bescheidene Herkunft zu vergessen (mir ist das jedenfalls bis heute nicht gelungen
😉). An ihrem jetzigen Wohnort in sicherer Entfernung von ihrer Heimat tun sie wahrscheinlich so, als ob sie seit jeher aus dem Bildungsbürgertum stammen würden, und suchen sich ihren Umgang sehr sorgfältig unter Statusgesichtspunkten aus. Die Tochter dieses Ehepaares soll kürzlich ihr Abitur mit 1,1 bestanden haben. Wie es zu dieser genetischen Mutation gekommen ist, weiß ich nicht.
Schulnoten im Einserbereich kann ich angesichts solcher Entwicklungen mittlerweile nicht mehr für voll nehmen, da sie inflationär vergeben werden, gerade in den nördlichen Ländern der Bundesrepublik Deutschland.
http://www.abendblatt.de/hamburg/kommunales/article211018095/Jeder-vierte-Abiturient-schafft-eine-Einser-Note.html
http://www.zeit.de/2016/19/abitur-bestnoten-pruefungen-schnitt-leistung
http://www.deutschlandfunk.de/abitur-pruefungen-schwierigkeitsgrad-ist-in-den-letzten.680.de.html?dram:article_id=355377
Labertypen werden bevorzugt oder solche, bei denen mindestens ein Elternteil offensichtlich Akademiker ist. Denen trauen die Lehrer offenbar von vornherein mehr zu, solche Eltern rennen natürlich auch andauernd in die Schule und "engagieren" sich in der Klassen- und Schulpflegschaft, damit die Lehrer gleich wissen, mit wem sie es zu tun haben. Und da es am Geld nicht scheitert, wird diesen Schülern im Elternhaus natürlich auch mehr geboten, womit sie dann in der Schule auftrumpfen können. Aber wirklich intelligenter sind die Kinder solcher Eltern nicht. Im Jurastudium jedenfalls steigen die Durchfallquoten trotz der ganzen Einserabiturienten von Jahr zu Jahr. Woran das wohl liegen mag?
😉
Vielleicht kannst du mit dem ganz ordentlichen 2,2-Notenschnitt viel mehr als diese Typen? Vor allem dann, wenn dieser Schnitt bei dir nicht durch ständiges Pauken und Nachhilfe, sondern eher mühelos zustande gekommen ist.
Und wenn man für Mathe und Physik nicht überdurchschnittlich begabt ist, dafür aber für andere Fächer, spezialisiert man sich später eben auf etwas, das einem liegt.