Hallo wolf-souled,
ich möchte dir mit allem, was ich schreib, einfach Hinweise geben oder Möglichkeiten in den Raum stellen. Ich behaupte nicht, dass irgendwas so ist, wie ich denke! Ich kenn dich ja fast gar nicht. Es sind nur meine Eindrücke. Und natürlich will ich dich mit nichts verletzen, ich versuche nur, die Dinge so sachlich zu sehen, wie ich kann.
Ich denke ich auch, dass du vermutlich ein introvertierter Mensch bist. Aber auch da gibt’s Entwicklungsmöglichkeiten. Vielleicht hast du von den Bestsellern „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“ und den Folgebänden gehört. Die Autorin Eva-Maria Zurhorst bezeichnet sich eindeutig als introvertiert. Aber ihre Ängste, vor anderen zu sprechen, haben dramatisch abgenommen, als sie angefangen hat, eine intensive Therapie mit sich selbst zu machen. Sie ist eigentlich ein risikofreudiger Mensch, hat in Ägypten und Südafrika gelebt und dort als Reporterin gearbeitet, aber vor vielen Menschen konnte sie nicht sprechen. Schreiben ging natürlich. Einmal sollte sie eigentlich ein Radiointerview geben, aber sie hatte solche Angst zu sprechen, dass das Interview mittendrin abgebrochen werden musste. Erst als sie von etwas vollkommen fasziniert war, von ihren Entdeckungen über innere Heilung und Bindungsfähigkeit usw., erst mit diesem Enthusiasmus und all dem Wissen in sich, das sie unbedingt weitergeben wollte, konnte sie ihre Ängste überwinden. Das erste Mal hat sie einem kleinen Kreis von Frauen in einem Friseurladen davon erzählt, abends nach Dienstschluss, und sie war aufgeregt, es war eine echte Hürde für sie. Inzwischen spricht sie vor tausenden von Menschen und bietet Kurse an!
Ich meine damit nicht, dass du genauso was anstreben sollst, sondern, dass es bei Introvertierten anscheinend sehr darauf ankommt, über WAS sie sprechen können. Bei der Zurhorst ist es so, dass sie erst dann sprechen kann, wenn etwas aus ihrem Herzen kommt und wenn das Thema in ihr brennt. Sie interessiert sich auch für Politik, gesellschaftliche Themen u. a., aber wenn ich das richtig verstanden hab, kann sie darüber bis heute nicht in der Öffentlichkeit sprechen, dann kommen wieder ihre Ängste hoch. Und sie ist bis heute kein Partylöwe. Sie unterhält sich intensiv mit ein, zwei Leuten, wenn es passt, und sie geht oft früher heim als andere, weil sie mehr Alleinsein braucht, und weil das Zusammensein mit anderen sie auch erschöpft.
Anscheinend ist es so, dass Introvertierte ihre Energie mehr aus sich selbst schöpfen, während Extrovertierte immer nach „Input“ von anderen hungern – außer, sie wollen ihre „storys“ erzählen. Das ist jetzt etwas extrem ausgedrückt, aber so ungefähr hab ichs mal gelesen.
Vielleicht ist es bei dir ähnlich? D. h. du wirst dich nie völlig umkrempeln können, denk ich, sondern vielleicht lernen, dir so viel Kontakt zu holen, wie du brauchst, und auch die Art von Kommunikation, die dir gut tut.
Dann könnte ich mir auch folgendes vorstellen: Also … bei mir selbst ist eine soziale Phobie diagnostiziert worden, weil ich aber nicht sicher bin, ob es vielleicht doch eine „unsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung“ ist, hab ich mir ein Fachbuch ausgeliehen, in dem die Persönlichkeitsstörungen dargestellt werden und auch mögliche Therapieansätze. Ein Mensch mit Unsicher-Vermeidender Persönlichkeitsstörung möchte am liebsten keinen Schritt auf andere zugehen, weil er unglaublich viel Angst vor dem Urteil oder der Demütigung durch andere hat. Am liebsten würde er sich nur dann öffnen, wenn andere auf ihn zukommen, d. h. eigentlich nur, wenn schon klar ist, dass der andere ihn mag. Die Gründe dafür liegen natürlich in der Kindheit; am Anfang waren die Beziehungen zu den Eltern od. Bezugspersonen wohl gut, aber dann schlägt der „Familienmythos“ zu: „Wir sind eine Familie, die besser ist als die anderen. Wir bringen bessere Leistungen als die Mehrheit!“ Das Kind wird nicht geliebt, sondern dient nur als Mittel, um das schwache Selbstbewusstsein der Eltern zu stützen. Wichtiger als das psychische Wohlergehen des Kindes ist seine Leistung und wie man vor den Nachbarn, „Freunden“, Verwandten … dasteht. Das Kind wurde dauernd kritisiert. Wenn die Leistungen sehr gut waren, war das „selbstverständlich“ und das Kind wurde nicht gelobt , wenn die Leistungen „nur“ gut oder mittelmäßig waren, wurde es endlos kritisiert und gedemütigt. Das kann sich auch aufs Äußere beziehen, u. a.. Das, was diese Leute von ihren Eltern mitbekommen haben, ist eigentlich: „Du bist voller Fehler, da draußen wird dich niemand mögen, bleib also am besten schön bei uns, wir ertragen dich immerhin.“
Passt das irgendwie auf dich? – Das ganze Muster ist natürlich noch komplizierter, ich geb jetzt nur die Hauptsache wieder.
Was ich an dem Buch wichtig finde, ist der Therapieansatz, der damals, ca. 1996, noch neu war: Jede Persönlichkeitsstörung ist eine Reaktion auf ein bestimmtes Kommunikationsmuster (inklusive Handlungen) in der Ursprungsfamilie. Man hat also so was wie eine Negativform vor sich. (Die Positivform war die Krankheit der Eltern.) Wenn sich jemand entschließt, eine Therapie zu machen, dann wird der Patient erstmal genau die Muster wiederholen, die er als Kind gelernt hat (Übertragung), und der Therapeut kann anhand seiner eigenen Gefühle (Gegenübertragung) dann ungefähr spüren, was die Eltern gedacht haben, und so kann er den Punkt, an dem es hakt, leichter finden und eingreifen.
Ich hoffe, ich hab dich jetzt nicht damit überfahren!
Ich finde, man muss auch unbedingt in Betracht ziehen, mit wem wohl welche Beziehung möglich ist. Was ich meine, ist folgendes: Ich selbst betrachte mich als krank, denn mir ist so viel an Nähe nicht möglich, ich hab so große Schwierigkeiten mit Freundschaften (von Beziehungen red ich gar nicht erst), dass ich das einfach nicht als gesund ansehen kann. Du scheinst mir ähnlich einsam und psychisch krank zu sein. Ich hab immer mal wieder Freundschaften gehabt, mal ein paar Jahre, mal 10 Jahre, in einem Fall auch ca. 25 Jahre, aber alles ist kaputt gegangen. Weil ich eigentlich nur Leute richtig gern haben kann, die psychisch gesünder sind als ich. Die mehr Sonne und Selbstsicherheit ausstrahlen. Aber da echte Freundschaften nur dann funktionieren, wenn beide ungefähr gleich viel geben und nehmen, MUSS so was Ungleiches wie bei mir früher oder später kaputt gehen. D. h. der Schwächere fliegt irgendwann gegen die Wand. Und meist dann, wenn er glaubt, dass es diesmal eine richtig gute Freundschaft ist. Ist ja auch zu verstehen, ich will ja auch keine Freundschaft, bei dem es dem anderen andauernd schlechter geht als mir u. ich nur am Stützen bin.
Also, wenn du echte Freundschaften suchst, dann würde ich mir an deiner Stelle irgendwo außerhalb deines winzigen Wohnorts Leute suchen, die ähnliche Interessen wie du haben (Verein, Kurs etc.) und zusätzlich auch psychisch angeschlagen sind; das ist natürlich Glückssache. Ich hab verstanden, dass du bei dir im Dorf eigentlich niemanden weißt, der dir am Herzen liegt. Oder ist das anders?
Vielleicht wüsstest jetzt schon jemandem in deinem Ort, der seelisch ähnlich schwer zu schleppen hat. Allerdings hätte ich in so einem „Kuhdorf“ Angst, dass meine Gesprächspartnerin den Mund nicht halten kann – aber das muss man natürlich von Fall zu Fall entscheiden. Oder du könntest evtl. den umgekehrten Weg gehen – erst eine Psychogruppe suchen und dann hoffentlich dort jemanden treffen, der ähnliche Interessen hat. Immerhin kann man in einer Therapie- oder Selbsthilfegruppe über die Themen sprechen, die einem wirklich unter den Nägeln brennen.
Wenn es dir nur um Smalltalk und Alltagsthemen geht, dann kannst du das natürlich auch direkt in deiner Umgebung üben.
Ich hab den Eindruck, dass du eigentlich auch kein richtiges Hobby hast. Hab ich das richtig verstanden? Wenn man das noch nicht gefunden hat, dann ist alles natürlich doppelt und dreifach schwer … dann weiß man oft nicht, was man sagen soll.
Und dann könnte ich mir vorstellen, dass du deine starken Emotionen nicht so oft rauslässt, wie es nötig wäre. Wenn man sich richtig ausgetobt hat, dann fühlt man sich hinterher so befreit … das weißt du ja selber. Du hast mir mal davon geschrieben. Aber das Wo ist ja oft die große Frage. Außerdem – hast du Muskelverspannungen? Es scheint so zu sein, dass in Verspannungen auch unverdaute Emotionen stecken. Und wenn man sich körperlich und seelisch frei(er) fühlt, dann sprudeln Freude, Unternehmungslust, Selbstbewusstsein und Kommunikationsbedürfnis von selbst. Die Hemmungen sind dann zumindest kleiner.
Ich könnte mir vorstellen, dass bei dir sehr viele Emotionen feststecken. Es ist sehr schwer, mit so wenig Kontakten und so viel Angst zu leben … ich weiß nicht, wie es dir damit geht, aber ich an deiner Stelle wäre oft am Weinen, und ich hätte eine Mordswut auf mein Schicksal oder Gott oder egal auf wen …
Liebe Grüße,
Kaela