Liebe Kelly,
Deinem Vater ist sehr schwer zu helfen, da er voll im Einflußbereich seiner Frau lebt. Vermutlich hat er bereits seit längerer Zeit eine veränderte Wahrnehmung. Damit meine ich: Was Du als schrecklich und als verletzend oder als böse empfindest, ist für ihn vermutlich akzeptabel. Anders hätte er nie zugelassen, dass seine Frau so mit Dir umgeht. Sie hat ihre Meinung zu seiner gemacht. Möglicherweise wird er im besten Fall so etwas sagen wie "sie übertreibt ab und an ein bißchen, aber im Großen und Ganzen meint und macht sie es gut." Gelingt es Dir, ihm ein Buch über Narzissmus in die Hand zu drücken, könnte es sein, dass er seine Frau fragt, was sie davon hält.
Was ich sagen will: Persönlichkeiten, die zerstört werden, lösen sich auf. Von dem Menschen bleibt mehr und mehr nur noch eine äussere Hülle übrig. Alles andere ist "seine Frau in männlichem Körper". Trotzdem will ich Dir die Hoffnung nicht nehmen, denn wer weiß, wie weit Dein Vater noch eine eigene Meinung hat, sich noch irgendwo von seiner Frau abgrenzen kann und über eine abweichende Wahrnehmung verfügt. Ich kann es nicht wissen.... Hoffnung ist immer gut, denke ich, weil Du so Deine Türe für ihn offen hältst.
Noch ein Wort zum biblischen Gebot, die Eltern zu achten und zu respektieren. Mir scheint, dieser Punkte bereitete Dir Probleme. Von daher noch nachfolgende Gedanken:
Also Respekt bedeutet in meinen Augen, als Kind den Eltern zu gehorchen und ihre guten Leistungen, was sie für Dich taten, auch zu würdigen. Es bedeutet aber nicht alles zu tun, sei es gut oder böse. Extremes Beispiel: Fordert eine Mutter ihr Kind auf, Gift zu schlucken, so ist es kein Zeichen von Mißachtung der Mutter, sich der Aufforderung zu widersetzen. Ein Kleinkind kann Gift von guten Lebensmitteln nicht unterscheiden. Ein großes Kind oder ein Erwachsener schon. Es ist eine Frage der Selbstverantwortung, nach gut und böse eigene Entscheidungen zu treffen.
Mit dem Erwachsenwerden wird auch die eigene Fähigkeit zunehmend besser, selbst zwischen gut und böse zu unterscheiden. Der sorgsame Umgang mit Dir selbst ist eine Beachtung des Gebotes, Gottes Geschöpfe zu achten. Du respektierst Gott, der Dir Dein Leben gab, wenn Du mit Deinem Leben sorgsam umgehst. Jesus wurde nach dem höchsten Gebot befragt. Er antwortete: "Liebe Gott von ganzem Herzen und mit vollem Verstand und aller Kraft - und Deinen Nächsten wie Dich selbst." Die Respektierung Gottes und seiner Gebote erfordert es, dass Du den Fragen nach gut und böse auch im Umgang mit Dir selbst nachgehst. Deine Mutter verletzt dieses Gebot und sie verweigert Gott ihren Respekt. Streng genommen verlangt Deine Mutter, dass Du sie mehr respektierst - ihr mehr gehorchst - als Gott. Und bei all dem sollst Du auch noch Überlegungen über gut und böse nicht auf sie bezogen anstellen. Das ist böse.
Ich halte es für gut, das Böse zu bekämpfen. Aber manchmal ist Flucht vor dem Bösen der geeignetere Weg.
LG, Nordrheiner