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Klinefelter Syndrom - Wie soll ich es meiner Familie erklären?

junior*

Mitglied
Hallo

Ich bin knapp 30 Jahre alt, seit 5 Jahren in einer Beziehung.
Ich leide schon seit Jahren unter einem niedrigen Testosteronwert und bekomme deshalb alle paar Monate eine Hormonspritze und seit 2 Jahren weiß ich, dass ich das Klinefelter Syndrom habe (= ein zusätzliches X Chromosom, kann keine Kinder zeugen). Zwar wurden in einer Probe bei mir mehr Spermien gefunden, als bei anderen Personen, die dieses Syndrom haben. Aber das Ergebnis ist dennoch sehr deprimierend. Eine Zeugung auf künstlichem Weg wäre also der letzte Ausweg und auch da scheinen die Chancen eher minimal zu sein.
Jetzt ist es so, dass in meinem Freundes- und Bekanntenkreis schon nahezu jeder mind. 1 Kind hat. Der Druck auf mich wächst also stetig und auch meine Eltern und restliche Verwandtschaft gehen mir schon seit Jahren ziemlich oft mit der Frage auf den Leim, "Wann es denn nun endlich bei mir und meiner Freundin so weit sei?" Denn meine Eltern träumen schon seit Jahren von Enkelkindern.

Ich komme aus einer sehr konservativen christlichen Familie, in der es usus ist, dass der Erstgeborene auch die ersten Kinder bekommt. Künstliche Befruchtung wird da als etwas "teuflisches" abgetan und mit Leuten aus unserem Bekanntenkreis, die sich dieses "Prozedere" über sich ergehen ließen, will man dann nichts mehr zu tun haben.
Meinen Eltern ist es sehr wichtig was andere über sie denken. Schließlich ist die Familienehre soooo unglaublich wichtig.🙄 Deswegen lassen sie nichts unversucht, um in der Öffentlichkeit gut dazustehen. Wenn jetzt also raus kommen würde, dass ihr Erstgeborener nicht dazu in der Lage ist, Kinder zu zeugen, wäre das eine Schande, von der sie sich wohl nicht erholen würden. Ich denke die Familie würde dann auch (wieder) daran zerbrechen. Mein Vater hatte vor Jahren ein Alkoholproblem und jetzt ist die Sorge da, dass er dann wieder mit dem Trinken beginnen könnte, wenn ich ihm von meinem Geheimnis erzählen würde.


Meiner Freundin, die ein paar Jahre jünger ist als ich, habe ich noch nichts von dem Testergebnis erzählt. Über meine Testo-Probleme weiß sie aber bescheid. Bezüglich des Kinderwunschs ist sie eher zurückhaltend und will noch ein paar Jahre warten, doch irgendwann werde ich es ihr sagen müssen. Die Fragen von ihrer und meiner Verwandtschaft gehen ihr aber auch auf die Nerven.
Wir haben uns kürzlich spaßhalber mal einen Hund angeschafft und ein paar Karten mit enthaltenem Kinderwagenfoto + Hund, mit der Aufschrift "Jetzt ist es endlich so weit" an die Verwandtschaft versendet. 😀

Meine Angst aber ist, dass meine Freundin mich verlassen könnte, wenn ich ihr eröffnen würde, dass ich nicht zeugungsfähig bin und dass sich meine Familie von mir abwenden könnte.

Was denkt ihr?
Wie soll ich meiner Familie auf schonender Art und Weise erklären?
 
Hallo Junior,

wie geht es dir selbst denn mit der Diagnose?

In deiner Schilderung vermisse ich dein Empfinden, deine Wünsche an dein Leben, deine Lebenspläne.

Mein erster Impuls war, die Diagnose allen einfach schriftlich vorzulegen. Natürlich muss jedem ein "Schock" zugestanden werden, zerplatzen doch Illusionen. Aber was ist mit dir? Wer kümmert sich um deinen Gemütszustand?

Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben!

Menschen, die sich in dieser Richtung nicht für mich interessieren, haben in meinem Leben keinen Platz mehr. Aber ich bin auch wesentlich älter als du und es war ein langer Weg.
 
Hallo junior*,

ich hoffe, dass du damit klar kommen wirst und deine Freundin (ihr würde ich es, auch wenn es dir schwer fällt, schnellstmöglich sagen) verständnisvoll ist. Klar ist ein Kinderwunsch immer etwas Besonderes, aber ich denke sie wird dir den Rücken stärken.

Ich bin selber Christ, aber wenn ich so etwas immer lese, dann steigt mir die Galle hoch. Dass Eltern von Enkeln träumen ist normal, aber sie sollten auch die Wünsche bzw. "Schwächen" der Kinder akzeptieren. Ist denn dein Leben in der Betrachtung deiner Eltern nur christlich und korrekt, wenn du ihnen einen Enkel schenkst ? Heißt christlich sein, den Nächsten so zu lieben und akzeptieren wie er ist mit all seinen Fehlern/Stärken/Schwächen/Krankheiten ?

Auch deinen Eltern solltest du das zeitnah klar machen, denn ich denke, dass es dir damit auch nicht gut geht, wenn du es allen verheimlichst.
 
Meine Angst aber ist, dass meine Freundin mich verlassen könnte, wenn ich ihr eröffnen würde, dass ich nicht zeugungsfähig bin und dass sich meine Familie von mir abwenden könnte.

Als erstes solltest du es deiner Freundin sagen.
Die meisten Frauen wollen irgendwann Kinder haben und für Frauen haben nicht ewig Zeit dafür.
Wenn sie sich für dich und gegen Kinder enscheidet, dann ist das ihre Entscheidung. Aber wenn du es ihr nicht sagtst, wäre das sehr unfair.
 
Zuletzt bearbeitet:
Du solltest dir nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie du es deiner Familie sagen kannst. Sondern deiner Freundin. Finde ich nicht in Ordnung, ihr so eine Tatsache seit zwei Jahren zu verschweigen. Du weißt, dass sie mal Kinder will. Und durch die Unterschlagung einer wichtigen Wahrheit willst du sie künstlich an dich binden.
Finde ich nicht in Ordnung.
 
Wie fühlst du dich denn damit?

Deiner Freundin solltest du es schon sagen, finde ich...Wenn du es ihr erst in 5 Jahren oder so sagst und es kommt raus, dass du es schon lange wusstest, dann wirds richtige Probleme geben.
Wenn man das vorher weiß, können wenigstens noch andere Maßnahmen in Betracht gezogen werden, zb Sperma von einem Spender, der dir ähnlich sieht, Adoption oder Pflegekinder.
Falls du überhaupt Kinder möchtest, liest sich eher so, als wollten deine Eltern nur welche.

Deine Eltern wären eine Schande, wenn sie dich wegen sowas fallen lassen, da kannst du doch nichts für! Vielleicht reagieren die auch überraschend entspannt?
 
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sehr erwachsene Menschen immer noch von der Meinung und Erwartung Ihrer Eltern abhängig sind.

A) Du bist erwachsen. Du bist der Meister Deiner Welt. Nicht Deine Eltern. Ich weiß, dass es nicht einfach ist - aber schau, dass Du Dich von den Erwartungen anderer befreist. Es lebt sich einfacher.

B) Sag es Deiner Freundin. Es ist das Recht eines jeden Menschen frei zu entscheiden mit wem und unter welchen Voraussetzungen man mit seinem Partner zusammen ist. Gib ihr die Möglichkeit.

C) Ich selbst habe eine gute Freundin, die sich sehr extrem ein 2. Kind wünscht (das erste war ein Glücksfall, da ihr Mann einen genetischen Fehler hat, mit dem Kinder entweder vor Geburt abgehen oder mit dem gleichen Problem, sprich schwierige Zeugungsfähigkeit, überleben). Sie würde auch ein Kind von einem Fremdspender austragen wollen.
Wie stehst Du dazu? Willst Du überhaupt Kinder (wenn der Druck von außen nicht wäre), wenn ja, unter welchen Voraussetzungen würdest Du welche in die Welt setzen (sprich: wärst Du bereit, dass Deine Frau den Samen eines Fremden austrägt). Oder würdest Du am liebsten keine Kinder haben? Oder wäre eine Adoption eine Möglichkeit für Euch? Das alles würde ich - nach Entscheidung Deiner Freundin bei Dir zu bleiben - besprechen. Vielleicht will sie aber auch keine Kinder? Dann wäre die Frage, was willst Du?


Das ist alles nicht leicht. Und noch weniger, wenn so hohe Erwartungen von der Familie daher kommen. Aber überleg mal: in welcher Zeit leben wir? Im Mittelalter?
Meine Mum wollte auch gerne Enkelkinder - sie hat keine bekommen, weder von mir noch von meinem Bruder ... auch sie musste damit leben lernen. Ansonsten wäre sie jetzt allein. Und oh Wunder: sie kommt super klar damit. Ihr ist es - wider Erwarten - wichtiger, dass ihre Kinder glücklich sind. Und dafür bin ich ihr - bei allen anderen Dingen - echt dankbar, dass sie es schafft, in diesem Punkt einfach zu sehen: es ist die Entscheidung meiner Kinder - und nicht die meine. Und sie hat tollte Freunde, die sie nicht damit nerven, dass sie alle ja so dolle Enkelkinder haben - nur sie nicht.

Im Prinzip bleibt Dir zuerst nur eines: Kläre das mit Deiner Freundin. Wenn da Klarheit herrscht, dann kannst Du Deiner Familie gegenübertreten. Und dann stelle ich mir noch die Frage: Du hast ein zusätzliches X Chromosom - das ist doch eine genetische Sache, oder? Dafür kannst Du überhaupt nichts - das hast Du via "Erbschaft" von Deinen Eltern erhalten. Also lass Dir hier nix von Schuld oder sonst etwas einreden.

viel Glück
 
Hallo Junior,

wie geht es dir selbst denn mit der Diagnose?

In deiner Schilderung vermisse ich dein Empfinden, deine Wünsche an dein Leben, deine Lebenspläne.

Mein erster Impuls war, die Diagnose allen einfach schriftlich vorzulegen. Natürlich muss jedem ein "Schock" zugestanden werden, zerplatzen doch Illusionen. Aber was ist mit dir? Wer kümmert sich um deinen Gemütszustand?

Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben!

Menschen, die sich in dieser Richtung nicht für mich interessieren, haben in meinem Leben keinen Platz mehr. Aber ich bin auch wesentlich älter als du und es war ein langer Weg.


Es war anfangs ein enormer Schock. Mir ging es über Wochen und Monate schlecht. Weil ich wollte schon irgendwann mal Kinder, aber niemals vor dem 30. Lj und aktuell ist es mir ohnehin wichtiger mit dem Studium fertig zu werden.
Mittlerweile ist es mir egal ob ich mal Kinder haben werde.
Ich weiß noch, dass ich damals mit meiner Therapeutin (Glücksspielsucht) darüber gesprochen habe und sie mir geholfen hat, den Schock relativ gut zu verarbeiten.

An das Vorlegen des Schriftstücks habe ich noch nicht gedacht. Danke. Ich habe oft Gedanken daran verschwendet es einfach zu sagen...
 
Als erstes solltest du es deiner Freundin sagen.
Die meisten Frauen wollen irgendwann Kinder haben und für Frauen haben nicht ewig Zeit dafür.
Wenn sie sich für dich und gegen Kinder enscheidet, dann ist das ihre Entscheidung. Aber wenn du es ihr nicht sagtst, wäre das sehr unfair.

Das war auch mein Gedanke. Meine Freundin ist, wie erwähnt, noch eher zwiegespalten. Einerseits ist ihr ihre Karriere sehr wichtig und die Uneingeschrenktheit (z.B. bei Reisen, weil wir sehr viel auf Abenteuerurlauben sind), andererseits ist sie schon etwas, ich sag mal so, "neidisch". Wenn z.B. eine Freundin mit Kind(ern) zu Besuch ist, dann beschäftigt sie sich ausgiebig mit den/m Kind/ern.
 
Deiner Freundin würde ich es aus Fairnessgründen bald sagen.

Deinen Eltern würde ich nur mitteilen, dass deine Zeugungsfähigkeit vermindert ist. Den Syndrom-Namen würde ich gar nicht erwähnen. Es geht ja nur um dessen Auswirkung. Ob und wann ein Kind kommt, steht deinen Eltern gegenüber damit in den Sternen. Jedoch hört die Fragerei dann auf und sie haben auch eine Art Erklärung.

Wenn du und deine Freundin ein Kind wollte, könnt ihr die Hilfe in Anspruch nehmen, die es heute gibt, wenn ihr das wollt. Wenn du weißt, dass deine Eltern gegen bestimmte Maßnahmen sind, würde ich es ihnen einfach nicht mitteilen, was ihr macht. Es gibt kein Anspruch der Eltern darauf zu erfahren, auf welche Weise ein Kind empfangen wurde. Das ist eure absolute Privatsache. Etwaige Nachfragen dazu würde ich unter Hinweis auf eure Privatsphäre nicht beantworten.

Ob dein Vater als Reaktion auf irgendeinen Tatbestand der Realität wieder zur Flasche greift oder nicht, bleibt allein ihm überlassen. Wenn er mit einem Tatbestand nicht klar kommt, muss er sich Hilfe suchen. Grundsätzlich sollte man Menschen nicht mit der Realität "verschonen", das ist letztendlich nur kontraproduktiv und sowieso überhaupt nicht möglich.

Trau dich, ein eigener Mensch mit eigenen Entscheidungen und Privatsphäre zu sein. All the best.
 

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