Liebe Felicitas, ich habe Deine Frage gelesen und möchte Dir antworten:
Erst einmal vorangestellt: ich bin 52 Jahre alt, habe schon zwei erwachsene Kinder, die eigene Familien haben und der letzte, der ist 20, der ist noch zu Hause.
Ich muss Dir sagen, dass für mich jede Trennung der Kinder - obwohl ich es nicht wollte - fast ein Drama war, seelisch betrachtet. Es wird einem bewusst, dass das heranwachsende Kind sich aus der Einheit Mutter-Vater-Kind Schritt für Schritt löst und in sein persönliches Leben geht. Man will einfach nicht an den Abschied denken, der ja irgendwie doch einer ist. Wenn man jung ist, dann denkt man nicht an den Tag des Abschieds, wenn das Kind aus der elterlichen Wohnung auszieht, aber jede Trennung ist etwas vom Hergeben, hat das Verlassen durch geliebte Menschen an sich. Meistens sind es die Mütter, die dann Probleme haben. Aber weißt Du, viel mischt sich da die Sorge um das Wohlergehen der Kinder hinein, sie glauben, dass der junge Mensch sich mit jedem Schritt weiter von ihnen entfernt. Genau genommen ist es ja auch so, aber es ist so schwer, das gefühlsmäßig hinzukriegen, sonst würde es ja nicht so viele Konflikte geben. Man kann diese Sorge dann schlecht unterdrücken. Manche haben auch die Kinder zum Lebensmittelpunkt gemacht und glauben, dass ohne sie gar nichts geht. Sie trauen den Jugendlichen nicht viel zu, möchten ihnen alle Steine aus dem Weg räumen, sie vor allem beschützen, was sie glauben beschützen zu müssen. Sie fühlen sich ungerecht entlohnt für die vielen Jahre der Mühe und Entbehrungen, die Kinder nun auch mal so mit sich bringen und erhoffen sich vielleicht lebenslange Dankbarkeit oder Anhänglichkeit ... Und wenn ein Elternteil allein mit dem Kind gelebt hat, dann ist es oft so, dass sie dann plötzlich keinen Sinn mehr in ihrem eigenen Tun sehen. Sie merken, dass die Kinder die Eltern nicht mehr zu jedem und allem brauchen, dass sie sich zu gleichaltrigen hingezogen fühlen, mit denen über ihre Probleme reden. Die Eltern vermögen nicht hinzunehmen, dass sie nicht mehr die erste Geige im Leben ihrer Kinder spielen. Und dagegen wehren sie sich, wie bei Dir, mit allen Mitteln, selbst mit Dingen, für die sich Deine eigene Mutter im Stillen vielleicht schämt, um diesen Platz wieder zurückzuerobern. Aber natürlich reagiert dann auch das Kind aus seiner Sicht und diese beiden Ansichten können einfach nicht zusammen passen. Manche Eltern schaffen es, relativ “unbeschadet” diese Phase zu überstehen, bei anderen gibt es heftige Auseinandersetzungen. Dabei wissen wir es doch alle, wir müssen unsere Kinder eines Tages ziehen lassen. Ich kenne da einen sehr schönen Spruch, der etwa so lautet: Gib Deinem Kinde Flügel und lass es los. Aber das ist so eine Sache mit den Sprüchen. Womit ich den Bogen wieder kriege: Ich muss Dir sagen, dass ich auch immer ein ungutes Gefühl habe, wenn mein Sohn am Wochenende auf Achse ist und er bis frühmorgens nicht heimkommt. Ich will es gar nicht, aber ich werde einfach wach und mir wird hundeelend, wenn er nicht in seinem Bett liegt und bis Mittag sich ausschläft .... Na klar, er wird mich nicht anrufen, wenn er bei seiner Freundin übernachtet ... Und trotzdem mache ich mir Sorgen und bin erst dann ruhig, wenn sich der Schlüssel in der Tür dreht. Und ich frage ihn auch, mit wem er unterwegs ist. Aber ich kontrolliere nicht seine Sachen oder schnüffele in seinem Zimmer. (Das ist übrigens auch immer ein “kleines Chaos”, aber nicht meins ...) Ich mache mir einfach Gedanken und wünsche mir nur, dass ihm nichts zustößt, ich meine, wenn ich nachts nicht schlafen kann, dann helfe ich ihm damit auch nicht .... Aber ich werfe es ihm auch nicht vor, das sage ich ihm gar nicht, aber Angst habe ich trotzdem immer ...
Jetzt hat sich vor 2 Wochen ergeben, dass er ab dem 2. April einen Arbeitsplatz in der Schweiz haben wird. Wie haben wir uns alle gefreut für ihn. Als ich dann mehr daran dachte, da tat mir mein Herz weh, also muss ich jetzt auch meinen Letzten ziehen lassen. Keine lauten Gitarrenklänge mehr im Haus, kein dröhnendes MTV, überall seine Klamotten, wo er ging und stand ... Kein Gequatsche mehr im Bad, wenn er im Wasser lag und ich auf dem WC saß, da klönten mir manchmal über Gott und die Welt. Er wird mir fehlen. Am Samstag habe ich den Flug im Internet gebucht und danach erst mal geheult. Ja, warum eigentlich? Ich freue mich doch für ihn, dass er geht, doch ich hatte es mir nicht so schnell vorgestellt ..... Immer wenn ich an den Abschied denke, der nächste Woche kommt, dann könnte ich heulen und lachen ... Er soll ja gehen ... Aber es tut mir weh ....
Natürlich weiß ich, dass es natürlich ist, meine anderen Kinder habe ich ja auch nicht verloren, im Gegenteil, ich habe noch die jeweiligen Partner zur Familie dazubekommen und sogar schon Enkelchen. Aber diese Zeit der Trennung, der Abnabelung ist schon nicht leicht.
Das wollte ich Dir, liebe Felicitas einfach mal schreiben, so meine Gedanken dazu. Ich wünsche Dir sehr, dass Du und Deine Mutter einen Weg finden, der Euch beiden guttut und der Euch gleichberechtigt miteinander leben lässt.
Liebe Grüße