Hallo Cho
Ich bin durch Zufall auf Deinen Thread gestoßen und vieleicht kann ich dir ein wenig helfen.
Ich habe beruflich schon mehrfach Trauernde betreuen müssen. Dabei habe ich ähnliches erleben können.
Das was du zur Zeit durch machst, ist eine völlig normale Situation. Vieles davon (Gedanken, Gefühle) läuft unbewusst in uns ab, äußert sich aber in bewusst wahrnehmbaren Effekten (Schreiben, Panikattacken etc.)
Dein Großvater war wie ein Papa, sagtes du. Er war also eine der wichtigsten Bezugspersonen für dich.
Somit ist sein, Wunsch, dass du dein Abi machst, sehr wichtig für dich.
Ein Ziel, das er dir vorgab und mit dem du dich identifiziert hast.
Nun hast du seinen Herzenswunsch erfüllt. Das Ziel ist erreicht.
Somit hast du eine Etappe abgeschlossen, aber du kannst es deine Opa nicht mitteilen.
Wäre dein Opa noch da, dann würde er sich mit dir freuen, dich loben und dir eventuell Tips für deine Zukunft geben. Er wäre - zumindest in beeinflussender Art - richtungsweisend für dich, so wie er es in Bezug auf dein Abi war. Das ist ganz normal, da er ja eine deiner, wenn nicht gar Die Hauptbezugsperson für dich war.
Das fehlt nun aber. Er kann dir nicht helfen, deinen weiteren Lebensweg zu finden. Das musst du alleine schaffen. Daher können diese Panikattacken rühren.
Und dadurch kann sich auch deine erwähnte Schreibblockade erklären. Während deines Abis war dein Opa durch seinen Wunsch, du mögest das Abi schaffen, präsent. Dann hattest du wenig Zeit ihm zu schreiben. Und nun geht das von deinen Emotionen her nicht mehr.
Entweder ist es eine Art von unbewussten "schlechtem Gewissen" - Ich habe so lange nicht geschrieben, kann ich nun damit wieder anfangen?) oder eine Art Resignation (Wozu schreiben, er ist ja doch nicht da)
Die ganze Zeit war das Schreiben ein Ritual, eine Art Ventil für deine Trauer. Und dieses Ventil ist nun zu und geht nicht mehr auf. Das ist ganz normal, da sich jeder Trauernde eine Art Ritual aneignet, um mit dem Verlust umzugehen. Versuche einfach, weiter eine Art Ritual zu finden. Es muss nicht schreiben sein.
Besuche sein Grab und erzähle dort mit ihm. Falls das nicht geht, weil zu weit weg: Such dir z.B. in einen Park oder Waldstück einen Baum, der dich an deinen Opa erinnert. Groß und stark wenn dein Opa so war. Oder wenn dein Opa schlank und klein war, suchst du dir einen kleinen Baum. Oder vieleicht erinnert dich ein Busch an die Haartracht deines Opas. Es ist egal was für ein Baum oder Busch. Setze dich unter den Baum oder Busch und erzähle einfach, was du in den letzten Tage´n erlebt hast.
Alternativ kannst du dir auch eine Pflanze im Gartenbaumarkt holen und sie in der Wohnung aufstellen.
Oder wenn du ein Haustier hast, setze dich zu dem Haustier und erzähle ihm alles.
Ist dein Opa gerne Rad gefahren? Falls ja, sprich mit deinem Fahrad.
Es mag zuerst als komisch anmuten, mit Pflanzen, Tieren oder gar Gegenständen zu reden. Aber es hilft. Du kannst zuerst so reden, als ob du mit deinem Opa spricht. DaAnn solltest du nach und nach dazu übergehen, indirekt zu sprechen, nach dem Motteo: "Wenn Opa jetzt hier wäre, dann würde ich ihm erzählen, dass ich das und das erlebt habe..."
Irgendwann geht es dann von alleine dazu über, dass du nicht mehr direkt, sondern in Gedanken redest. Und das ist ganz ok. Ich schildere dir kurz, wie mir dieses Vorgehen selber geholfen hat.
Meine Oma starb vor mehr als 10 Jahren an Krebs. Ich hatte selber schon Krebspatienten auf dem Sterbebett begleitet. Darum und weil meine Oma mir ein starkes Vorbild war, war das Ganze für mich sehr schrecklich.
Die absoluten Lieblingsblumen meiner Oma waren Rosen. Sie liebte es sehr, in ihrem Garten die Rosen zu pflegen oder einfach nur zu sitzen und sie zu betrachten.
Nachdem meine Oma gestorben war, kaufte ich mir öfter Rosen als sonst. Und jedesmal, wenn ich einen Rosenstrauß in die Vase stellte, sprach ich mit den Rosenstrauch wie mit meiner Oma.
Irgendwann, vor allem wenn ich in irgendwo unterwegs war und da einen Rosenstrauch sah, liefen diese "Gespräche" in meinem Kopf ab. Später ließen sie nach, aber jedesmal, wenn ich heute noch Rosen sehe, denke ich: "Oma, die Blumen würdest du auch schön finden!"
Und auch heute noch kommt es manchmal vor, dass ich vor einer Entscheidung denke: "Na Oma, was würdest du dazu sagen?" So ist meine Oma in meinen Gedanken und vor allem im Herzen immer noch präsent, auch wenn sie nicht mehr da ist. Dieser Prozess hat bei mir fast fünf Jahre gedauert.
Auch die Panikattacken hatte ich. Sie kamen, da ich mich nicht von meiner Oma verabschieden konnte. Die Zeit von der Diagnose bis zum Tod meiner Oma dauerte nicht mal 10 Tage. Und die meistze Zeit lag sie im künstlichen Koma. Zudem arbeitete ich damals 600 km weit entfernt und bekam nicht frei. Diese Panikattacken ließen aber nach, als ich anfing, über Rosen mit Oma zu kommunizieren.
Wenn du allerdings merken solltest, dass das alles nichts hilft, die Panikattacken zunehmen oder die Trauer sich auf deinAlltagsleben auswirkt, solltest du dir professionelle Hilfe holen. Gespräche mit einem Pfarrer oder Psychologen helfen. Es gibt auch Vereine zur Trauerhilfe bei der Caritas oder Diakonie. Auch wenn du schon 18 bist, kannst du dort auch nach spezielle Angeboten für Jugendliche fragen.
So, ich hoffe nun, dir ein wenig geholfen zu haben. Wenn du weiter Fragen hast, helfe ich auch gerne weiter.
:blume: Die Toten sind nicht fort. :blume:
:blume: Sie sind nur umgezogen, sie wohnen jetzt in unseren Herzen und Gedanken. :blume: